Chinas Staatsführung hat mit ihren jüngsten Eingriffen das Vertrauen in den Markt erschüttert. Dabei könnte das Ziel, den Kapitalismus zu zähmen und mit sozialistischen Gerechtigkeitsidealen zu verbinden, Chinas Wirtschaft sogar nützen.

Was ist nur mit China los? Mehr als eine Dekade lang beflügelte die Regierung in Peking mit dem Versprechen, Chinas Aufstieg zur weltweit führenden Supermacht um jeden Preis zu fördern, die Fantasie der Anleger. Doch seit Jahresanfang 2021 stehen chinesische Unternehmen massiv unter Druck, haben zum Teil über die Hälfte ihres Börsenwerts eingebüßt. Auslöser des Kursrutsches ist wiederum die politische Führung, die auf einmal mit aller Härte gegen die eigene Wirtschaft durchzugreifen scheint. 

Den ersten Schock erlebten Investoren im vergangenen Jahr, als der Handelsriese Alibaba überraschend den Börsengang seiner Fintech-Sparte Ant Financial abblasen musste. Die chinesischen Regulierungsbehörden hatten ihr Veto angedroht. Im Juli dieses Jahres knöpften sie sich dann den Fahrdienstvermittler Didi vor, eine weitere Größe der chinesischen Internetindustrie. Schließlich folgte mit der Zerschlagung des privaten Nachhilfesektors der bislang größte Eingriff in die privatwirtschaftliche Autonomie des Landes: Seit einigen Wochen dürfen Online-Anbieter von Nachhilfeunterricht im Reich der Mitte nur noch gemeinnützig arbeiten. Quasi über Nacht beerdigten die chinesischen Behörden damit das Geschäftsmodell einer ganzen Branche. 

Mehr Gerechtigkeit, nachhaltiges Wachstum

Nun spekulieren Beobachter, ob die politische Führung verhindern will, dass die schnell wachsenden Tech-Konglomerate der staatlichen Kontrolle entgleiten. Doch dieses Argument greift zu kurz. Denn das große Ziel lautet auch weiterhin, bis zum Jahr 2049 – dem hundertjährigen Bestehen der Volksrepublik – zur Weltmacht aufzusteigen. Dazu braucht die Volksrepublik starke Konzerne, die auch ausländisches Kapital anlocken – eine Zerschlagung oder Verstaatlichung heimischer Tech-Unternehmen wäre also kontraproduktiv. Warum aber torpediert sie dann deren Wachstum? Dahinter steckt ein anderes Kalkül: Es geht, so meine ich, darum, die gesellschaftliche Mitte zu stärken. 

Denn viele Menschen haben in den vergangenen Jahren vergessen, dass China bei allem Turbo-Wachstum immer noch sozialistischen Idealen folgt. Aus Sicht der politischen Führung mag der zentral gesteuerte soziale Ausgleich einige wenige Unternehmen kurzfristig belasten. Auf lange Sicht aber erhofft sich der Staat mehr Gleichheit, Teilhabe und Wohlstand. 

Chancen in der Nische

Besonders deutlich wird das mit Blick auf den privaten Bildungssektor. Der Lebensweg junger Chinesinnen und Chinesen aus der wachsenden Mittelschicht ist maßgeblich davon abhängig, wie sie bei der Universitätseignungsprüfung zum Ende der Schullaufbahn abschneiden. Wer bei dem mehrtägigen Test eine gute Note erzielt, kann auf eine Einschreibung an einer renommierten Universität hoffen. Der Konkurrenzkampf ist groß – und damit auch die Nachfrage nach privatem Zusatzunterricht. Die Folge: In China entscheidet inzwischen zunehmend das Einkommen der Eltern über die Bildungschancen der Kinder. Die kommunistische Führung will aber, dass Bildung für alle Familien erschwinglich bleibt. Per Dekret hat sie nun angeordnet, dass digitale Lernangebote breit zur Verfügung stehen, also auch für ärmere Kinder. 

Dieses Vorgehen ist aus wirtschaftlicher Sicht längerfristig sinnvoll. Denn wenn die einkommensschwächeren Haushalte von mehr Bildung profitieren, entsteht auf Dauer auch neue Nachfrage. Tech-Konglomerate wie Alibaba könnten durch solche Eingriffe zwar kurzfristig etwas langsamer wachsen, auf Dauer steigt die Binnennachfrage aber stärker. Derweil könnten auch andere Anbieter im wachsenden Markt Anteile hinzugewinnen. 

Für Investoren eröffnen die aktuellen Entwicklungen in China also neues Potenzial.

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