Jahrzehntelang waren Tech-Aktien die Performance-Treiber an den Börsen. Die USA waren der Hauptprofiteur. Nun könnte eine Zinswende Aktien unterbewerteter Unternehmen begünstigen. Das würde anderen Weltregionen entscheidende Vorteile verschaffen.

Amazon, Apple, Microsoft und Co.: Tech-Unternehmen haben Anleger im vergangenen Jahrzehnt reich gemacht wie kein anderer Sektor. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Bullenmarkts in den USA präsentierte die US-Investmentbank Goldman Sachs eine Untersuchung zu den Haupttreibern der Performance des US-Index S&P 500 zwischen dem Ende der Finanzkrise und dem Jahr 2019. Ergebnis: Zehn Unternehmen zeichneten für rund ein Viertel der gesamten Indexrendite seit 2009 verantwortlich. Die Hälfte davon stammte wiederum aus dem IT-Sektor1.

Die vergangene Dekade war aber nicht nur die Ära der Tech-Aktien. Damit einher ging auch ein goldenes Jahrzehnt für die Heimat der bis dato bedeutendsten IT-Unternehmen: die USA. Ihren Aufstieg zur Weltmacht haben die Vereinigten Staaten zum Großteil dem Erfolg der FAANG-Unternehmen Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google zu verdanken, die mit ihren disruptiven Geschäftsmodellen in rasender Geschwindigkeit die Welt erobert haben. 

Die Profiteure der Value-Wende

Was gleichzeitig die Frage aufwirft: Was wird aus den USA, wenn der Tech-Motor dauerhaft ins Stocken gerät? Die Antwort könnte darauf die Welt schneller erfahren als noch vor Kurzem gedacht. Denn der Tech-Sektor mit seinen zum Teil überaus hoch bewerteten Aktien ist traditionell auch besonders anfällig für steigende Zinsen. Und von dort aus droht den Tech-Riesen Ungemach: Die US-Notenbank Federal Reserve ließ das Zinsniveau auf ihrer letzten Sitzung im Juni zwar noch unangetastet. Sie bewertete den jüngsten Anstieg der Verbraucherpreise aber kritisch – und stellte Zinserhöhungen binnen zwei Jahren in Aussicht. 

Mit der Zinswende könnte auch die Rally für die ambitioniert gepreisten Tech-Aktien enden. Gewinner wären voraussichtlich vor allem Unternehmen mit hohen Sachwerten und robustem Cashflow, die an den Kapitalmärkten derzeit tendenziell unterbewertet sind. 

Die Sektor- wird zur Regional-Rotation

Das wiederum könnte im folgenden Jahrzehnt anderen Weltregionen entscheidende Vorteile verschaffen. Allen voran den von traditioneller Industrie stark geprägten Europäern. Zum Jahresende bekamen Investoren einen ersten Vorgeschmack darauf, was eine solche Sektor- und Regional-Rotation für ihr Portfolio bedeuten könnte. Als im November 2020 die ersten Nachrichten über Impfstoffe gegen Covid-19 eintrafen und sich ein mögliches Ende der Pandemie abzuzeichnen begann, liefen Value-Unternehmen den wachstumsstärkeren Konkurrenten an den Weltbörsen den Rang ab, wie Daten der Ratingagentur Morningstar zeigen. Während Value-Unternehmen mit hoher Marktkapitalisierung zwischen November 2020 und Januar 2021 um 22,5 Prozent zulegten, kamen ihre Growth-Pendants nur auf ein Plus von 7,7 Prozent2.

Chinas Aufstieg zur Weltmacht

Neben Europa könnte auch China den USA den Rang als Börsen-Weltmacht streitig machen, wenn sich die Tech-Giganten nicht mehr als Wachstumsquelle Nummer Eins präsentieren. China hat in den vergangenen Jahrzehnten eine rasante Entwicklung hingelegt, und die chinesische Regierung hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2025 in vielen wichtigen Schlüsselindustrien Weltmarktführerstatus zu erlangen. Spätestens am 1. Oktober 2049, das wäre 100 Jahre nach Gründung der Volksrepublik, will das Land zur Wirtschaftsmacht Nummer Eins aufgestiegen sein.

Nun wären die USA nicht dort, wo sie heute stehen, wenn sie all dem tatenlos zusehen würden. Der Wettkampf geht also weiter. Es bleibt nur abzuwarten, nach welchen Regeln künftig gespielt wird.

Quellen:
1 https://www.cnbc.com/2019/03/11/just-10-stocks-have-accounted-for-25percent-of-the-bull-markets-return.html
2 Morningstar Europe Barometer, https://www.morningstar.de/de/news/208730/morningstar-marktbarometer-2020-growth-jahr-mit-trostzuckerl-f%C3%BCr-value-anleger.aspx (Stand: Januar 2021)

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