Bis letzten Monat waren wir bei unserem Ausblick für die Weltwirtschaft von moderatem, wenn auch fragilem Wachstum in diesem Jahr ausgegangen. Dank der weltweit lockeren Geldpolitik schien sich der lange Wirtschaftszyklus um ein weiteres Jahr zu verlängern. Das ist auch weiter möglich, sofern die Ausbreitung des Coronavirus schnell gestoppt wird. Unterdessen sprechen wir in regelmäßigen Abständen weltweit mit den Unternehmen, in die wir investieren, um die Auswirkungen der Epidemie richtig einschätzen zu können. Gegenwärtig rechnen wir damit, dass sie Chinas BIP-Wachstum im ersten Quartal bremsen und weitere staatliche Stimulusmaßnahmen auslösen wird. Ob das neuartige Virus eine globale Rezession zur Folge haben wird, darüber lässt sich derzeit nur spekulieren.

China hat heute eine viel größere Bedeutung für die Weltwirtschaft als während des SARS-Ausbruchs 2003 (Grafik 1). Dadurch verstärken sich auch die potenziellen Auswirkungen auf andere Länder. Zudem sind die Chinesen viel mobiler geworden, was das Eindämmen der Krankheit erschwert. Im letzten Jahr reisten 130 Millionen Chinesen ins Ausland, während es vor der SARS-Epidemie1 nur 20 Millionen waren. Viele von ihnen fahren geschäftlich nach Afrika, wo die Möglichkeiten, das Virus nachzuweisen, begrenzt sind.

Chinesische Wirtschaft hat weit größeren Stellenwert als 2003

-

Anmerkung: Das BIP Chinas ist der nach Kaufkraftparität bereinigte Anteil an der weltweiten Wirtschaftsleistung. Quelle: BIS, IMF DOTS, IFS, Haver, Bloomberg, UBS, 2020.

Makro-Ausblick: Instrumente der Geldpolitik im Falle von Wachstumseinbruch begrenzt

Im ersten Quartal könnte es angesichts der Störungen im Wirtschaftsablauf in China zu einem Wachstumseinbruch in der Weltwirtschaft kommen. Von den Folgen für die globalen Lieferketten, den Handel und den Tourismus sowie der allgemeinen Verunsicherung ganz zu schweigen.

Selbst wenn es gelingt, die Ausbreitung des Virus schnell zu stoppen, könnte das globale Wachstum im ersten Quartal um mindestens einen halben Prozentpunkt schwächer ausfallen2. Daran dürfte sich jedoch eine gewisse Erholung anschließen. Insgesamt werden die Nachwehen wohl länger anhalten und noch bis weit in dieses Jahr zu spüren sein.

Etwa die Hälfte der geschätzten Auswirkungen wird sich durch eine Wachstumsverlangsamung in China einstellen. Die andere Hälfte dürfte von einer Beeinträchtigung bei Chinas Handelspartnern und dem weltweiten Rückgang des Tourismus ausgehen.

Unser Konjunkturfrühindikator (FLI) deutet immer noch ein positives Wachstum an, das jedoch an Fahrt verliert. Er spiegelt jedoch lediglich die direkten Auswirkungen des Virus im Januar auf die Rohstoffnachfrage durch den dramatischen Einbruch der Komponente Baltic Dry Index wider. Weitere indirekte Auswirkungen sind daher durchaus möglich.

Fidelity Leading Indicator deutet auf positives, aber sich abkühlendes Wachstum hin

-

Datenpunkte zeigen monatliche FLI-Auswertung von Januar 2018 bis Januar 2020. Quelle: Fidelity International, Februar 2020.

Quelle: Weltbank, Fidelity International, April 2019

Vom Ausbruch des Virus werden außer China die übrigen Länder Asiens am stärksten betroffen sein (Grafik 3), gefolgt von einigen lateinamerikanischen Ländern. Unter den Industrieländern ist Europa am anfälligsten für eine Wachstumsverlangsamung. Zaghafte Anzeichen einer Konjunkturerholung könnten durch einen Wachstumseinbruch im Keim erstickt werden.

