Der Wahlkampf geht in den Endspurt und wird aktuell zum medialen Top-Thema. Die Finanzmärkte zeigen sich davon allerdings wenig beeindruckt — zurecht. Denn das Ereignis ist für ihren weiteren Verlauf kaum von Bedeutung.

TV-Auftritte, Ortstermine und Live-Interviews am laufenden Band, dazu Kanzler-Gedenk-Dokumentationen und zunehmend laute Kampagnen: Der Wahlkampf geht in die heiße Phase, lässt die Börsen aber erstaunlich kalt. Denn auch wenn der Wahlausgang so unsicher scheint wie selten und Börsen angeblich nichts so sehr hassen wie Unsicherheit, ist diesmal von großer Aufregung und entsprechender Volatilität keine Spur.

Ungewissheit als Dauerzustand

Dafür gibt es gleich mehrere, ganz unterschiedliche Gründe. Erstens wären da schlicht Gewöhnungseffekte: Die Kapitalmarktteilnehmer haben sich damit abgefunden, dass es nach der Wahl so schnell keine Klarheit geben wird, wer in Berlin regiert. Wenn die Wahl so knapp wird wie derzeit die Umfragen ausfallen, könnte am Wahlabend noch nicht einmal feststehen, wer Kanzler respektive Kanzlerin wird. Und selbst wenn, dürfte die Phase der Unsicherheit wegen monatelanger Koalitionsverhandlungen fortbestehen. Kurzum, wir erleben gerade das Ende der politisch zyklischen Börsen, in denen sich Phasen von Sicherheit und Unsicherheit abwechseln. 

Zudem haben sich die Marktteilnehmer in den vergangenen Jahren im großen Stil an das Unstete im Leben gewöhnt: Finanzmarktkrise und Fast-Staatspleiten in der EU haben das um die Jahrtausendwende bestimmende Selbstverständnis einer quasi automatisch besser werdenden Welt sturmreif geschossen. Und dann haben der Klimawandel als neuer Dauerbrenner und dazu die Corona-Krise, von der niemand weiß, wie lange und wie stark sie uns noch begleiten wird, eine Grundstimmung der Ungewissheit etabliert. Vor diesem Hintergrund ist die Bundestagswahl kein besonders herausragendes Ereignis, sondern lediglich ein weiterer Spielball, den es beim Erwartungsmanagement in der Luft zu halten gilt.

Und schließlich haben die enormen geld- und fiskalpolitischen Impulse das Zepter an den Börsen fest in der Hand und lassen alle politischen Diskussionen und Unsicherheiten damit aktuell deutlich in den Hintergrund treten. 

Wenig Veränderungen zu erwarten

Es ist eine politische Richtungslosigkeit zu erkennen, die man positiv auch als pragmatischen Mittelweg bezeichnen könnte. Wegen der vielen möglichen Koalitionsoptionen ist nicht zu erwarten, dass sich extreme Positionen einzelner Parteien durchsetzen und zum Regierungskurs werden. Ein drastischer Kurswechsel findet derzeit keine Mehrheiten. Einstige Aufreger-Themen wie die Finanztransaktionssteuer spielen derzeit keine Rolle im politischen Tagesgeschäft. Auch die von Armin Laschet zuletzt aus der Mottenkiste der 1990er Jahre hervorgekramte „Rote-Socken“-Kampagne bringt niemanden so recht in Wallung. 

Zudem diktieren derzeit ohnehin die Umstände die Agenda, die wenig Raum für ideologische Grabenkämpfe und entsprechend extreme Positionen lassen. Die kommende Regierung wird das Land auf absehbare Zeit weiter im Corona-Modus regieren und vor allem den Weg bereiten müssen, unser Leben und unsere Wirtschaft klimaverträglich umzubauen. Die Unsicherheit über die künftige Regierung wird so zum Anker für Stabilität. 

Berlin ist nicht mehr der Mittelpunkt

Aus Sicht der Finanzmarktteilnehmer kommt so etwas wie professionelles Desinteresse hinzu. In wesentlichen Punkten werden die Weichen immer häufiger von der EU-Kommission in Brüssel und der EZB in Frankfurt gestellt, und nicht in Berlin. Bislang ist es vor allem die EU, die beim Kampf gegen den Klimawandel Meilensteine formuliert. Der in Brüssel beschlossene Nach-Pandemie-Aufbauplan „Next“ stellt alle zuvor dagewesenen Konjunkturprogramme in den Schatten. Und mit Blick auf die Finanzmärkte ist die Frage vor allem, wann und wie die EZB ihre ultralockere Geldpolitik einzufangen gedenkt, ohne die teils hochverschuldeten EU-Staaten in die Pleite und die Wirtschaft des Kontinents in die Rezession zu treiben. Mit Berlin hat das alles wenig zu tun - die Bundestagswahl wird entsprechend immer uninteressanter.
 

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