Expertenmeinung

Moderate Belebung des globalen Wirtschaftswachstums erwartet

ANNA STUPNYTSKA - 03.02.2015

Anna Stupnytska, Volkswirtin bei Fidelity Worldwide Investment:

  • Nachlassender Sparzwang, lockere Finanzierungsbedingungen und niedrige Rohstoffpreise begünstigen das weltweite Makroumfeld
  • Aufschwung in der Eurozone nimmt in der zweiten Jahreshälfte Fahrt auf
  • Asien zeigt sich am widerstandsfähigsten gegenüber geopolitischen Risiken wie der Krise in Russland oder der Situation in Griechenland

Moderate Belebung des globalen Wirtschaftswachstums erwartet

Globales Wachstum: Rückläufige Inflation dürfte im ersten Halbjahr anhalten

"Aktuell sehe ich vor allem drei positive Entwicklungen, die in diesem Jahr eine moderate Belebung des Weltwirtschaftswachstums begünstigen könnten. Erstens hat in vielen Industrieländern der Sparzwang der öffentlichen Hand etwas nachgelassen. Zweitens wurden die Finanzierungsbedingungen gelockert: So hat die Europäische Zentralbank EZB quantitative Lockerungen angekündigt und die chinesische Zentralbank ihre Liquiditätsspritzen verstärkt. In Kanada, Indien und der Türkei haben die Zentralbanken die Zinsen im Januar gesenkt, und auch von der Bank of Japan werden wohl weitere Stimulusmaßnahmen kommen. Drittens helfen niedrige Rohstoffpreise den Konsumenten auf der ganzen Welt und sorgen für eine entspanntere Haushaltslage in ölimportierenden Ländern. Es dürfte jedoch noch drei bis sechs Monate dauern, bis sich die niedrigeren Energiepreise spürbar positiv beim Wachstum bemerkbar machen. Der starke rückläufige Inflationstrend dürfte zumindest im ersten Halbjahr 2015 anhalten, während die Aussichten für das zweite Halbjahr von der Entwicklung beim Ölpreis abhängen. Die größten Risiken gehen meiner Ansicht nach von der Russlandkrise und einem unerwartet schnellen Anstieg der Inflation und der Löhne in den USA aus.

USA: Erste Zinserhöhung im vierten Quartal erwartet

Die US-Wirtschaft erholt sich weiter, getragen von niedrigen Kreditzinsen, nachlassendem Sparzwang der Regierung und gesunkenen Energiepreisen. Für die jüngste Schwäche einiger Indikatoren, wie etwa des Einkaufsmanagerindexes, waren Energiekomponenten verantwortlich. Das Gleiche gilt für die realen Einzelhandelsumsätze oder den Kernverbraucherpreisindex. In den kommenden Monaten jedenfalls dürfte sich der Rückenwind für den Konsum und sinkende Produktionskosten infolge fallender Energiepreise zunehmend in den Daten niederschlagen. Diese Entwicklung findet mit gewisser Verzögerung statt. So kann es durchaus noch drei bis sechs Monate dauern, bis die positiven Auswirkungen der niedrigen Energiepreise umfassend beim Wachstum durchschlagen. Allerdings wird sich das Wachstumstempo in den USA in diesem Jahr wohl nicht so kräftig beschleunigen wie 2014. Gerade einige auf Umfragen basierende Indikatoren werden deshalb ihren aktuellen Höchststand wohl nicht halten können. Unterdessen verhindern eine sinkende Inflationsrate und ein stärkerer Dollar vorerst, dass die Fed auf einen restriktiven Kurs umschwenkt. Nach wie vor bin ich überzeugt, dass die erste Zinserhöhung im vierten Quartal kommen wird.

Eurozone: Konjunkturelle Talsohle wurde durchschritten

Aus meiner Sicht verdichten sich die Anzeichen, dass die konjunkturelle Talsohle im Schlussquartal 2014 erreicht wurde. Wir erwarten daher, dass der Aufschwung in den nächsten Monaten an Kontur gewinnt. Nach ihrer Sitzung im Januar hat die EZB ein ambitioniertes quantitatives Lockerungsprogramm angekündigt. Das dürfte den Euro weiter schwächen, die Zinsen zusätzlich drücken und so die Weichen für einen Wiederanstieg des Wachstums im laufenden Jahr stellen. Zusätzliche Impulse dürften von niedrigeren Energiepreisen und der weniger rigiden Sparpolitik ausgehen. Wie überall werden sich auch hier die Veränderungen erst mit Verzögerung bemerkbar machen. Mit einem (wenn auch moderaten) sich selbst tragenden Aufschwung ist daher nicht vor der zweiten Jahreshälfte zu rechnen. Bis dahin werden Unsicherheiten über die weitere Entwicklung in Griechenland und die Gefahr einer Zuspitzung der Russlandkrise, die über die Finanzmärkte auf andere Bereiche übergreifen könnte, die Märkte in Atem halten.

