Der Krieg hat die politische Agenda massiv verschoben. Sicherheitsthemen gehen vor, der Kampf gegen den Klimawandel muss im Zweifel hintenanstehen. Die Energiewende ist damit aber nicht verloren. Sie liegt nur stärker denn je in den Händen von Unternehmen und Investoren.

Als Deutschlands Bundeskanzler Olaf Scholz im Bundestag von der Zeitenwende sprach, hörte die ganze Welt hin. Zwei Tage zuvor hatte Russland die Ukraine angegriffen – und damit eine lange Periode des Friedens in Europa jäh beendet. Seit Ende des Kalten Kriegs hatte auch Deutschland von der sogenannten Friedensdividende profitiert, viele Milliarden Euro für die Landesverteidigung gespart und zum Beispiel in Umweltschutz und Sozialprojekte fließen lassen. Nun wird in ganz Europa aufgerüstet – allein Deutschland verspricht ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr. 

Für den Weltklimarat ist der sicherheitspolitische Umschwung eine Hiobsbotschaft. In ihrem jüngsten Bericht1 gehen die Experten davon aus, dass sich geplante Emissionssenkungen durch die Ukraine-Krise deutlich verzögern werden. Die Problematik des Klimawandels könnte vor dem Hintergrund einer akuten militärischen Bedrohung an politischer Dringlichkeit verlieren.

Doch ist diese Sorge tatsächlich gerechtfertigt? Zumindest mit Blick auf Deutschland bietet sich eine differenzierte Betrachtung an: Schließlich haben die Sanktionen des Westens längst die weitreichenden Konsequenzen der Energieabhängigkeit von Russland belegt. Um diese Abhängigkeiten zu senken, hat der schnelle Ausbau der erneuerbaren Energien nun im Land ebenfalls höchste Priorität. Wirtschaftsminister Robert Habeck kündigte zwar an, Laufzeiten von Kohlekraftwerken zur Not zu verlängern, um kurzfristig ohne russisches Gas auszukommen – an den mittelfristigen Klimazielen des Koalitionsvertrags will die Regierung aber trotzdem festhalten.

Politik braucht Wirtschaft 

Die aktuelle Situation zeigt aber noch mehr: Nämlich, dass politische Maßnahmen allein ohnehin nicht ausreichen, um den Klimawandel zu stoppen. Um die Energiewende voranzutreiben und das Ziel Netto-Null bis zum Jahr 2050 zu verwirklichen, braucht die Politik die Wirtschaft. Und in der Welt der Unternehmen wird die Energiewende immer mehr vom Pflichtprogramm zum investitionsfördernden und renditeträchtigen Geschäft. Auf lange Sicht ist davon auszugehen, dass die Wirtschaftsakteure im Westen auf breiter Linie für mehr Nachhaltigkeit eintreten. Erstens, um klimapolitische Vorgaben zu erfüllen. Und zweitens, um damit gute Geschäfte zu machen.

Investoren kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Schließlich können diese Unternehmen bei der Transformation mit Kapital unterstützen – und jene, die nicht mitmachen, durch Kapitalentzug abstrafen. Die Bewertung von Klimarisiken bildet inzwischen die Basis vieler Anlageentscheidungen. Investoren wollen vorher wissen, wie die Folgen des Klimawandels die Entwicklung eines Unternehmens langfristig beeinflussen. Auch der Druck der Anleger steigt. Und so sind Umweltsünder gezwungen, Verfehlungen offenzulegen und glaubhaft zu machen, dass sie ihre Netto-Null-Ziele auch erreichen – unabhängig von der Energiepolitik der Staaten.

Fazit

Der Krieg in der Ukraine hat die politische Agenda im Westen fundamental verändert. Im Fokus der Zeitenwende stehen nicht mehr die großen Nachhaltigkeitsthemen wie Energie, Mobilität und Landwirtschaft, sondern Sicherheit und Verteidigung. Im Kampf gegen den Klimawandel sind nun mehr denn je die Unternehmen gefragt. Sie können die klimaneutrale Zukunft sichern – und werden das allein aus eigenem Interesse tun. Denn wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit.

 

Quellen

1 https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/klimaschutz-weltklimarat-2022718

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