Sebastian Heilmann zählt zu den profiliertesten China-Kennern Europas. Im Interview spricht der Professor für Politik und Wirtschaft Chinas an der Universität Trier mit dem Fidelity Kapitalmarktstrategen Carsten Roemheld. Die beiden analysieren die aktuelle Lage – und diskutieren, ob China der Weltwirtschaft künftig seinen Stempel aufdrücken wird.

Herr Heilmann, vor rund sechs Wochen haben wir bereits miteinander gesprochen und analysiert, wie schnell und entschieden China damals nach dem Abflauen der ersten Covid-19-Welle beschlossen hatte, aus dem Lockdown zurück in die Normalität zu finden. Damals waren sie skeptisch, ob die Pandemie wirklich unter Kontrolle ist. Wie ist der Stand heute?

In China herrscht nach wie vor große Unsicherheit und Sorge vor einer zweiten Welle. Gleichzeitig ist dort eine wahre Aufholwut zu beobachten. Das ist ein bisschen so, als würde man Gas- und Bremspedal gleichzeitig treten. Alle wollen wieder auf 100 Prozent Output kommen, derzeit ist man bei 85 Prozent. Unterm Strich ist China jedenfalls deutlich schneller aus der ersten Welle herausgekommen als wir. Das macht sich wirtschaftlich bemerkbar: China wird nach jetzigem Stand die einzige der großen Ökonomien weltweit sein, deren Wirtschaft in diesem Jahr wächst.

Hatte China denn Startvorteile, weil man dort schon früher Pandemien durchlebt hat und entsprechend viele Erfahrungen sammeln konnte, wie man damit am besten umgeht?

Das ganze politische System Chinas und der Kommunistischen Partei ist darauf ausgelegt, Krisen zu bewältigen. Das Land ist sehr stark fokussiert, es verwendet seine volle Energie auf genau zwei Ziele: Es führt einen Volkskrieg gegen das Virus. Und die Wirtschaft muss wieder in Schwung kommen. Dem wird alles andere untergeordnet. Im Vergleich dazu haben es demokratische Systeme deutlich schwerer.

Wie groß ist der wirtschaftliche Schaden, den China durch die Pandemie erlitten hat?

Die Industrieproduktion ist im ersten Quartal stark eingebrochen. Wir haben allerdings bereits zum Ende des ersten Quartals ein differenziertes Bild gesehen: In vielen Bereichen der Produktion sind deutliche Erholungsvorgänge erkennbar, die sich auch weiter fortsetzen. Elektronik und Pharma sind im Vergleich zum Vorjahr bereits wieder stark gewachsen, diese positive Entwicklung hat auch im April und bis in den Mai hinein angehalten. Auch die Nachfrage nach Eisenerz, Kupfer und so weiter steigt momentan wieder ganz erheblich an. Der Privatkonsum erholt sich etwas vorsichtiger, steigt aber auch in mehreren Bereichen stetig an. Wir sehen bei Nahrungsmitteln eine Aufwärtsentwicklung, auch Automobile haben sich nach starken Einbrüchen im April überraschenderweise erholt, ebenso Restaurants, Hotels und Tourismus.

Und wie weit ist das Land mit dem Wiederhochfahren, verglichen zur Vor-Corona-Zeit?

Die genannten Bereiche sind noch nicht bei 100 Prozent, laufen aber auf 90 Prozent Auslastung zu. Die Erholung ist in der Industrie und auch zum Teil im Konsum mit Händen zu greifen. Der Immobilien-Sektor bereitet hingegen noch erhebliche Sorgen, vor allem bei Büro-Immobilien. Da gab es erhebliche Einbrüche und bislang keine Erholung. Die Baubranche trägt 15 bis 20 Prozent zum BIP bei. Zudem ist der Sektor auch im Ausland verschuldet, sodass dort auch mit einigen Rückschlägen zu rechnen ist. Exporte nach Südostasien laufen momentan überraschenderweise gut. Exporte in die USA und vor allem auch in die EU sind hingegen eingebrochen. Unterm Strich wird die Wirtschaft im Mai mit einem Output von 85 bis 90 Prozent klarkommen müssen.

