Europas Standardwerte performten zuletzt vergleichsweise schwach. Das lag auch an konservativ zusammengestellten Indizes. Beides könnte sich ändern, da immer mehr Titel aus den Sektoren Konsum und IT dazukommen.

Die vergangene Dekade war bitter für Anleger, die vornehmlich europäische Aktien im Portfolio hielten. Während US-Börsen seit der großen Finanzkrise ab dem Jahr 2007 Rekorde jagten, war der Aufstieg europäischer Aktien immer wieder von Rückschlägen gekennzeichnet. Unterm Strich hinkt der Kontinent den US-Aktienmärkten deutlich hinterher. 

Das liegt beileibe nicht nur an unterschiedlichen Wachstumsperspektiven dies- und jenseits des Atlantiks. Ein weiterer Grund für die enttäuschende Entwicklung: Zyklische Sektoren sind in europäischen Aktienindizes traditionell besonders hoch gewichtet. Die großen US-Indizes dagegen haben einen klaren Fokus auf Wachstumstitel. 

Hier zeichnet sich in Europa ein interessanter Paradigmenwechsel ab. Die großen Indizes orientieren sich immer stärker weg von Sektoren der Old Economy hin zu einem Mix mit überraschend viel Wachstum. Analysten der Investmentbank Morgan Stanley haben ermittelt, dass beispielsweise der Anteil an Energie- und Finanzwerten im MSCI Europe von 34 Prozent im Jahr 2010 auf derzeit weniger als 20 Prozent geschrumpft ist.1 Die vier größten Branchen im Index sind inzwischen Pharma, Investitionsgüter, Werkstoffe sowie Nahrungs- und Genussmittel. Gemeinsam stehen sie für rund 40 Prozent der Marktkapitalisierung des MSCI Europe. Im MSCI EMU, der die Wertentwicklung von Konzernen speziell aus der Euro-Zone abbildet, ist der Trend zu mehr Wachstum sogar noch ausgeprägter: Dort nehmen inzwischen Technologie-Aktien doppelt so viel Raum ein wie der Bankensektor. Die Gewichtsverschiebung in den Leit-Indizes ist übrigens nicht geplant – sondern Ergebnis und Anerkennung der deutlich verschobenen Marktkapitalisierung.

EU-Fonds stützt Aktienmärkte

Im Ergebnis macht die Kombination aus schneller wachsenden und weniger konjunktursensitiven Unternehmen Europas Aktienmärkte zusehends attraktiv für Investoren. Tech-Unternehmen aus den USA sind durch den starken Anstieg der vergangenen Dekade sehr teuer geworden. High Tech aus Europa ist demgegenüber preiswerter und bietet Aufholpotenzial. Der defensive Fokus kommt wiederum Investoren zugute, denen der Corona-Schock vom Frühjahr 2020 noch in den Gliedern sitzt. 

Die ersten Anzeichen für ein  europäisches Revival im Depot bekamen Investoren in den vergangenen Monaten zu spüren. Exportstarke Unternehmen aus Europa zählten zu den großen Gewinnern des weltweiten Aufschwungs nach den Lockdowns im Winter 2020.  Die Erholung der Wirtschaft treibt überdies auch die Kurse von Unternehmen aus zyklischen Sektoren wie Finanzen und Energie. Die sind zwar weniger als früher in den europäischen Indizes vertreten, aber doch noch immer in ansprechender Zahl. 

Schließlich profitiert der Investitionsstandort Europa vom jüngsten Konjunkturprogramm, auf das sich die Staats- und Regierungschefs der EU im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der  Pandemie geeinigt haben. Der 750 Milliarden schwere Wiederaufbaufonds dürfte das Vertrauen in den europäischen Markt nachhaltig stärken. Das sollte über kurz oder lang auch die EU-Aktienmärkte weiter beflügeln.

Quellen

Morgan Stanley EU Strategy: The changing face of European Equities – one year on. Stand: August 2021

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