Nachlassendes Wachstum und unsicherer Inflationsausblick

Das Wirtschaftswachstum verlangsamt sich weltweit drastisch. Europa leidet unter Beeinträchtigungen der Gasversorgung, während in China die Erholung nach den Corona-Lockdowns ins Stocken gerät. Da der Anstieg der Verbraucherpreise in den USA im Juli niedriger als erwartet ausgefallen ist, scheinen die Finanzmärkte auf einen baldigen geldpolitischen Schwenk zu hoffen. Doch auch wenn der Höhepunkt der Straffung kurz bevorstehen dürfte, wird es für die Notenbanken schwierig sein, Konjunktur und Märkte spürbar zu stützen, solange die Inflation noch so hoch ist.

Die Fundamentaldaten rechtfertigen unseres Erachtens noch keine wieder risikofreudigere Haltung. Wir bleiben untergewichtet in Aktien und Credits und sind in Liquidität stark übergewichtet. Wir haben Staatsanleihen auf „neutral" herabgestuft, um die nach wie vor restriktive Haltung der US-Notenbank zu berücksichtigen. 

Aktien aus Schwellenländern haben wir von „übergewichtet“ auf „neutral“ zurückgestuft. Dies spiegelt die schwachen Daten und die anhaltenden Probleme im Immobiliensektor wider, welche nun die Aussichten Chinas trüben. Übergewichtet haben wir US-Aktien, da der amerikanische Markt bei weiteren starken Schwankungen eine defensive Position bieten sollte. In Europa bleiben wir untergewichtet - die Wachstumsaussichten sind dort nach wie vor düster.

Im Credit-Bereich stufen wir Hochzinsanleihen auf neutral hoch, da diese von einer Abschwächung der Erwartungen bezüglich weiterer Zinserhöhungen in den USA profitieren könnten. Wir bevorzugen aber weiterhin IG-Credits. Bei Staatsanleihen bleiben britische Gilts und deutsche Bundesanleihen gegenüber US-Papieren übergewichtet. Die Krise der Gasversorgung und politische Entwicklungen dürften das Wachstum in Europa besonders stark beeinträchtigen - was sich in den Renditekurven noch nicht widerspiegelt.

Auf der Währungsebene sind wir länderübergreifend neutral positioniert. Zwar dürften die Fundamentaldaten den US-Dollar weiter unterstützen, doch ist er anfällig für eine geldpolitische Kehrtwende, falls die US-Inflation weiterhin nach unten überrascht.

-

Makroausblick

US-Notenbank will Inflation bezwingen

Jüngst bekräftigte der Vorsitzende der US-Notenbank, Powell, dass man den restriktiven geldpolitischen Kurs fortsetzen müsse, um die Inflation spürbar zu senken. Für die nächste Sitzung im September stellte er eine Anhebung des Leitzinses um 75 Basispunkte in Aussicht. Damit schloss er sich den Befürwortern einer Bekämpfung der Inflation an. In seinen Ausführungen erinnerte Powell an die Lehren aus den 1970/80er Jahren, insbesondere an die Gefahr einer zu frühen Lockerung der Geldpolitik. Diese könnte dazu führen, dass sich hohe Inflationserwartungen verfestigen. Die Betonung, den Kurs beibehalten zu wollen, selbst auf die Gefahr einer Beeinträchtigung der Konjunktur hin, ist nicht überraschend. Die amerikanische Notenbank hat zwar erklärt, dass der Umfang der Zinsanpassung im September von den dann gegebenen Daten abhängen werde, doch liegt die Messlatte für eine geldpolitische Trendwende unserer Meinung nach äußerst hoch.

Dies lässt zwar den künftigen Kurs der US-Geldpolitik klarer erscheinen, verstärkt jedoch das Dilemma der EZB. Angesichts einer drohenden Rezession infolge eines weiteren Anstiegs der Erdgaspreise und des Rückgangs der russischen Lieferungen muss die EZB zwischen der Erfüllung ihres Inflationsmandats und einer zusätzlichen Belastung für die Wirtschaft im Euroraum wählen. Zudem hat eine Divergenz ihrer Geldpolitik gegenüber den USA Auswirkungen auf den Kurs des Euro. Nicht zuletzt besteht das Risiko eines politischen Fehlers, der den Zugang zu Liquidität für die Peripherieländer gefährden würde. Um dem entgegenzuwirken, kündigte die EZB im Juli ein neues Instrument an, um die Spreads in Schach zu halten. Allerdings haben sich die Zinsaufschläge italienischer und spanischer Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen seitdem weiter ausgeweitet. 

