China ist seit Jahren die am dynamischsten wachsende Volkswirtschaft – und nun auf dem Weg, die USA als Nummer 1 abzulösen. Gleichzeitig dominieren Nachhaltigkeitsüberlegungen und ESG-Investments die westliche Welt. Das wirft Fragen auf: Wie verhält sich China zu ESG-Anforderungen? Was ist mit der Klimawende? Was mit Datenschutz? Was mit Menschen- und Minderheitenrechten? Fragen, auf die Anleger überzeugende Antworten erwarten.

„Die ewige Supermacht: Eine chinesische Weltgeschichte“ – so lautet der Titel des im Mai auf Deutsch erschienenen Buchs von Michael Schuman. Für den Asien-Kenner und „Time Magazin“-Korrespondenten prägt dieses Selbstverständnis Chinas Handeln, auch wenn das aus der Perspektive des Westens lange Zeit nicht erkannt oder ignoriert wurde. „Das Reich der Mitte“ versteht sich bereits seit Jahrtausenden als Supermacht, die über ihre Grenzen hinweg Interessen durchsetzt und konsequent verfolgt.

Dass sich aus Anlegersicht mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas zur Nation mit dem größten Bruttoinlandsprodukt viele Chancen verbinden, ist klar – auch wenn die Kursentwicklung von Chinas Aktien den Weltbörsen zuletzt hinterherlief. Doch wie ist es um die Einhaltung von ESG-Kriterien bestellt, die sich zunehmend als entscheidend für die Risiken und die Renditeaussichten der Portfolios von Anlegern erweisen?

Weltweit größter Luftverschmutzer

Als besonders dringlich gelten die ökologischen Aspekte von Nachhaltigkeit beim Investieren – insbesondere in Bezug auf den Klimawandel. Der Blick auf Chinas Umweltbilanz ist zunächst ernüchternd: Das Land ist der größte „Klimasünder“ der Welt. China stößt allein mit 27 % an den globalen Emissionen mehr klimaschädliches CO2 aus als alle entwickelten Länder zusammen.1 Das ist natürlich auch eine Auswirkung der globalen Verlagerung von energieintensiven Produktionskapazitäten in Richtung China in den letzten 50 Jahren. Dieser Aspekt entlastet die CO2-Bilanz der Industrieländer wie den USA und den westlichen Industrienationen, in denen Waren verbraucht und Güter genutzt werden, die in China hergestellt wurden – der Wachstumsmotor der Vergangenheit.

Hausgemacht ist allerdings die immense Abhängigkeit von fossilen Energien: 60 % der Energie in China kommt aus Kohlekraftwerken.2 Die werden auch nicht weniger: In China sind 2020 neue Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 38 Gigawatt ans Netz gegangen, erklärt die Nichtregierungsorganisation Global Energy Monitor aus San Francisco. Zum Vergleich: Das entspricht dem 35-fachen der Leistung des umstrittenen neuen Kohlekraftwerks im nordrhein-westfälischen Datteln.3

Chinas Umweltengagement:
Nicht nur Lippenbekenntnisse

Doch beim Thema Umwelt scheint sich einiges zu tun: Bis 2060 will China CO2-neutral werden, der Höhepunkt der CO2-Emissionen soll vor 2030 erreicht werden. Dafür sorgen auch Chinas Regulierungsbehörden, die in Kürze eine Veröffentlichungspflicht für Emissionen einführen dürften. China hat das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet und unternimmt sehr klare und entschiedene Schritte zu dessen Einhaltung. Auch China-Experte Frank Sieren hält das für glaubwürdig. „Mit dem Wohlstand ist auch das Umweltbewusstsein gestiegen, die Menschen wollen keinen Verkehrsinfarkt und dreckige Luft, sie wollen in einer intakten Natur leben“, erklärte Sieren, der unter anderem für „Süddeutsche Zeitung“, „DIE ZEIT“, „Handelsblatt“ und „DER SPIEGEL“ in China gearbeitet hat, in einem Gespräch mit dem Kapitalmarktstrategen Carsten Roemheld. China kämpfe mittlerweile an allen Ecken und Enden darum, das Ziel der Klimaneutralität bis 2060 zu erreichen und den Rückstand möglichst schnell aufzuholen. „Dass China größter Umweltverschmutzer der Welt ist, lässt sich nicht so schnell ändern, China ist aber sicherlich auch das Land, das die größten Anstrengungen unternimmt.“ Und als größter Verschmutzer hat es auch den größten Hebel, die globalen Emissionen des Treibhausgases zu vermindern.

