Viele Unternehmen wollen ihre Abhängigkeit von China reduzieren und orientieren sich auf der Suche nach Alternativen in Richtung Indien. Dafür gibt es gute Gründe. Allerdings pflegt die größte Demokratie der Welt selbst eine gefährliche Nähe zu Autokraten.

Im September präsentierte der US-amerikanische Tech-Konzern Apple das iPhone 14. Wie Bloomberg berichtete, soll das neue Modell zum ersten Mal von Anfang an sowohl in China als auch in Indien produziert werden. Apple will seine Produktion diversifizieren, die Abhängigkeit von der durch den Lockdown gebeutelten Volksrepublik reduzieren. Der Standort China entwickelt sich zunehmend auch aus politischen Gründen zum unternehmerischen Risiko: Der Konflikt mit dem Nachbarn Taiwan spitzt sich zu, eine militärische Eskalation ist nicht ausgeschlossen. Und der Krieg in der Ukraine lehrt bereits, welch fatale Auswirkungen sich aus zu engen wirtschaftlichen Beziehungen zu Autokratien ergeben können.

Auf der Suche nach neuen Handelspartnern kommt Indien als aufstrebende Wirtschaftsmacht ins Spiel. Doch verfügt das Land über das Potenzial, Chinas Lücke zu füllen? Ein genauerer Blick zeigt: Es gibt Gründe dafür und dagegen.  

Mehr als ein Hype

Die Vorstellung, Indien sei das China der Zukunft, ist nicht neu. Der Subkontinent weist stabile Wachstumsraten auf. Nur reichten diese bislang nicht aus, um aus dem Schatten Chinas herauszutreten. Das könnte sich bald ändern, gelang es dem Land doch recht schnell, von der Pandemie wieder zum Aufschwung zurückzufinden. Nach Angaben der Weltbank ist die indische Wirtschaft zwischen April 2021 und März 2022 um 8,3 Prozent gewachsen.1 Auch wenn die Folgen des Ukraine-Kriegs deutlich spürbar sind, bleibt der Blick in die Zukunft aussichtsreich: Selbst konservativen Schätzungen zufolge dürfte Indien Ende dieses Jahres die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt sein.1

Mit dem Aufschwung modernisiert der Staat zudem seine Infrastruktur massiv. Im Juni 2019 stellte die reformfreudige Regierung um Premierminister Narendra Modi die National Infrastructure Pipeline (NIP) vor – ein 1,3 Billionen Euro schweres Infrastrukturprogramm, das 6.500 Einzelprojekte umfasst.2 Investiert wird seither unter anderem in die Bereiche Energie, Straßenverkehr, Schienennetze, Digitalisierung sowie Gesundheits- und Bildungseinrichtungen.

Nicht nur die indische Wirtschaft und Infrastruktur florieren. Im nächsten Jahr wird Indien mit etwa 1,4 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Welt sein. Der Staat profitiert dabei von der sogenannten demografischen Dividende: Die Gesellschaft wird immer jünger, gesünder, gebildeter und kaufkräftiger. Während andere Staaten unter der Alterung der Bevölkerung und Fachkräftemangel leiden, verfügt Indien über ein enormes Reservoir an qualifiziertem Nachwuchs. Der wachsende Wohlstand kurbelt den Binnenkonsum an und schafft einen riesigen Absatzmarkt, der internationalen Unternehmen und Investoren Chancen eröffnet.

Schließlich kommt auch die politische Stabilität dem Land zugute. Im Gegensatz zu China ist Indien keine Autokratie. Das Land versteht sich selbst vielmehr als größte Demokratie der Welt. Hier allerdings darf man Fragezeichen anmelden. Jedenfalls deckt sich das indische Freiheitsverständnis sicher nicht mit dem des Westens. Ein Blick auf den Demokratieindex des britischen Wirtschaftsmagazins The Economisternüchtert. Dort erhielt Indien lediglich den Status der „defizitären Demokratie“.

Bestätigt wird diese Einschätzung auch durch die neutrale Haltung Indiens im Ukraine-Krieg. Die Handelsbeziehungen zu Russland wurden durch Sanktionen weder eingeschränkt noch eingestellt. Im Gegenteil: Auf dem diesjährigen Ostwirtschaftsforum (EEF) verkündete Wladimir Putin, dass das Volumen der Lieferungen von russischem Öl nach Indien zukünftig zunehmen wird.

Fazit

Indien ist ein Land im Umbruch. Wirtschaftliche Transformation, soziale Reformen, stabiles Wachstum und eine immer bessere Infrastruktur machen den Subkontinent für Unternehmen und Investoren gleichermaßen attraktiv. Gleichzeitig vollführt das Land wie China einen Drahtseilakt: Man will den wirtschaftlichen Austausch mit Russland aufrechterhalten, ohne die Beziehungen zum Westen zu kappen. Solange das demokratische Selbstverständnis Indiens diesem Widerspruch standhält, wird die wirtschaftliche Partnerschaft mit dem Westen immer eher ein strategisches Zweckbündnis sein als eine tiefe Verbindung. Jede wirtschaftliche Hinwendung steht also unter dem Vorbehalt der politischen Unsicherheit. 

 

Quellenangaben:

https://www.gtai.de/de/trade/indien/wirtschaftsumfeld/indiens-wirtschaft-zeigt-sich-robust-245176
https://www.gtai.de/de/trade/indien/branchen/indien-will-1-3-billionen-euro-in-die-infrastruktur-investieren-523462
https://www.economistgroup.com/group-news/economist-intelligence/democracy-index-2021-less-than-half-the-world-lives-in-a-democracy

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