Expertenmeinung

Am Grexit kann niemand Interesse haben

DIERK BRANDENBURG, EUGENE PHILALITHIS - 24.06.2015

Vor dem EU-Gipfel morgen geben Dierk Brandenburg, Staatsanleihen-Analyst, und Eugene Philalithis, Manager des Fonds Fidelity Zins & Dividende, ihre Einschätzungen zu Auswirkungen eines möglichen Grexit:

  • Griechische Staatsanleihen halten wir für sicher, da sie nur geringen Anteil an der Kapitalstruktur des Landes haben
  • Sollten Verhandlungen scheitern, wäre Eurozone in der Lage, mit Unterstützungsmechanismen und der quantitativen Lockerungspolitik die Folgen für Finanzmärkte abzufedern
  • Allerdings dürften Schwankungen zunehmen, sofern der EU-Gipfel wieder keine Lösung präsentiert

Am Grexit kann niemand Interesse haben

Dierk Brandenburg: "An einem Grexit kann niemand Interesse haben, würde er doch einen weiteren Einbruch der dortigen Wirtschaft und damit mehr Finanzhilfen und einen Forderungsverzicht der EU nach sich ziehen.

Griechische Staatsanleihen halten wir für sicher, da sie nur geringen Anteil an der Kapitalstruktur des Landes haben – anders als die horrenden Verbindlichkeiten der öffentlichen Hand, die bereits umgeschuldet wurden. Nach dem Anleihetausch 2012 sind Staatsanleihen nun mit robusten Anleihebedingungen nach internationalem Recht ausgestattet, unter anderem mit Umschuldungsklausen, nur mit Zustimmung der Gläubiger. Abgesehen von einer geringfügigen Zahlung im Juli sind die nächsten Kuponzahlungen erst 2016 fällig. Insbesondere nach einem Euro-Austritt hätte die Regierung großes Interesse, diese Anleihen zu bedienen, um sich weiter Zugang zu den Auslandsanleihemärkten zu sichern.

Sollten die Verhandlungen scheitern, wäre die Eurozone anders als 2012 in der Lage, mit ihren Unterstützungsmechanismen und der quantitativen Lockerungspolitik der Europäischen Zentralbank die Folgen für die Finanzmärkte als Ganzes abzufedern. Daher reagieren die Anleihemärkte aktuell auch gelassen. Mit einem Grexit würde jedoch ein Präzedenzfall für andere Mitglieder der Eurozone geschaffen. Daher müssen dringend weitere politische Schritte hin zu einer gemeinsamen Haushalts- und Wirtschaftspolitik in der Eurozone ergriffen werden."

Eugene Philalithis: "Mehr als alles andere verabscheuen die Märkte Unsicherheit. Nach dem EU-Gipfel am Donnerstag dürften die Schwankungen zunehmen, sofern man wieder keine Lösung für die Krise präsentiert. Wie immer in politisch heiklen Situationen müssen auch hier die Folgen einer Staatspleite Griechenlands und eines möglichen Grexit für die Region als Ganzes bedacht werden. Meines Erachtens ist die EU heute generell in einer besseren Verfassung als vor wenigen Jahren. Die anderen europäischen Länder dürften daher relativ gut gegen die Folgen einer Staatspleite Griechenlands gewappnet sein."

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Die Autoren:

Dierk Brandenburg ist Staatsanleihen-Analyst und Eugene Philalithis Manager des Fonds Fidelity Zins & Dividende.

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