Auswirkungen auf das weltweite Wirtschaftswachstum und die Gewinnschätzungen

Wie sich das Coronavirus auf das weltweite Wirtschaftswachstum auswirken wird, sind uneinheitlich. In einem Bericht der Weltbank aus dem Jahr 2013 wurde prognostiziert, dass eine leichte Grippepandemie das Wachstum um 0,7 Prozentpunkte und eine schwere Pandemie um 4,8 Prozent beeinträchtigen würde1. Die OECD ist der Meinung, dass eine Eskalation des Ausbruchs das Wachstum von 3 Prozent im Jahr 2020 um fast die Hälfte auf 1,5 Prozent senken könnte. Bisher scheinen die Konsensschätzungen für das weltweite Wirtschaftswachstum im Jahr 2020 selbst bei Ausbreitung des Virus noch wohlwollend zu sein: Sie sind seit Ende 2019 nur um 0,1 Prozent zurückgegangen2.

Auch wenn eine fundierte Prognose unmöglich ist, beinhaltet unser derzeitiges Basisszenario (mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 60 Prozent) eine Abweichung von 30 bis 50 Basispunkten von der globalen Wachstumsprognose von 3 Prozent für 2020. Unser Best-Case-Szenario geht von 10-20 Basispunkten aus (bei einer Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent), und unser Worst-Case-Szenario liegt bei etwa einem Prozent (bei einer Wahrscheinlichkeit von 15 Prozent – mit einer 5-prozentigen Wahrscheinlichkeit, dass es noch schlimmer kommen könnte).

Unsere Gewinnschätzungen haben sich seit Januar ebenfalls geändert (Grafik 1), obwohl unsere Analysten davor warnen, dass viele Unternehmensleitungen selbst noch nicht wissen, wie schlimm die Auswirkungen sein werden. Das endgültige Ergebnis hängt davon ab, wie lange das Virus noch um sich greift, wie umfangreich die politischen Reaktionen ausfallen und wie weit die Folgewirkungen reichen – von mehr Menschen, die von zu Hause aus arbeiten und online einkaufen bis hin zur Absage der Olympischen Spiele.

Grafik 1: Revidierte Gewinnschätzungen für 2020 unter Berücksichtigung der Auswirkungen des Coronavirus

Schätzungen von Fidelity für das Gewinnwachstum im Jahr 2020

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Quelle: Fidelity International, 28. Februar 2020.

Bevor das Virus auftauchte, beobachteten unsere Investmentteams, dass das Wachstum Anfang 2020 zwar anzog, ein möglicher Aufschwung aber eher verhalten ausfallen würde. Die Maßnahmen der Zentralbanken im Jahr 2019 hatten den durch die Handelsspannungen zwischen den USA und China verursachten Konjunkturrückgang stabilisiert, aber die erwartete Erholung schien angesichts der hohen Lagerbestände nicht stabil zu sein. Da das Virus zuerst China und Asien und jetzt Europa und die USA erfasst hat, könnten einige – aber nicht alle – Volkswirtschaften in eine Rezession abgleiten. Im Folgenden untersuchen wir, welche Möglichkeiten es gibt.

Abgesehen von den wirtschaftlichen Aspekten werden die finanziellen Auswirkungen je nach Region und Branche unterschiedlich ausfallen. Langfristig orientierte Anleger mit gut diversifizierten Portfolios und einer gewissen Flexibilität können taktisch vorgehen, um diese Risiken zu mindern und bei anhaltender Volatilität von Fehlbewertungen zu profitieren.

China: Bereit für eine Erholung

In vielen chinesischen Unternehmen liegt die Produktion nach wie vor weit unter dem üblichen Niveau, und ein Drittel der kleinen und mittleren Unternehmen rechnet mit einer Halbierung ihrer Einnahmen im Jahr 2020.3 Als Reaktion darauf hat die Regierung eine Reihe von Konjunkturmaßnahmen eingeführt und könnte noch mehr unternehmen. Trotz einer Politik, die darauf abzielt, die Kreditaufnahme in China zu reduzieren, und die bereits vor Ausbruch der Krise einige Konjunkturmaßnahmen in Gang gesetzt hat, scheinen die Behörden entschlossen zu sein, die Wirtschaft zu unterstützen.