Länder, die am stärksten von ausfallenden Wirtschaftsaktivitäten in China betroffen sind

Exporte nach Festlandchina als Anteil des BIP (in US-Dollar)

-

Quelle: IWF, Februar 2020.

Auf Anzeichen einer Rezession werden die wichtigen Zentralbanken reagieren, indem sie vorübergehend ihr Augenmerk von der Inflation auf das Wirtschaftswachstum verlagern. Allerdings ist unklar, wie wirksam zum jetzigen Zeitpunkt eine weltweite Lockerung der Geldpolitik angesichts der ohnehin bereits sehr entspannten Finanzierungsbedingungen wäre. Fiskalpolitische Maßnahmen könnten daher erforderlich sein, die aber selbst bei gezieltem Einsatz zu spät kommen könnten, um einen markanten Abschwung in den stark betroffenen Ländern abzuwenden, in denen das Wachstum bereits schwächelt.

Ausblick für die Aktienmärkte: Schwankungen könnten anhalten, aber Erträge weiter fließen

Da wir von gewissen fiskalischen Stimulusmaßnahmen und länger anhaltenden Niedrigzinsen ausgehen, sprechen strukturelle Gründe für ein Engagement an den globalen Aktienmärkten. Angesichts der niedrigen Renditen anderer Anlageklassen rechnen wir mit Kapitalzuflüssen in ertragsorientierte Anlagen.

Weniger klar ist der kurzfristige Ausblick für Aktien. Die bisherigen Gewinnberichte über das vierte Quartal waren gut. Das bestärkt uns in der Überzeugung, dass wir nach dem letzten Jahr mit auf der Stelle tretenden Gewinnen in diesem Jahr ein Gewinnwachstum von neun Prozent sehen dürften. Aber wir hatten schon vor dem Virusausbruch wegen einer möglichen Übertreibung einen weltweiten Rückgang nicht ausgeschlossen. Nun, da die chinesischen Märkte auf der Kippe stehen, bleiben wir erst recht vorsichtig.

Zyklische Aktien wie die von Energieunternehmen, die oft am empfindlichsten auf ein solches Szenario reagieren und sich noch von ihrer jüngsten Schwächephase erholen, bleiben anfällig für Ausverkäufe. Der Ölpreis befindet sich seit einigen Wochen wegen des Nachfragerückgangs in China offiziell in einem Bärenmarkt. Das wird die Gewinne je Aktie von Energie- aber auch von anderen Unternehmen weltweit belasten.

Auf China entfällt inzwischen der größte Anteil der weltweiten Rohstoffnachfrage, beispielsweise die Hälfte der gesamten Kupfernachfrage. 2003 war es noch weniger als ein Fünftel3. Chinesische Kupfer- und Gasimporteure berufen sich jetzt auf „höhere Gewalt“, um Lieferungen nicht abnehmen zu müssen. Sobald sich die Nachfrage jedoch erholt, werden die ohnehin relativ niedrigen Lagerbestände schnell aufgestockt.

China ist heute ein wichtigerer Abnehmer von Öl und Metallen

-

Anmerkung: Das BIP Chinas ist der nach Kaufkraftparität bereinigte Anteil an der weltweiten Wirtschaftsleistung. Quelle: BIS, IMF DOTS, IFS, Haver, Bloomberg, UBS, 2020.

Ausblick für den Anleihemarkt: Staatsanleihen dürften besser als Unternehmensanleihen abschneiden

Das neue Jahr begannen wir mit einem vorsichtigen Ausblick, was die Bewertungen an den globalen Kreditmärkten anbelangt. Und auch in nächster Zeit werden wir die Risiken unserer Portfolios weiter zurückfahren. Vor allem in China dürfte die Risikoscheu noch einige Zeit anhalten, und Staatsanleihen werden vermutlich höhere Renditen als Unternehmensanleihen erzielen. Das Risiko-Ertragsverhältnis Letzterer ist nun noch weniger attraktiv. Gründe sind das langsamere Wachstum im Reich der Mitte und die Auswirkungen des Coronavirus auf die globalen Lieferketten.