Risiken nehmen weltweit weiter zu

Die Fundamentaldaten der Weltwirtschaft haben sich im August verschlechtert, trotz einer relativ robusten Gewinnentwicklung der Unternehmen. Wir sind der Ansicht, dass sich die entwickelten Länder einer Rezession nähern. Dies gilt vor allem für Europa, wo im Zuge des Russland-Ukraine-Kriegs die Gaspreise auf neue Höchststände gestiegen sind und bald die Lebenshaltungskosten ein kritisches Niveau erreichen dürften. Unsere Analyse deutet außerdem auf eine zunehmende Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den USA hin. Dieses Risiko sieht auch die US-Notenbank. Vor diesem Hintergrund besteht aus unserer Sicht eine 70%ige Wahrscheinlichkeit für eine harte Landung der Konjunktur bis Ende des Jahres. Obwohl die harten US-Daten weiterhin positiv überraschen, speziell auf dem Arbeitsmarkt, deutet der starke Rückgang der Hausverkäufe darauf hin, dass die Bemühungen der Notenbank zur Abkühlung der Konjunktur Wirkung zeigen. Zudem ist das Tempo der Neueinstellungen seit Juli deutlich gesunken, wie Branchenumfragen und Kommentare von Führungskräften der Unternehmen zeigen. Wir erwarten, dass dies die Inflation und die Inflationserwartungen dämpfen wird.

Grafik 1: Chinas Geldpolitik gegenläufig zu der im Westen

-

Quellen: Fidelity International, Bloomberg; Stand: August 2022

Chinas Erholung nach den Lockdowns im Zuge seiner Zero-Covid-Politik ist ins Stocken geraten. So schrumpfte die Industrieproduktion im Sommer wieder und es kamen Befürchtungen über einen weiteren Einbruch des chinesischen Immobilienmarktes auf. Wir sehen ein geringes, aber greifbares Risiko, dass sich dies aufgrund der Verflechtungen zwischen dem Immobilien- und dem Bankensektor zu einer breiteren Systemkrise in China ausweitet. Die chinesische Führung verstärkte Ende August ihre Konjunkturunterstützung durch drei Leitzinssenkungen und die Ankündigung eines Kreditprogramms speziell zur Förderung von Immobilienprojekten. Ungeachtet dieser hilfreichen Maßnahmen wird der Aufschwung aber wahrscheinlich zaghaft bleiben, bis das Vertrauen der chinesischen Verbraucher wieder das Niveau vor der Coronakrise erreicht hat. Eine weitere Beeinträchtigung der Stimmung ergab sich aus der Verschärfung der Spannungen im Zusammenhang mit der Reise der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses Pelosi nach Taiwan.

Ausblick

Wir glauben, dass der US-Leitzins im aktuellen Zyklus wahrscheinlich einen Höchststand von 4 % erreichen wird, da die Notenbank die Straffung ihrer Geldpolitik weiter vorantreibt. Die unerwartet robusten Wirtschaftsdaten in den Vereinigten Staaten haben die Notenbank zu einer Gegenreaktion veranlasst, die wiederum das Risiko einer harten Landung der Konjunktur erhöht. Erwartungen einer Abkehr von der geldpolitischen Straffung wurden von Notenbankchef Powell enttäuscht. Dies lässt zusammen mit den stark steigenden Energie- und Lebenshaltungskosten in Europa und dem Festhalten Chinas an seiner Zero-Covid-Strategie eine Phase erhöhter Kursschwankungen an den Finanzmärkten erwarten. Risikoanlagen dürften sich in diesem Umfeld schwertun, da sowohl die Fundamentaldaten als auch die Bewertungen unter Druck geraten.

Makroresearch als Basis der Asset Allocation

Das Global Macro & SAA Team von Fidelity trägt zu den taktischen Anlageentscheidungen bei. Es liefert wichtige Inputs und kooperiert mit dem Investmentteam, um die maßgeblichen gesamtwirtschaftlichen Faktoren zu verstehen und darauf zu reagieren. 

Fidelity-Indikatoren

Der FLI Cycle Tracker ist tiefer in den linken unteren Quadranten gerutscht (unterdurchschnittlich und rückläufig). Dies war der zwölfte Monat in Folge, in dem der FLI eine nachlassende Wirtschaftsaktivität anzeigte, was auf eine breit angelegte Verschlechterung in allen Teilbereichen zurückzuführen war. Die FLI-Signale bestärken uns in der Überzeugung, dass eine harte Landung der Konjunktur bevorsteht, die durch drohende Rezessionen in Europa und den USA sowie ein schwächeres Wachstum in China ausgelöst wird.