Bei Wind-, Solar- und Wasserenergie ist China inzwischen längst Weltmarktführer. „Jetzt geht es China auch darum, die Flugzeuge vom Himmel zu holen und Verkehr auf die Schiene zu verlagern“, erläuterte Sieren. Ein Beispiel, das er gibt: Ab 2030 soll der Hyperloop („Transrapid 2.0“) mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 800 Stundenkilometern von Peking nach Hongkong fahren. Viele neue Fabriken würden nach westlichen Standards gebaut, Peking fördere massiv die Elektromobilität.

Li Shuo von der Umweltschutzorganisation Greenpeace in Peking erkennt auch an, dass Chinas Zentralregierung dem Ausstoß schädlicher Klimagase den Kampf angesagt hat und die CO2-intensive Industrie zurückdrängen will. Er sieht aber auch Probleme: „Bei einigen Provinzbehörden ist es umgekehrt: Sie haben der Klimapolitik der Zentralregierung den Kampf angesagt.“4

„Noch nicht wie bei Daimler in Sindelfingen“

Auch was die sozialen Faktoren oder die Unternehmensführung aus dem Dreiklang des ESG angeht, sind viele der ernsten Probleme bekannt und werden diskutiert. Eine Auswahl: Die Zwangsarbeit der Uiguren, das umstrittene Projekt der „Neuen Seidenstraße“, lückenhafter Datenschutz, konzentrierte und verworrene Eigentümerstrukturen bei Unternehmen – das alles passt mit westlichen Vorstellungen von S- und G-konformem Agieren nicht zusammen. Und die jüngsten Eingriffe der Pekinger Regierung in Wirtschaft und Unternehmen haben einmal mehr gezeigt, dass an Chinas Spitze eine kommunistische Einheitspartei steht. Verlässlichkeit bei der Corporate Governance sieht anders aus (mehr dazu unter „Regulierung à la Peking irritiert Anleger“). 

Doch selbst für die Aspekte „S“ und „G“ sieht Sieren Fortschritte, etwa bei den Arbeitsbedingungen in den Fabriken: „Heute kann sich kein Textilunternehmen, kein Smartphone-Hersteller mehr erlauben, Produkte unter Bedingungen herzustellen, die nicht unseren Standards entsprechen.“ Kinderarbeit sei quasi komplett verschwunden, anders als in anderen asiatischen Ländern. „Chinas Fabriken haben nicht das Niveau von Mercedes-Benz in Sindelfingen. Im Vergleich zur Lage vor 30 Jahren oder der Lage in Ländern wie Vietnam, Bangladesch oder Indien steht China bezüglich der Arbeitnehmerrechte aber viel besser da.“

Sieren weist allerdings auch darauf hin, dass der Blick der Chinesen auf viele Themen grundsätzlich anders ist, zum Beispiel im Fall des Datenschutzes: Die Angst vor Terrorismus und Unruhen sei größer als die Sorge um die eigenen Daten.

Damit streift er auch, was perspektivisch immer wichtiger werden dürfte: In Chinas kultureller Prägung und dem in der Gesellschaft verankerten Wertekanon spielen die Vorstellungen von der Freiheit des Individuums und dem Schutz seiner (Menschen-) Rechte eine im Vergleich zu den abendländisch geprägten westlichen Demokratien untergeordnete Rolle. Stabilität und der Erfolg der Gemeinschaft werden höher bewertet. Es ist entscheidend zu verstehen, dass Teile dessen, was unter ESG zusammengefasst wird, auf westlichen Wertvorstellungen beruht – vor allem am Individuum orientierte Arbeitnehmerrechte, der Schutz persönlicher Daten oder der Umgang mit Minderheiten.

Das beschriebene Einwirken westlicher Auftraggeber auf die Lieferketten von Produkten wie Textilien, Smartphones etc. ist also zunächst einmal zum großen Teil Ausdruck eines wirtschaftlichen Gefälles, mit dem die Möglichkeit zur Einflussnahme einhergeht. Mit zunehmender wirtschaftlicher Orientierung auf den Binnenmarkt und wachsender globaler Dominanz Chinas dürfte dieses Einflussgefälle nachlassen bzw. sich umkehren. Normen und Standards (technisch und in Bezug auf etwa Arbeitnehmerrechte) würden dann zunehmend von China gesetzt werden können. Und im eingangs geschilderten Selbstverständnis als „ewige Supermacht“ wird China diese Möglichkeiten nutzen. Dann dürften die kulturellen Unterschiede hier wieder stärker hervortreten.

Guten Gewissens investieren:
Nicht leicht, aber möglich

China und Nachhaltigkeit – das ist also kein klares Schwarz-Weiß. Das Thema ist komplex, mit vielen Grauzonen. Mit einfachem Abhaken von ESG-Anforderungen ist es nicht getan. Es gilt, genau hinzusehen, wo positive Entwicklungen sind, wo Differenzen im Werteverständnis künftig womöglich stärker hervortreten, wo sich Konflikte lösen lassen oder wo sie nachhaltiges Investieren unmöglich machen.