Sind das verlässliche Daten?

Ich habe in meinen jahrzehntelangen Arbeiten gelernt, dass Zahlen chinesischer Behörden etwa zum Arbeitsmarkt, zur Beschäftigung oder zur Kaufkraftveränderung im Sinne eines Trends in der Regel einigermaßen verlässlich sind. Die Zahl hinterm Komma ist nicht interessant, aber qualitativ halte ich die großen Trends für glaubwürdig. Zumal wir bezogen auf den Außenhandel auch kontrollierbare Daten aus den Partnerländern haben. Zum Beispiel gibt es derzeit klare Hinweise darauf, dass der Automobilsektor anspringt. 

Und die Infektionszahlen? Stimmen die auch?

Da wäre ich außerordentlich vorsichtig. China hat Test-Kits verwendet, die sie auch ins Ausland verschickt haben, wo sie dann massenweise versagt haben. Hinzu kommen asymptomatische Fälle, die zum Teil überhaupt nicht dokumentiert worden sind. Das alles verzerrt die Statistik ungeheuerlich. Mittlerweile gibt es aber gewisse externe Kontrollen, weil auch ausländische Spezialisten im Land sind. Ich nehme deshalb an, dass sich die Datenqualität der Infektionszahlen innerhalb des letzten Monats verbessert hat.

China unterstützt seine Wirtschaft in der Krise bislang eher gezielt und punktuell, während Regionen wie die USA und Europa flächendeckende Rettungsprogramme gestartet haben. Was funktioniert besser?

China hat aus den Erfahrungen nach der Finanzkrise 2008/2009 gelernt. Damals hat man ein riesiges Hilfsprogramm in Höhe von 16 Prozent des BIP aufgelegt, das zu großen Verzerrungen geführt hat. Dieses Mal will man in der Tat eher kleinteilig und gezielt an neuralgischen Punkten ansetzen. So hat man die Sozialversicherungsbeiträge halbiert, auf lokaler Ebene Gutscheine für Konsumenten verteilt, regionale Subventionen für Elektro-Autos gestartet. Bis jetzt läuft das ziemlich gut, die Regierung geht aus meiner Sicht klug vor. Die gute Nachricht ist obendrein: China hat die Bazooka noch nicht ausgepackt, sondern noch Reserven.

Sie sprachen eingangs von einer Aufholwut. Inwiefern sehen Sie die auch langfristig?

China hat im Bereich Technik und Naturwissenschaften einen riesigen Sprung gemacht und entwickelt mit Blick auf das Humankapital gerade eine große Wucht. Das wird im Westen noch völlig unterschätzt. Ein Beispiel: Chinesische Talente, die bisher massenweise in den USA studiert, geforscht und gearbeitet haben, sind fast alle zurück in China und gründen dort Unternehmen. Die Auswirkungen kann man heute schon in der Digitalwirtschaft sehen. China wird künftig ganz grundsätzliche Dinge wie Internet-Infrastruktur und damit zusammenhängende internationale Standards prägen. Da wird China der Welt seinen Stempel aufdrücken.

China hat sich in der Vergangenheit viele Wettbewerbsvorteile erarbeitet. Im Gesundheitswesen, in der Entwicklung von Datencentern, sowie im Infrastrukturbereich bei Themen wie 5G. Was können Sie uns zum Stichwort 5G-Technologie in China sagen?

Bei der 5G-Technologie profitiert China davon, dass der Staat über Jahre hinweg einen klaren Plan verfolgt und damit Erwartungssicherheit herstellt, für Investoren und Konsumenten gleichermaßen. Ergebnis dieser Politik ist eine 5G-Welle. Es entsteht eine völlig neue Konnektivitäts-Infrastruktur. Im Oktober 2019 waren bereits 100 000 5G-Basisstationen installiert, ganze Städte in Südchina, wo Tencent und Alibaba sitzen, sind mit 5G-Kapazitäten gepflastert. Die konnten in der aktuellen Krise bereits für Drohneneinsätze und Contact-Tracing-Programme in Echtzeit genutzt werden. Auch Tests mit 5G-basierten Robo-Taxis sind während der Pandemie weitergelaufen. In diesem Jahr soll die Zahl der Stationen auf 600 000 Basisstationen steigen. Die Chinesen springen auf die Technologie an und kaufen die passenden Endgeräte, auf sie werden in diesem Jahr 70 Prozent der weltweit genutzten 5G-Endgeräte entfallen. Wir sehen dort ganz neue Geschäftsmodelle, bei allem was an 5G dranhängt wie vernetzte Mobilität, wird China vorpreschen und dort auf Jahre hinaus einen Vorsprung haben. Ich halte das für einen ganz wichtigen Wachstumsbereich.