FLI Cycle Tracker

-

Quelle: Fidelity International; Stand: August 2022

FLI: Änderung über 3-Monate vs. Industrieproduktion (OECD)

-

Quelle: Fidelity International; Stand: August 2022

Die Auftragseingänge in der Industrie waren erneut der einzige Sektor im oberen linken Quadranten (unterdurchschnittlich und steigend). Das Verhältnis von Lagerbeständen zu Umsätzen in den USA wuchs weiterhin solide, obwohl es gegenüber dem Vorjahr weitgehend unverändert ist. Jedoch verschlechterten sich in Japan die Lagerbestände im Verhältnis zum Umsatz und in Deutschland gingen die Auftragseingänge aus dem Ausland gegenüber dem Vorquartal zurück. 

Der Sektor Konsum & Arbeitsmarkt verlor erneut an Schwung und rutschte weiter in den unteren linken Quadranten ab. Die Stimmung der Verbraucher ist nach wie vor stark beeinträchtigt. Der Arbeitsmarkt ist zwar noch robust, doch stiegen die Arbeitslosenmeldungen in den USA und in Frankreich ging die Zahl der offenen Stellen stark zurück. 

Fidelity Leading Indicator (FLI)

Der FLI soll die kurzfristige Richtung und Dynamik des globalen Wachstums prognostizieren. Er soll zudem die dafür maßgeblichen Faktoren identifizieren. Konkret soll der FLI die globale Industrieproduktion und andere zyklische Variablen auf Sicht von rund drei Monaten vorhersagen. Fidelity Solutions & Multi Asset nutzt den FLI als Bezugsgröße im Rahmen der taktischen Asset Allocation.

Asset Allocation

Anlagesegmente Einschätzung Änderung Begründung

Aktien

 

 

 

USA

- Die Unternehmensgewinne und die Konjunkturdaten sind noch robust. Weitere Zinsschritte scheinen weitgehend in den Bewertungen berücksichtigt zu sein. US-Aktien könnten daher in einem volatilen Umfeld defensiv sein.

Europe exkl. UK

-

Wir behalten die Untergewichtung aufgrund des Rezessionsrisikos bei, das sich aus den Störungen im Energiesektor ergibt. Die EZB schlägt angesichts des Inflationsdrucks einen auf straffere Geldpolitik hindeutenden Ton an.
UK - Britische Aktien sind trotz der schwierigen Lage der Verbraucher relativ günstig, und der Marktindex profitiert vom hohen Anteil von Rohstofftiteln. Von der Wahl des neuen Premierministers erwarten wir keine großen Änderungen.
Japan - Die Binnenkonjunktur ist infolge des starken Teuerungsdrucks schwach. Die Unternehmensgewinne sind zwar stärker mit der globalen Nachfrage verknüpft, könnten aber durch höhere Inputkosten beeinträchtigt werden.
Schwellenländer Die Erholung der chinesischen Wirtschaft ist aufgrund anhaltender Probleme im Immobiliensektor und einiger schwacher Konjunkturdaten ungewiss. Wir bevorzugen in den Emerging Markets nach wie vor Lateinamerika.
Pazifikraum exkl. Japan

- Die australische Zentralbank neigt zu einer Straffung ihrer Geldpolitik, und der Immobilienmarkt könnte bei steigenden Zinsen gefährdet sein. Hongkong und Singapur dürften von der Wiedereröffnung ihrer Wirtschaft profitieren.
Credits      
Unternehmensanleihen (Investment Grade)  Wir behalten angesichts der Rezessionsrisiken unsere Übergewichtung von IG-Credits bei. Die Fundamentaldaten der Unternehmen sind noch robust, dürften sich aber im Zuge von Gewinnherabstufungen abschwächen. 
High Yield-Anleihen (global) Das HY-Segment haben wir auf neutral hochgestuft, da das Risiko einer zu starken Straffung der US-Geldpolitik angesichts nachlassender Teuerung sinkt. Die Spreads sind jedoch historisch betrachtet noch nicht besonders attraktiv.
Emerging Market Bonds (Hartwährungen) - Die Spreads von IG-Schwellenlandanleihen auf Hartwährungen sind eng. Die US-Geldpolitik wirkt restriktiv und viele Länder sind hoch verschuldet.  
Staatsanleihen      
USA - Trotz zuletzt schwächerer Inflationsdaten scheint es noch zu früh zu sein, um sich für eine Trendwende der US-Geldpolitik zu positionieren. Insbesondere die robuste Nachfrage am Arbeitsmarkt spricht für anhaltenden Preisdruck.
Euroraum (Bundesanleihen) - Die Lage im europäischen Energiesektor hat sich weiter verschlechtert, was die Gefahr einer Stagflation erhöht. Mit Blick auf die Wachstumsrisiken dürfte die EZB nicht in der Lage sein, einen Zinserhöhungszyklus durchzuhalten. 
Großbritannien - Die britische Notenbank rechnet angesichts der hohen Inflation mit einer langen und tiefen Rezession ab dem vierten Quartal. Dennoch besteht auch die Aussicht auf eine Straffung der Geldpolitik im kommenden Herbst.
Japan - Japans Notenbank meidet nach wie vor eine Straffung ihrer Geldpolitik und die vor einigen Monaten noch verbreiteten Short-Positionen in Staatsanleihen sind angesichts des globalen Wirtschaftsumfelds wieder glattgestellt worden.
Inflationsindexierte Papiere (USA) - Die 5-Jahres-Breakevens stehen im Einklang mit einer langfristig erwarteten Inflation von etwa 2 %. Abwärtsrisiken ergeben sich aus Rezessionsgefahren, sinkenden Rohstoffpreisen und einer Abkühlung der Teuerung.

