„Jeder ist seines Glückes Schmied“: Diese Redewendung hat sich in der Coronazeit in einigen Fällen als sehr zutreffend erwiesen. Denn hinsichtlich der Unternehmensführung trennte sich in etlichen Fällen die Spreu vom Weizen: durch die Art, wie die Firmenlenker proaktiv durch die Krise gesteuert haben – oder eben nicht.

In diesem zweiten Teil meiner Marktbetrachtung zu asiatischen Aktien gehe ich außerdem auf einige Entwicklungen ein, die mir zu denken geben. Eine erkenntnisreiche Lektüre wünscht Ihr Suranjan Mukherjee (weiterhin aus dem Homeoffice).

Asien: wer erholt sich am schnellsten? Lesen Sie jetzt Teil 1

Der Unterschied zwischen proaktiven und passiven Unternehmensleitungen

Ich habe beobachtet, dass Geschäftsleitungen in den letzten Monaten ihre Arbeit unterschiedlich gut gemacht haben. Die besten Führungsteams haben einen kühlen Kopf bewahrt. Durch kluge Kapitalallokation konnten sie ihr Geschäftsmodell stabilisieren und langfristig Wert für ihre Aktionäre schaffen. Ich bin vom proaktiven Handeln einiger Geschäftsleitungen sehr beeindruckt. Sie haben die Krise dafür genutzt, um gute Beziehungen zu ihren Stakeholdern aufzubauen und Marktanteile von schwächeren Wettbewerbern zu gewinnen.

Kunden haben mich gefragt, ob ich angesichts der Erholung an den Aktienmärkten nach defensiven Unternehmen Ausschau halte. Robuste Bilanzen sind in diesem Umfeld unbezahlbar. Wer die besonderen Umstände erkennt und daraus treffende Entscheidungen ableitet, wird letztlich sein Geschäftsmodell stärken.

Zwei gute Beispiele hierfür sind das indische Versicherungsunternehmen ICICI Lombard und Wuxi Biologics aus China.

  • In einer von Corona geprägten Welt besteht große Unsicherheit in Bezug auf den indischen Versicherungsmarkt, obwohl dieser noch nicht gesättigt ist und enormes Wachstumspotenzial bietet. ICICI Lombard besitzt grundsolide Bilanzen und hat mit einem Teil seines Kapitals einen kleineren Wettbewerber gekauft – zu einem sehr attraktiven Preis. Die Geschäftsführung von ICICI Lombard denkt meiner Meinung nach weit voraus.
  • Wuxi Biologics ist Weltmarktführer im klinischen und produktionstechnischen Outsourcing für die Pharmaindus-trie. Etwa die Hälfte der Aufträge kommt von Unternehmen mit Sitz in den USA. Die Mehrheit der Produktionsstätten dagegen befindet sich in China, was Wuxi zu einem ROIC von 35 % verhilft. Doch nun baut Wuxi proaktiv Produktionskapazitäten in den USA auf. Warum? Weil es die Risiken für das Geschäft verringert und Potenzial für zukünftiges Wachstum schafft. Denn angesichts der Spannungen zwischen den USA und China ermöglichen es diese weitsichtigen Investitionen Wuxi, sich durch die Schaffung lokaler Arbeitsplätze einen guten Ruf zu erarbeiten.

Was mir schlaflose Nächte bereitet

Im aktuellen unstabilen Umfeld ist die Auswahl einzelner Titel nicht ganz einfach. Sie wird von wirtschaftlichen, politischen und sozialen Faktoren mitbestimmt. Dabei gibt es einige Aspekte, die bedenkenswert sind und die mir zu denken geben.

Die wirtschaftliche Instabilität

Sie ist eine Folge des Nachfrageeinbruchs. Meine Hauptsorge ist, dass die aktuellen monetären Maßnahmen eine unerwartet schnell ansteigende Inflation auslösen könnten. Um das klarzustellen: Ein Inflationsanstieg ist nicht in Stein gemeißelt, er ist jedoch möglich. Deshalb ist es wichtig, diese Möglichkeit zu beobachten und bei der Titelauswahl zu berücksichtigen.

Was wäre die größte Auswirkung einer deutlich steigenden Inflation? Ganz klar, dass die Zinsen steigen müssten. Dies würde die Kapitalkosten erhöhen und eine Korrektur bei begehrten Wachstumsunternehmen auslösen. Bei manchen davon halte ich die Zukunftserwartungen – und damit die Bewertungen – mittlerweile für unrealistisch.
 