Zu dem differenzierten Bild für nachhaltigkeitsorientierte Anleger gehört auch, dass die Datenqualität und auch die ESG-Profile im Vergleich zu Industrieländern noch schlechter sein mögen, sich aber kontinuierlich verbessern. Und dass, da ESG-Investments in China ein besonders gutes Verständnis von Daten und deren Einordnung verlangen, Lösungen erfahrener Fondsanbieter Vorzüge haben. Denn die gibt es: Fondsgesellschaften, die sich nicht nur auf externe Ratings verlassen, sondern langjährige Erfahrung mit China-Investments aufweisen, Kontakte vor Ort haben, intensiven Austausch mit Unternehmen über ESG-Praktiken pflegen und Transparenz und – wenn nötig – Verbesserungen einfordern. Die aber auch bereit zu einem Ausstieg aus Unternehmen sind, die sich der Transformation verweigern.

China aufgrund der ESG-Problematik ganz den Rücken zu kehren, dürfte jedenfalls wenig zielführend sein. „Nach China zu gehen und dort zu investieren führt in der Regel dazu, dass sich die Dinge in die von uns gewünschte Richtung entwickeln“, meint auch Sieren. Man könne im Grunde nur jedem Investor raten, daran mitzuarbeiten, dass China nachhaltiger werde. Am Ende sei genau das entscheidend – besonders für den Kampf gegen den Klimawandel. Hier können Anleger darauf achten, welche Projekte mit welchen Klimaauswirkungen von welchen internationalen Banken finanziert werden. Über ein nachhaltiges Investment im Finanzsektor lassen sich Wirkungen erzielen. Solange China noch immer auf den Export angewiesen ist, lässt sich über die Lieferketten und die Verpflichtung der chinesischen Hersteller zur klimaschonenden Produktion Druck aufbauen. Denn – so resümiert Sieren: „So schade es auch ist: Was wir an Strom sparen in Deutschland, ist im Vergleich zu dem, was in China passiert, verschwindend gering.“

Die Top-5-Wirtschaftsnationen
(BIP in Mrd. USD)

-

Quelle: Internationaler Währungsfonds, April 2021

Chinas Kohleverbrauch lässt nicht nach
Kohleverbrauch nach Regionen in Mtoe*

-

* Mtoe = Megatonne Öleinheiten (d. h. die Energiemenge aus einer Million Tonnen Rohöl).
Quelle: IEA

Regulierung à la Peking irritiert Anleger

Die Fälle direkter Einflussnahme der chinesischen Führung in Struktur und Leitung von Unternehmen mehren sich. Auch das stellt ESG-Investieren vor Probleme. Denn verlässliche Corporate Governance sieht anders aus. Schon im vergangenen Jahr hatte sich China die mächtig gewordene Technologiebranche vorgeknöpft: Nachdem sich Alibaba-Gründer Jack Ma in einer Rede kritisch über den chinesischen Staat geäußert hatte, stoppte Präsident Xi Jinping den Börsengang der Alibaba- Tochter Ant Financial, Chinas Kartellamt leitete eine formelle Untersuchung gegen Alibaba ein und Ma verschwand zwischenzeitlich sogar von der Bildfläche. Weitere Eingriffe folgten. Darin dürfte einer der Hauptgründe für die schlechte Entwicklung des Hang Seng TECH Index der Börse in Hongkong in diesem Jahr liegen. Dort sind chinesische Tech-Größen wie der chinesiche Suchmaschinenanbieter Baidu, der Social-Network- und Messaging-Gigant Tencent und Alibaba gelistet (siehe
Grafik).

Die Eingriffe Pekings werden übrigens nicht von jedem in allen Aspekten kritisch gesehen: Vielmehr seien die Schritte im Rahmen der Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik zu verstehen, die ein ausgeglicheneres Wachstum und mehr sozialen Ausgleich als Ziel hat. Und auch die Macht der Technologiekonzerne sei zu groß geworden. „Die chinesische Regierung packt an, wozu die USA und Europa nicht in der Lage scheinen: Sie reguliert die Tech-Giganten“, hieß es etwa im Handelsblatt.5

Technologie-Indizes: Schwächer wegen ESG-Verstößen?
Deutliches Auseinanderdriften der Tech-Indizes in den USA und in Hongkong

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Die Preisindizes (in USD) wurden zum 31. 08. 2018 auf 100 indiziert.
Quelle: Refinitiv Datastream, Stand 30. August 2021

1 Global Carbon Project, Dezember 2020.
2 dw.com (Deutsche Welle), 07. 05. 2021.
3 tagesschau.de, 22. 04. 2021.
4 tagesschau.de, 24. 01. 2021.
5 Handelsblatt.de, 25. 08. 2021

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