Nach Xi Jinpings Wiederwahl stehen in China die Zeichen auf Erholung und weiterem Wachstum. Trotzdem ziehen sich westliche Anleger zurück. Die Gründe sind weniger wirtschaftlicher als politischer Natur. 

Am 22. Oktober endete der 20. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas. Ohne große Überraschung wurde Staats- und Parteichef Xi Jinping wiedergewählt. Er zementiert mit seiner dritten Amtszeit seine nahezu uneingeschränkte Machtstellung. Um zu erkennen, wie sehr er seinen Einflussbereich ausgeweitet hat, reicht ein Blick auf den neu gewählten Ständigen Ausschuss des Politbüros. Der ist nun ausschließlich mit engsten Vertrauten besetzt. 

Zu den ersten Gratulanten gehörte Bundeskanzler Olaf Scholz, der dazu als Erster der westlichen Staatsoberhäupter die Reise nach Peking antrat. Unter Koalitionspartnern erntete der Besuch Kritik. Ein Vorwurf: Obwohl China zu Deutschlands wichtigsten Handelspartnern zählt, ist das autokratische Regime systemischer Rivale zu den freiheitlich demokratischen Werten des Westens. Und diese Rivalität birgt Risiken.

Viele Akteure an den Finanzmärkten teilen die kritische Sicht auf die Entwicklung in China offenbar. Die Kurse an Chinas Börsen sind unmittelbar nach dem Ende des Parteitags massiv eingebrochen, das Land erlebte einen wahren Ausverkauf unter ausländischen Investoren. Rund 80 Prozent der Verkäufer kamen dabei aus der EU und den USA. Dabei gibt Xis Wiederwahl rein wirtschaftlich betrachtet kaum Anlass zur Sorge. Denn der neue alte Präsident bekräftigte seine ambitionierten Wachstumsziele und hob dabei strategische Schlüsselbranchen hervor: Chinas strebt eine technologische Führungsrolle im Klimaschutz und bei der Energiewende an. Positive Signale gab es zudem im Hinblick auf die Zero-Covid-Politik, obwohl diese zunächst unverändert bestehen bleibt – sie soll im weiteren Verlauf neu bewertet und optimiert werden.

Wieso also der Bärenmarkt? Er hat weniger wirtschaftliche als politische Gründe. Der Ausverkauf ist ein Indikator dafür, dass der systemische Wettbewerb zwischen dem demokratischen Westen und autokratischen Regimen wie China oder auch Russland zum wichtigen Entscheidungsfaktor für die Kapitalallokation geworden ist.

Wertebasierte Wende

Spätestens seit Russlands Einmarsch in der Ukraine steht das Konzept „Wandel durch Handel“ zur Disposition. Diese Auffassung vertritt auch Handelsexpertin Katrin Kamin vom Kieler Institut für Weltwirtschaft, mit der ich mich im Kapitalmarkt-Podcast vor einigen Wochen unterhalten habe. Die Idee, dass auf eine wirtschaftliche Annäherung immer eine politische und wertebasierte Annäherung folgt, scheint obsolet. Stattdessen beobachten wir zwei rivalisierende System-Blöcke, die sich in vielerlei Hinsicht unversöhnlich gegenüberstehen – zugleich aber wirtschaftlich eng verzahnt sind. Das gilt für die westlichen Handelsbeziehungen zum autokratischen Russland genauso wie für China.

Die Folge: Beide Blöcke suchen nun nach neuen Handelspartnern. Wie der Sinologe Sebastian Heilmann schon im Frühjahr im Fidelity Podcast beschrieb, hat China dabei vor allem Entwicklungs- und Schwellenländer im Blick. Der Westen hingegen bemüht sich, die Produktion für Schlüsselindustrien wie Halbleiter in demokratische Staaten zu verlagern.

Fazit

Der fluchtartige Kapitalabzug aus Chinas Märkten könnte also auf eine wertebasierte Wende unter Investoren hindeuten. Kurzfristig bietet Chinas Wachstumsstory nach wie vor interessante Möglichkeiten. Mittelfristig gilt es jedoch, die wachsenden politischen Risiken einzupreisen, die sich immer klarer abzeichnen. Schließlich ist Präsident Xi auch von seinem Anspruch auf den Nachbarn Taiwan nie abgerückt. Die Nervosität der Märkte spiegelt auch die Angst vor der nächsten Eskalation auf der Weltbühne.

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