Beim Sturm auf das US-Kapitol ging das Ergebnis der Senatswahlen in Georgia fast unter. Dabei bescherte es dem künftigen US-Präsidenten Joe Biden einen so unerwarteten wie richtungsweisenden Sieg.

Beide demokratischen Kandidaten gewannen, so dass Biden nun auch im Oberhaus die Mehrheit besitzt und theoretisch durchregieren kann. Damit wird ein bis zu drei Billionen US-Dollar schweres Konjunkturprogramm möglich. Vor allem zyklische Titel wird dieser Sieg weiter beflügeln.

Der 6. Januar 2021 wird in den US-Geschichtsbüchern mit zwei Ereignissen verbunden sein. Natürlich war der Sturm auf das Kapitol als Sitz des Repräsentantenhauses das erschütternde Top-Ereignis dieses Tages. Im Schatten dieser Meldung ging allerdings ein entscheidendes Ergebnis der Wahlen zum US-Senat fast unter. Dabei wird dieses Ereignis die politische Entwicklung im Lande entscheidend verändern. Denn es war durchaus überraschend, dass es den Demokraten gelang, in Georgia gleich beide Kandidaten zum Erfolg zu führen. Für den neuen US-Präsidenten Joe Biden bedeutet das: Er beherrscht nun beide Kammern des US-Kongresses und sollte damit etwas leichteres Spiel bei seinen Gesetzesinitiativen haben. Für den Kapitalmarkt ist es ein weiteres positives Signal. Die Marktteilnehmer erwarten nun, dass der künftige US-Präsident schon bald ein Konjunkturpaket in nie dagewesener Höhe schnüren wird. 

Politik der großen Zahl 

Die Zahlen, die dazu inzwischen in den USA gehandelt werden, machen einen fast schwindelig: In den kommenden vier Jahren erwarten Beobachter zusätzlich zu den schon bisher geleisteten Transfers weitere Konjunkturprogramme in Höhe von 1,5 bis 3 Billionen US-Dollar. Allein Anfang dieses Jahres wird Joe Biden direkt nach seiner Amtseinführung ein Covid-19-Entlastungspaket in Höhe von voraussichtlich mindestens 600 Mrd. US-Dollar beschließen - und das, nachdem der Kongress erst Ende Dezember noch ein 900-Mrd.-US-Dollar-Konjunkturpaket seines Vorgängers Donald Trump beschlossen hatte. 

Für die Kapitalmärkte war schon dieses letzte Trump-Paket eine Wohltat. Weltweit schossen die Kurse nach Bekanntgabe in die Höhe. Was nun von der neuen Präsidentschaft noch obendrauf kommen soll, wird vor allem jene Sektoren und Anlagestile befeuern, die unter der Pandemie besonders gelitten hatten: Zykliker und Value-Titel. Denn diese Unternehmen profitieren am stärksten von der Wiederbelebung der US-Konjunktur, insbesondere wenn das Geld beim Staat so locker sitzt wie lange nicht und auch die Bürger wieder mehr im Portemonnaie haben. Weiterhin sollten gerade auch der Infrastrukturbereich und die Erneuerbaren Energien Nutznießer eines Wechsels der US-Regierung sein. 

Konjunkturpolitische Rakete

Sobald breitere Erfolge im Kampf gegen Covid-19 durch Impfungen zu erkennen sind, dürften die Politiker sogar noch eine weitere Stufe der fiskal- und konjunkturpolitischen Raketen zünden, um der darbenden Wirtschaft neuen Schub zu verleihen. Wenn all das frische Geld in den Markt gelangt, könnte die US-Wirtschaft bereits in diesem Jahr wieder um über 7 Prozent wachsen. Nur mal zum Vergleich: Vor dem Georgia-Doppelsieg lag die Konsensschätzung für das US-Wirtschaftswachstum 2021 bei 3,9 %. 

Kehrseite der Medaille: Wer so viel Geld ausgibt, muss es sich natürlich irgendwann wieder zurückholen. Auch die USA werden über kurz oder lang also kaum um mehr oder weniger substanzielle Steuererhöhungen herumkommen. Unsere Analysten halten Steuererhöhung von durchschnittlich zwei bis drei Prozentpunkten mittelfristig für wahrscheinlich - für Kapitalerträge und Besserverdienende sind auch höhere Anstiege denkbar. Bis es dazu kommt, ist allerdings erst mal das Virus zu beherrschen. Und das kann, wie wir nach einem Jahr Pandemie leidvoll lernen mussten, noch ein wenig dauern.

Übrigens: Gleich nach Bidens offizieller Amtseinführung am 20. Januar werde ich in meinem Podcast mit dem deutsch-amerikanischen Ökonomen Rüdiger Bachmann über die neuen Perspektiven für Nordamerika sprechen. Professor Bachmann lebt seit 20 Jahren in den USA und lehrt an der University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana. Er veröffentlicht regelmäßig in großen deutschen Medien, diskutiert intensiv und kontrovers auf Twitter über aktuelle wirtschaftspolitische Fragen und hat zu Beginn der Covid-19-Pandemie einen eigenen Videopodcast namens Coronomics gestartet, der sich ökonomischen Hintergründen und Folgen der Krise gewidmet hat. Ich freue mich schon sehr auf das Gespräch und lade Sie herzlich ein, in der politischen Wendezeit in den USA einer fundierten Stimme vor Ort zuzuhören.

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