Japan: Löhne werden nur mit strukturellen Reformen dauerhaft steigen

Eine insgesamt marktfreundlichere Politik, sinkende Energiepreise und eine stärkere Auslandsnachfrage dürften den leichten Wiederanstieg des Wachstums im Jahresverlauf stützen. Das beschleunigte Wachstum wird sich jedoch wohl erst zur Jahresmitte deutlich bemerkbar machen. Sollten Inflation und Inflationserwartungen weiter zurückgehen, könnte sich die Bank of Japan zu weiteren Maßnahmen gezwungen sehen. In der Zwischenzeit sollten Anleger die Möglichkeit eines Nachtragshaushalts im Auge behalten, der Aufschluss über die Haushaltspolitik der Regierung geben würde. Mit den Lohnverhandlungen im Frühjahr werden wohl wie schon 2014 die Nominallöhne steigen. In Verbindung mit geringerem Preisauftrieb dürften sie zudem eine Erholung der Reallöhne bewirken. Aber wie gehabt sind Strukturreformen für mehr Produktivität in den Unternehmen die Voraussetzung dafür, dass die Löhne dauerhaft steigen können. Kein leichtes Unterfangen, denn der Schwung der Wirtschaftsreformen von Ministerpräsident Abe wird in den kommenden sechs bis zwölf Monaten kaum merklich zunehmen.

China: Jüngste Stimulusmaßnahmen dürften Konjunktur im ersten Halbjahr beleben

Das langsamere Wirtschaftswachstum in China als Folge struktureller Reformen hält an. Parallel werden die Ungleichgewichte im Schattenbankensystem und im Immobiliensektor allmählich abgebaut. Im dritten und vierten Quartal 2014 erreichte der Minizyklus die Talsohle. Daher könnte es im ersten Halbjahr dieses Jahres zu einem sehr moderaten Anstieg der Konjunkturdaten kommen, getragen von den jüngsten allgemeinen und gezielten Stimulusmaßnahmen sowie den Investitionen in die Infrastruktur. Der starke Renminbi bleibt eine Belastung für den Export. Wegen der stärkeren Auslandsnachfrage könnten die Nettoexporte jedoch in der zweiten Jahreshälfte wieder positiv zum Wachstum beisteuern. Da stabiles Wachstum ein erklärtes Ziel der Regierung in Peking ist, ist eine harte Landung nach wie vor unwahrscheinlich. Weil aber auch Reformen unverändert im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, können Stimulusmaßnahmen bei kleinsten Anzeichen für mehr Wachstum von jetzt auf gleich zurückgenommen werden.

Schwellenländer: Rohstoffexportierende Länder weiter unter Druck

Im Jahresverlauf werden die Unterschiede zwischen den Schwellenländern zunehmen. Rohstoffexportierende Länder werden dabei auch weiter mit den Folgen des nachlassenden Wachstums in China und sinkender Ölpreise zu kämpfen haben. Das gilt besonders für Russland, Brasilien, Chile und Südafrika. Zugleich dürften die meisten Länder Asiens, die Türkei sowie Zentral- und Osteuropa von der allmählichen Wachstumsbelebung dank einer günstigen Entwicklung der Ausfuhrpreise – verglichen mit den Einfuhrpreisen – und niedriger Inflation profitieren. Interessanterweise hat der schwächere Preisauftrieb es den Zentralbanken der Türkei und Indiens bereits ermöglicht, die Zinszügel zu lockern. In den nächsten Monaten dürfte der Handlungsspielraum der genannten und anderer Schwellenländer weiter wachsen. Unter allen Regionen zeigt sich Asien immer noch am widerstandsfähigsten gegenüber möglichen Risiken, ausgehend von der Krise in Russland, von weltweit steigenden Renditen und Unsicherheiten rund um die Entwicklungen in Griechenland."

Die Autorin:

Anna Stupnytska ist Volkswirtin bei Fidelity Worldwide Investment.

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