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Die politische Unsicherheit

Sie speist sich aus den anhaltenden Spannungen zwischen den USA und China. Anleger müssen diesen langfristigen Konflikt berücksichtigen, wenn sie Anlagechancen in Asien im Allgemeinen und in China im Besonderen bewerten. Dazu gehört auch eine mögliche US-Gesetzgebung, die darauf abzielt, chinesische Unternehmen verstärkt zu kontrollieren. Dies könnte chinesischen Unternehmen den Zugang zu US-Kapital erschweren oder verbauen.

Was passiert, wenn das Gesetz in seiner jetzigen Form erlassen wird? Dann haben chinesische Unternehmen drei Jahre Zeit zu reagieren, wenn sie die strengeren US-Anforderungen nicht erfüllen wollen. Eine Option ist eine Zweitnotierung in Hongkong, so wie es Alibaba im Oktober 2019 getan hat. Damit können Inhaber von Alibaba-US-ADR-Aktien ihre Bestände frei auf in Hongkong notierte Aktien übertragen. Zugleich behält Alibaba Zugang zu internationalem Kapital in Hongkong. Andere in den USA börsennotierte chinesische Firmen wie NetEase, JD.com und Yum China haben es Alibaba gleichgetan – und meiner Einschätzung nach werden weitere folgen. Unser Portfolio enthält unter anderem US-ADR-Aktien von Alibaba, New Oriental, Yum China und Trip.com. Das sind allesamt Marktführer in ihren jeweiligen Branchen mit kompetenten Geschäftsführungen.

Ich habe mich daher darum bemüht, soweit möglich von ADR-Listings auf Hongkong-Listings umzusteigen. Diesen Weg werde ich auch künftig weitergehen. In den USA börsennotierte chinesische Unternehmen gewichte ich ohnehin bereits unter: allerdings aufgrund meiner Bedenken bezüglich der Bewertungen, nicht aufgrund eines möglicherweise veränderten Zugangs zu Kapital.

Die soziale Instabilität

Diese hat sich im Zuge von Covid-19 verschärft. Der lockere geldpolitische Kurs hat die Aktienmärkte angekurbelt und die Kapitalgeber begünstigt – auf Kosten von Produktion und Arbeit. Die Beschäftigten in ärmeren asiatischen Ländern wie den Philippinen, Indonesien und Indien haben die Hauptlast der Rezession getragen. Ich mache mir zunehmend Sorgen über die steigende Unzufriedenheit und die Unruhen innerhalb der Gesellschaft.

Die sozialen Risiken treten in den einzelnen Ländern unterschiedlich in Erscheinung. In Thailand gibt es Meldungen über Proteste von Universitätsstudenten. In Indien fehlen viele dringend benötigte Wanderarbeiter in den urbanen Zentren – weil sie Angst um ihre Gesundheit haben oder sich eine Rückkehr schlicht nicht leisten können. Hier ist eine proaktive politische Reaktion gefordert. Wer wird in diesem sozial immer instabiler werdenden Ökosystem Erfolg haben? Gefragt sind einfühlsame Führungsteams, die das Stakeholder-Management ganzheitlich betrachten. Und die Strategien effektiv umsetzen können: für eine langfristige Wertschöpfung für alle Beteiligten, einschließlich Lieferanten, Kunden, der Arbeitnehmer, Kapitalgeber und der lokalen Gemeinden.
 

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Meine Aufgabe als Stockpicker sehe ich auch darin, solche erstklassigen Unternehmensleitungen ausfindig zu machen: besetzt mit Menschen, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind – und die sich nicht scheuen, diese Verantwortung mutig und einfühlsam zu übernehmen.

„Meine Hauptsorge ist, dass die aktuellen monetären Maßnahmen eine unerwartet schnell ansteigende Inflation auslösen könnten.“

Suranjan Mukherjee, Sitz: Singapur, Investmenterfahrung: über 20 Jahre

Chancen

  • Anleger können an der Entwicklung vielversprechender Firmen aus den aufstrebenden asiatischen Ländern teilhaben.
  • Die gezielte Titelauswahl („Stockpicking-Prinzip“) zielt auf höhere Erträge als am breiten Markt, auch durch die Einbeziehung von Firmen vor einer absehbaren Ertragswende.
  • Die breite Streuung auf die verschiedenen Länder Asiens soll zu einer möglichst stabilen Entwicklung beitragen.

Risiken

  • Der Wert der Anteile des Aktienfonds kann schwanken und wird nicht garantiert.
  • Der Fonds investiert auch in Schwellenländern, für die besondere politische und wirtschaftliche Risiken bestehen können.
  • Der Fonds hält zum großen Teil Titel in Fremdwährungen. Änderungen der Wechselkurse können zu Wertverlusten führen. Die währungsgesicherte Anteilsklasse neutralisiert diese Risiken.

 

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Suranjan Mukherjee

Fondsmanager des Fidelity Funds - Asian Special Situations Fund