Finanztitel gehören zu den Gewinnern der Spätphase der Pandemie, profitieren von Staatshilfen, Inflation und besseren Konjunkturaussichten. Europa spielt allerdings nur in der zweiten Liga mit. Warum ist das so?

Die US-Wirtschaft steht vor einem neuen Boom. Die Impfkampagne läuft, langsam erholt sich der Arbeitsmarkt von den Folgen der Pandemie, die Inflation zieht an. Es ist wenig überraschend, dass die US-Notenbank Fed gerade jetzt öffentlichkeitswirksam darüber nachdenkt, auch wieder zur geldpolitischen Normalität zurückzukehren. Die obersten Währungshüter deuteten nach ihrer Juni-Sitzung erste Zinserhöhungen für 2023 an. Bislang galt das Jahr 2024 als Startpunkt. 

Die Aussicht auf das Ende der ultralockeren Geldpolitik hat Finanzwerte ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Bereits im Vorfeld der Notenbanksitzung hatten die guten Konjunkturdaten in Kombination mit der anziehenden Inflation dem Sektor Auftrieb verschafft. Der KBW Bank Index, der die Aktienkurse von 24 großen US-Kreditinstituten erfasst, legte im ersten Halbjahr 2020 um fast 40 Prozent zu1.  Nun hoffen viele Investoren, dass sich die Rally fortsetzt, sobald die Währungshüter ihren Worten Taten folgen lassen. Schließlich steigen mit dem Zinsniveau die Gewinnmargen all jener Unternehmen, die Darlehen vergeben, und eine deutliche Verbesserung der Konjunktur begünstigt insbesondere solche, die an den Finanzmärkten aktiv sind oder kapitalintensive Transaktionen begleiten und abwickeln. Bankaktien dürften also profitieren.

Aber nicht überall.

Klar ist, dass ein Umfeld steigender Zinsen dem Sektor weltweit entgegenkommt. Doch an europäischen und insbesondere auch deutschen Bankhäusern dürfte der Aufschwung weitgehend vorbeilaufen. Der Grund: Kreditinstitute profitieren umso stärker von der Zinswende, je größer sie sind und je kapitalintensiver ihre Geschäfte. 

Und da sieht es für die Europäer mau aus: Die nach Bilanzsumme größten Banken der Welt stammen nämlich allesamt aus den USA – und aus China. Mit der französischen BNP Paribas spielt hier bloß ein einziges europäisches Institut in der ersten Liga mit. Die Deutsche Bank liegt gemessen an der Bilanzsumme international nur auf Platz 19. Danach kommt in Deutschland lange Zeit kein einziges Institut mehr.2 

Von wegen „overbanked“

Ähnlich abgeschlagen präsentiert sich Europa mit Blick auf die weltgrößten Investmentbanken3. Dort dominieren US-Banken wie J. P. Morgan, Goldman Sachs, die Bank of America und Morgan Stanley. 

Gemessen an deren Kapitalkraft ist der Finanzstandort Deutschland also eindeutig „underbanked“. Dass aber oftmals der gegenteilige Eindruck entsteht, ist kein Wunder. Denn die vielen kleinen Kreditinstitute im Land, das geprägt ist vom dreigliedrigen Bankensystem aus Privatbanken, Volksbanken und Sparkassen, verderben Preise und Gewinnmargen im Filial- und Geschäftskundenbereich. Das Investmentbanking kommt in dieser Betrachtung gar nicht vor. 

Die Renditehoffnungen, die sich mit der Zinswende verbinden, könnten sich also anderswo erfüllen, jedoch nicht bei uns. So zeigt sich einmal mehr, wie schwach der deutsche und der europäische Bankensektor aufgestellt sind – und wie stark in anderen Regionen - mit Blick z.B. auf die USA -  der Hebel aus steigenden Zinsen und einer deutlich anziehenden Konjunktur die Kurse der Finanzwerte beflügelt.
 

Quellen:
1 https://www.finanzen100.de/index/kbw-bank_H285323252_17111247/
2 https://banksdaily.com/topbanks/World/total-assets-2020.html
3 https://www.statista.com/statistics/371143/leading-global-investment-banks-by-revenue/

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