Im Zusammenhang mit dem Virus ist auch die Biotech- und Pharmabranche ins Zentrum des Interesses gerückt. In dem Bereich hat China große Sprünge gemacht. Welche Fortschritte können sie aus diesen Sektoren berichten?

Biotech und Pharma zählen zu den 15 Bereichen, in denen China bis 2025 in die Führungsriege aufrücken will. Auch dort profitiert China sehr stark vom Zustrom von im Ausland ausgebildeten Forschern und Managern, die oft in der US-amerikanischen Biotech-Branche gearbeitet haben. Die Pandemie beschleunigt den Rückfluss von Talenten und erfahrenen Leuten, das erhöht das Wachstumspotenzial in diesem Bereich immens. Gleichzeitig halt China einen großen Nachholbedarf im Pharmamarkt. In den kommenden fünf bis zehn Jahren werden wir gewaltige neue Entwicklungen und Geschäftsmodelle sehen.

Ein anderes langfristiges Projekt ist die chinesische Seidenstraße. Wie sehen Sie hier die aktuelle Entwicklung?

Das ist ein Programm, das zunächst auf Infrastruktur und Handelsförderung zielt, mit China als Dreh- und Angelpunkt. China hat dazu vielen Hochrisiko-Ländern großzügige Finanzierungen gewährt, wo nun Umschuldungen im Raume stehen. Dabei entwickeln sich zusehends Probleme. Insofern gehe ich davon aus, dass China das Engagement auf Dauer auf Projekte reduzieren wird, die auch wirtschaftlichen Ertrag bringen. Diese finden sich aus chinesischer Sicht vor allem in Südostasien und nicht so sehr in Zentralasien und Europa.

In der Auseinandersetzung zwischen den USA und China hat sich in den vergangenen Wochen der Ton wieder verschärft. Einige Beobachter sprechen bereits von einem neuen kalten Krieg. Wie sehen Sie das?

Das ist ein großes Wort, aber ich würde das Problem schon ernst nehmen. Ich halte diesen Konflikt für das eigentlich überwölbende Risiko, weil hier von beiden Seiten die ideologische Komponente immer stärker wird. Früher wollten beide Seiten miteinander Geschäfte machen und haben die politischen Differenzen beiseitegelassen. Diese Zeit ist vorbei. Wir sehen heute beispielsweise, dass sich in der Digitalwirtschaft zwei verschiedene Ökosysteme entwickeln. Die gegenseitige Investitionstätigkeit in der Hochtechnologie ist eingebrochen, seit der Handelsstreit 2017/18 eskalierte. Jetzt verändern sich die Lieferketten und die Märkte entkoppeln sich. Die große Sorge ist nun, dass beide Seiten ihren Unternehmen sagen, sie müssen wählen, ob sie in China Geschäfte machen wollen oder in den USA. Dann käme es zu einer Kalter-Krieg-Situation mit Stellvertreterkonflikten in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Für wie wahrscheinlich halten Sie eine solche Entwicklung?

Es gibt viele Ressentiments, die nicht gut sind für die Fortentwicklung der Globalisierung und der Lieferketten. Aber ich kenne viele Unternehmen, die in China aktiv sind, und ich halte es praktisch für unmöglich bis selbstmörderisch, diese feingliedrigen Lieferketten und die verzahnte Produktion auseinanderzunehmen. Das würde auch die US-Amerikaner hart treffen. Deshalb hoffe ich, dass die Parteien den Konflikt wieder ein bisschen einbremsen und jetzt nicht die über Jahrzehnte mit viel Mühe entwickelten globalen Produktionsstrukturen auseinandernehmen.

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