Unsere Fondsmanager erhöhen daher aktuell ihre Long-Positionen auf amerikanische und australische Staatsanleihen. Zudem verkleinern sie die Short-Positionen auf europäische und britische Staatspapiere und ziehen sich aus Unternehmensanleihen in den Sektoren zurück, die die stärksten Verflechtungen mit der chinesischen Wirtschaft aufweisen. Dazu gehören z. B. die Automobil-, Rohstoff- und Chemiebranche.

Darüber hinaus befürchten wir, dass die Spätfolgen der Epidemie, auch wenn sie schließlich unter Kontrolle gebracht wurde, festverzinslichen Risikoanlagen weiter zu schaffen machen könnten. Anstatt also nach kurzen Verlustphasen zu kaufen, werden wir die Situation beobachten und Gewinne dort mitnehmen, wo die Bewertungen unverändert hoch sind.

Der kommende Monat bringt Klarheit

Dem nächsten Monat fällt besondere Bedeutung zu, wenn es darum geht, den durch das Virus verursachten wirtschaftlichen Schaden zu bewerten und die möglicherweise wichtigen Auswirkungen auf unseren globalen Ausblick abzuschätzen. Die Ansteckungsraten scheinen zwar rückläufig. Die im Kampf gegen die weitere Ausbreitung ergriffenen Maßnahmen sind jedoch strenger als bei SARS und könnten die Wirtschaftsaktivität stärker bremsen. Zudem könnte China mit den steigenden Kosten für staatliche Stimulusmaßnahmen in seinem Bemühen um einen Schuldenabbau zurückgeworfen werden.

Vorerst gehen viele unserer Unternehmen davon aus, dass die Folgen des Virus relativ kurzlebig sein und sich wie bei SARS mit Beginn des Sommers in Wohlgefallen auflösen werden. Dann dürften sich die Wirtschaftsdaten erholen, unterstützt von den Maßnahmen Pekings für die Märkte und die Realwirtschaft.

Quellen:

1 CEIC, Schätzungen von Fidelity: https://www.ceicdata.com/en/china/resident-departure/resident-departures

2 Der Berechnung liegt die Annahme zugrunde, dass das Wachstum in China im ersten Quartal um ein bis zwei Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahresquartal sinkt (bzw. um sechs Prozentpunkte pro Jahr, wenn man die vierteljährlichen Veränderungen annualisiert). Der Anteil der Kaufkraftparität Chinas an der Weltwirtschaft beträgt rund 20 Prozent, sodass die direkten negativen Auswirkungen auf das globale Wachstum 1,5 Prozent x 0,2 = 0,3 Prozent oder 30 Basispunkte betragen können. Die indirekten Auswirkungen über Handel und Tourismus werden auf etwa 0,2 Prozent (nach Literaturangaben) geschätzt. In der Summe ergeben sie etwa 0,5 Prozent (oder etwa zwei Prozent pro Jahr, wenn man die vierteljährliche Veränderung annualisiert).

3 Wood Mackenzie, 2020
 

Das könnte Sie auch interessieren

September 2021 - Delta-Variante bremst Wirtschaftsaufschwung

Die hochansteckende Delta-Variante verbreitet sich immer stärker.


Tappe & Telschow

Tappe & Telschow

Marktbericht

August 2021 - Selektiveres Vorgehen ratsam

Während die Weltwirtschaft kräftig wächst, schwächt sich die Dynamik in einig…


Tappe & Telschow

Tappe & Telschow

Marktbericht

Sondermarktbericht – Wird China durch Regulierungsmaßnahmen unattra…

Regulatorische Maßnahmen in China verunsichern den Markt. Was sind die Folgen?


Tappe & Telschow

Tappe & Telschow

Marktbericht