Die Infrastruktur in den USA zerfällt. Nun will der neue US-Präsident Joe Biden sie mit einem milliardenschweren Wiederaufbauprogramm sanieren. Ausgerechnet die Covid-19-Krise könnte so zum Geburtshelfer für mehr Klimaschutz im Land werden.

Gefrorene Pipelines, stillgelegte Fabriken, ganze Städte ohne Strom: In Texas herrschte im Februar Ausnahmezustand. Was war passiert? Eine Kältewelle hatte die Stromnetze in weiten Teilen des Südstaats lahmgelegt, Millionen Menschen mussten frieren, einige starben den Kältetod. Die Situation warf ein Licht auf ein schmerzhaftes Dauerproblem: Während die USA sich gern als führende Technologie-Nation der Welt präsentieren, verfallen zusehends Stromnetze, Wasserstraßen, Brücken und andere essenzielle Infrastrukturen.

Ausgerechnet die Pandemie könnte das nun ändern. Denn der neue US-Präsident Joe Biden hat den "Build Back Better Recovery Plan"1 ersonnen. Mit öffentlichen Investitionen in Höhe von über zwei Billionen US-Dollar will Biden aus der Krise durchstarten - und die marode US-Infrastruktur auf Vordermann bringen. Bereits während seines Wahlkampfs im vergangenen Sommer hatte der damalige Anwärter auf das Präsidenten-Amt für seinen historisch beispiellosen Modernisierungsschub geworben. Inzwischen ist der Senat dabei, die Vision in Gesetze zu gießen. "Besser wiederaufbauen" - das übersetzt man hier in "nachhaltig aufbauen": Ein zentrales Versprechen des Programms lautet nämlich, CO2-Emissionen zu reduzieren, um so auch die Klimaziele zu erreichen, zu denen sich die USA mit der Rückkehr ins Pariser Abkommen gerade wieder verpflichtet haben.

Auch die UNO hofft auf Pandemie-Schub

Auch der UNO-Generalsekretär António Guterres dürfte angesichts der jüngsten politischen Entwicklungen in den USA frohlocken. Er hatte schon vor fast einem Jahr einen Sechs-Punkte-Plan für einen klimafreundlichen Wiederaufbau nach der Pandemie gestartet. Die Krise sei ein Weckruf und böte die Chance, die Klimaziele mit neuem Schwung zu verfolgen.2

In den USA sollen die Wiederaufbau-Billionen nun beispielsweise in Hochgeschwindigkeitszüge fließen, in Steueranreize für saubere Energieanlagen und in andere umweltfreundliche Projekte. Bis zum Jahr 2035 soll die Energieversorgung CO2-neutral sein. Biden will 4 Millionen Gebäude modernisieren lassen und 1,5 Millionen neue nachhaltige Wohnungen bauen. Alle diese Investments sollen gleichzeitig Millionen neue Arbeitsplätze schaffen. Die Arbeitslosenquote fiel im Februar auf Grund der teilweisen Öffnungen zwar schon wieder auf 6,2 Prozent. Aber viele der Jobs waren zuletzt bloß Teilzeitstellen. Die US-Notenbank Fed hat unterdessen Vollbeschäftigung als wichtigstes Ziel ausgerufen. Bidens Plan passt also in die Zeit.

Krisen für bessere Infrastruktur

So ist gut denkbar, dass die Pandemie im Nachhinein einmal zum entscheidenden Hebel für eine nachhaltige Verbesserung der Infrastruktur der USA anzusehen ist. Immerhin stammen viele Teile der jetzigen Infrastruktur ebenfalls aus einer Nachkrisenzeit - bloß ist die schon einige Jahrzehnte her. Nach der großen Depression hatte der Staat in den 1930er Jahren ebenfalls ein Konjunkturprogramm ausgerufen. Viele Brücken des berühmten Pacific Highway One sind Stein gewordene Zeugnisse der damaligen Pläne. 90 Jahre später könnten sie per "Build Back Better"- Programm kernsaniert werden. Nötig haben die USA ein solches Make-over allemal.

Mehr zum Thema

Nachhaltigkeit im Fokus: Unternehmen wollen klimaneutral werden. Exklusive Einblicke unserer Analysten.  Mehr erfahren

Das könnte Sie auch interessieren

Regulierung in China: Paukenschlag für mehr Gerechtigkeit

Chinas Staatsführung hat mit ihren jüngsten Eingriffen das Vertrauen in den M…


Carsten Roemheld

Carsten Roemheld

Kapitalmarktstratege Fidelity International

Bundestagswahl: Warum das Großereignis für die Märkte keine Rolle s…

Der Wahlkampf geht in den Endspurt und wird aktuell zum medialen Top-Thema. D…


Carsten Roemheld

Carsten Roemheld

Kapitalmarktstratege Fidelity International

Gleichberechtigung: Der unterschätzte Rentenfaktor

Das Rentensystem auf die alternde Bevölkerung vorzubereiten, gehört zu den Ma…


Carsten Roemheld

Carsten Roemheld

Kapitalmarktstratege Fidelity International