Währungen

     

USD

 

Die Abschwächung der US-Inflation könnte einen Wendepunkt für den starken Dollar markieren. Wenn sich die Zinsdifferenzen in Grenzen halten, dürfte dies auch das weitere Aufwärtspotential des USD begrenzen.

EUR

- Die Energiekrise in Europa sowie das steigende Risiko einer Rezession erschweren eine überzeugende Einschätzung der Perspektiven des Euro. 

JPY

Der Yen steht unter dem Einfluss externer Faktoren. Die japanische Notenbank hält unterdessen an ihrer lockeren Geldpolitik fest. Der Wechselkurs zwischen Dollar und Yen drückt daher weiterhin die Aussichten der US-Geldpolitik aus.

GBP

    -

Neben einer drohenden Rezession und kritisch hohen Lebenshaltungskosten ist das Vereinigte Königreich auch mit politischer Unsicherheit konfrontiert. 

Emerging Markets

Währungen aus Schwellenländern mit hohen Zinsen sind fundamental attraktiv. Unserer Meinung nach bleibt jedoch der Dollar der Dreh- und Angelpunkt.

Quelle: Fidelity International; Stand: August 2022. Die Veränderung spiegelt den Richtungsunterschied der Einschätzung gegenüber dem Vormonat wider. Die Einschätzungen beziehen sich auf einen typischen Zeithorizont von 12-18 Monaten und bieten eine breite Basis für Entscheidungen zur Asset-Allocation. Sie spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die aktuellen Positionen der Anlagestrategien wider, die nach spezifischen Zielen und Vorgaben umgesetzt werden.

Fidelity Solutions & Multi Asset

Fidelity Solutions & Multi Asset ist ein globales Team, das Portfolios mit einer breiten Palette von Anlageklassen managt -  darunter Aktien, Anleihen, Immobilien, Infrastruktur und andere alternative Investments. Das Team ist darauf spezialisiert, für Kunden ergebnisorientierte Strategien zu entwickeln und zu verwalten. Dabei kombiniert es mehrere Anlageklassen, um die jeweiligen Ziele zu erreichen. 

Zum 31. Juli 2022 verwaltete Fidelity Solutions & Multi Asset für institutionelle und private Kunden aus aller Welt ein Anlagevolumen von über 49 Mrd. US-Dollar. Das Team deckt folgende Bereiche ab: Anlagemanagement, Asset Allocation, Research, Kundenlösungen und Umsetzung. Es stützt sich dabei auf die operative Infrastruktur von Fidelity, arbeitet in den Hauptanlageklassen mit den Bottom-up-Investmentteams von Fidelity zusammen und nutzt deren umfangreiches globales Research.

Weitere Informationen zu Strategien und Services von Fidelity Solutions & Multi Asset erhalten Sie bei Ihrem lokalen Ansprechpartner bei Fidelity.

Asset Allocation

Asset Allocation Januar 2023

Die Multi-Asset-Experten von Fidelity beleuchten die aktuelle Datenlage und e…


Fidelity

Fidelity

Research team

Asset Allocation Dezember 2022

Die Multi-Asset-Experten von Fidelity beleuchten die aktuelle Datenlage und e…


Fidelity

Fidelity

Research team

Asset Allocation November 2022

Die Multi-Asset-Experten von Fidelity beleuchten die aktuelle Datenlage und e…


Fidelity

Fidelity

Fidelity International