Unsere Fondsmanager in der Region berichten, dass die Wirtschaftstätigkeit in China außerhalb der Provinz Hubei, dem Zentrum des Ausbruchs, wieder zu etwa 50 Prozent der normalen Aktivität4 zurückgekehrt ist und in den nächsten Wochen wahrscheinlich auf 70 Prozent ansteigen wird. Innerhalb von Hubei liegt die Aktivität bei etwa 30 bis 40 Prozent des normalen Niveaus. Selbst wenn der Rest der Welt die Eindämmung und Abmilderung der wirtschaftlichen Auswirkungen in den Griff bekommt, könnte China aufgrund seines disziplinierten Umgangs mit der Krise zuerst wieder Fuß fassen, sofern die Rückkehr an die Arbeitsplätze nicht zu voreilig war. Branchen wie das Gesundheitswesen und Online-Gaming könnten sogar langfristig davon profitieren.

Europa: Anfällig mit weniger politischen Möglichkeiten

Die Volkswirtschaften in Europa, wie z. B. Italien, sind stärker gefährdet. Das Wachstum verlief bereits schleppend, und viele Länder sind auf den Tourismus angewiesen und Teil komplexer globaler Lieferketten, die durch das Virus unterbrochen wurden. Erste Anzeichen einer Erholung in Deutschland und Japan werden vermutlich in der ersten Jahreshälfte wieder schwinden, da diese Länder von der chinesischen Industrienachfrage abhängig sind.

Gleichzeitig wird erwartet, dass die Europäische Zentralbank zwar auf jegliche Änderungen der Inflationsaussichten reagieren wird, aber einen geringeren geldpolitischen Spielraum hat, um einem deutlichen Abschwung entgegenzuwirken. Die Defizitvorschriften der Europäischen Union schränken zudem große fiskalische Ausgabenpläne ein. Die Vorschriften enthalten zwar eine Notfallklausel, die in Extremsituationen einen Verstoß gegen die Regeln erlaubt. Doch es könnte angesichts der politischen Differenzen in der Region einige Zeit dauern, bis eine Einigung erzielt wird.

USA: Leichte Abschwächung, wenn das Virus eingedämmt wird

Trotz der Ankündigung, dass Kalifornien Tausende von Menschen wegen Covid-19 überwacht und weitere Fälle im ganzen Land erwartet werden, scheint die US-Wirtschaft Störungen besser standhalten zu können. Dies bedeutet, dass eine leichte Abkühlung wahrscheinlicher ist als eine Rezession, wenn das Virus eingedämmt wird.

Trotzdem sind die Erwartungen gestiegen, dass die US-Notenbank, die bereits von Präsident Trump unter Druck gesetzt wird, schon im März die Zinsen senken wird. Die Märkte preisen in diesem Jahr insgesamt drei Zinssenkungen ein, während man zuvor erwartet hatte, dass die US-Notenbank die Zinsen im Vorfeld der US-Wahlen beibehält. Der Ausbruch des Virus könnte zwar finanzpolitische Reaktionen auslösen, was aber angesichts der näher rückenden Wahlen im November durch die Politik erschwert werden könnte.

Markterwartungen an eine Intervention sind nach wie vor hoch

Obwohl sich die Infektionsraten stabilisieren und die wirtschaftlichen Beeinträchtigungen schließlich abklingen werden, kann man noch nicht sagen, ob die aktuellen Kurseinbrüche ihre Talsohle erreicht haben oder nicht. Die Märkte hatten ein schlechtes erstes Quartal erwartet, gefolgt von einer Erholung im zweiten Quartal. Doch die schlechten Nachrichten für die Gewinne und das BIP-Wachstum werden nun wahrscheinlich erst im zweiten Quartal ihren Höhepunkt finden und möglicherweise bis ins dritte Quartal andauern.

Die Märkte haben nach wie vor hohe Erwartungen an Interventionen der Zentralbanken und Regierungen, auch wenn die geldpolitischen Stimulusmaßnahmen nur eine begrenzte Wirkung zeigen und die fiskalischen Impulse, die sehr viel effektiver sein können, Zeit brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten. Allerdings verlaufen die Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Börsen nur selten synchron, so dass sich die Märkte wahrscheinlich wieder erholen werden, sobald sich die Ausbreitung des Virus stabilisiert hat (auch wenn die wirtschaftlichen Auswirkungen noch nicht spürbar sind).