Die Entwicklung des Konsums in China ist angesichts der verheerenden wirtschaftlichen Folgen der COVID-19-Pandemie ein kleiner Lichtblick. In dem Land, in dem die globale Ausbreitung des neuartigen Coronavirus ihren Ursprung nahm, beginnt sich das Leben schrittweise zu normalisieren.

Die Menschen strömen wieder in die Läden und Restaurants, nachdem viele öffentliche Bereiche wochenlang gesperrt waren, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Viele Menschen tragen immer noch Gesichtsmasken und wirken in Menschenansammlungen nervös. Ihre Rückkehr in die Öffentlichkeit signalisiert jedoch, dass im Land mit dem weltweit größten Markt für Konsumgüter eine Erholung eingesetzt hat.

Basiskonsumgüter sind dabei eindeutig stärker gefragt als Güter des gehobenen Bedarfs und des Luxussegments. Auch profitieren die verschiedenen Bereiche der Wirtschaft von der noch halbherzigen Erholung in sehr unterschiedlichem Maße. Die wirtschaftliche Ungewissheit lässt viele Chinesen von größeren Ausgaben vorerst Abstand nehmen: Instant-Nudeln und Tiefkühlkost finden reißenden Absatz, wohingegen Reisebüros und Hotels über Kundenmangel klagen.

Viele Blicke richten sich auf China als erstes großes Land, in dem die Corona-Epidemie offenbar eingedämmt ist. Wie sich der Konsum dort entwickelt, verrät uns, was auch im Rest der Welt geschehen könnte, wenn der Höhepunkt der Pandemie erreicht und überschritten ist. Fest steht, dass das Konsumverhalten nach der Krise nicht so sein wird wie davor und dass die Erholung den verschiedenen Bereichen der Wirtschaft nicht in gleichem Maße zugute kommt.

"Es gibt in den meisten Branchen klare Anzeichen einer Erholung, doch die Normalisierung verläuft recht langsam", erläutert Ben Li, Analyst bei Fidelity. "Das Verbrauchervertrauen müsste stärker werden, um den positiven Trend in Gang zu halten. Entscheidend wird sein, wie erfolgreich China mit den eingeschleppten neuen Fällen umgeht und ob es gelingt, das Virus vollständig unter Kontrolle zu bringen."

Essen zum Mitnehmen

Nach unseren Schätzungen haben über die Hälfte der Restaurants in Chinas Großstädten wieder geöffnet. Viele haben allerdings ihre Geschäftszeiten verkürzt. Fastfood-Ketten stehen generell besser da als edlere Lokale, da viele Kunden lieber von Angeboten zum Mitnehmen Gebrauch machen, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Restaurantbesitzer haben Vorkehrungen getroffen, um Gästen ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Dazu gehören die regelmäßige Desinfektion und größere Abstände zwischen den Tischen.

Abbildung 1: Zum Essen geht man wieder aus
Nach dem Abklingen der Epidemie haben die Restaurants wieder geöffnet

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Quelle: Hualala, Fidelity International, März 2020

Wie unser Research zeigt, sind die Tagesumsätze vieler großer Restaurants immer noch 40-50 Prozent niedriger als vor dem Ausbruch der Epidemie. Bis zu einer vollständigen Normalisierung könnten noch Monate vergehen. Zu brüchig ist das Vertrauen der Öffentlichkeit, dass die Epidemie wirklich unter Kontrolle ist.

Steigende Umsätze im Einzelhandel

Die Jüngeren gehen voran und sorgen dafür, dass die großen Einkaufszentren landesweit wieder zum Leben erwachen. Nach unseren Schätzungen haben im Einzelhandel mehr als 80 Prozent der Läden wieder geöffnet. Die durchschnittlichen Tagesumsätze sind gegenüber März 2019 allerdings um rund 40 Prozent gesunken. Sportartikler wie Li Ning und Anta kommen nach tiefen Einbrüchen im Februar allmählich wieder auf die Beine. Vielleicht werden sie im Juni wieder Zuwächse gegenüber dem Vorjahr melden können.

Im gehobenen Segment sind die Kundenzahlen vorerst noch gering, doch ein Hoffnungsschimmer für den Luxusgüterhandel könnte die Nachfrage von Chinesen sein, die auf Einkaufstouren nach Übersee vorerst verzichten. Wer früher nach Europa flog, um dort Designer-Handtaschen zu erstehen, bleibt nun in Peking und Shanghai, um Gesundheitsrisiken auf Reisen zu vermeiden. Im vergangenen Jahr hatte China die Steuer auf Luxusgüter gesenkt und dadurch den Anreiz erhöht, das Geld im eigenen Land auszugeben.

Supermärkte im Höhenflug

Vorratskäufe bei Gütern des täglichen Bedarfs haben die Supermarktketten zu Gewinnern der Corona-Epidemie werden lassen. Sie verzeichneten im ersten Quartal einen regelrechten Umsatzboom. Es wird erwartet, dass Marktführer wie Yonghui Superstores und Sun Art Retail für die ersten drei Monate ein Umsatzplus gegenüber dem Vorjahr melden werden. Noch besser erging es Online-Lieferdiensten für Lebensmittel, die sich vor Aufträgen kaum retten konnten.

Abbildung 2: Veränderte Präferenzen beim Konsum
App-Nutzung im Februar offenbart Boom bei Lebensmitteln, Probleme für die Reisebranche
 

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Quelle: Quest Mobile, Fidelity International, März 2020

Katastrophale Einbrüche verzeichneten während der Epidemie dagegen die Neuwagenhändler. Ihre Verkaufszahlen fielen im Februar landesweit um fast 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Aus Sorge um die weitere Entwicklung der Epidemie, den eigenen Arbeitsplatz und die Wirtschaft verschieben viele Chinesen den Kauf von Neuwagen, besonders im gehobenen Segment. Erstkäufe von Pendlern sind womöglich weniger stark betroffen – für den Weg zur Arbeit ziehen viele Bürger ein eigenes Auto der Benutzung von U-Bahnen und Bussen vor, um Gesundheitsrisiken zu verringern. Ein Indiz dafür, dass die Nachfrage nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben ist, liefert die Auto-Review-App Yiche. Die Zahl ihrer aktiven Benutzer schnellte im Februar laut Daten von Quest Mobile um 33 Prozent nach oben.

„Am stärksten von der Viruskrise betroffen sind Nicht-Basiskonsumgüter“, sagt Fidelity-Analyst Sherry Qin. „Eine Normalisierung hat zwar begonnen, doch es wird einige Zeit dauern, bis die psychologischen Auswirkungen auf die chinesischen Verbraucher überwunden sind.“

Besonders schlimm erwischt

Es überrascht nicht, dass die Viruskrise für Hotels besonders verheerende Folgen hatte. Im gesamten ersten Quartal verzichteten die Menschen so weit wie möglich auf Reisen. Bei vielen chinesischen Hotels fielen die Auslastungsquoten in den einstelligen Bereich, ähnlich wie in Japan und Korea.

Die in China gesammelte Erfahrung, vom ersten Virusausbruch in Wuhan bis hin zum landesweiten „Lockdown“, ist für den Rest der Welt so etwas wie ein Frühindikator für den Verlauf der Pandemie. Nun könnten die Anzeichen einer konsumgestützten Erholung der Binnennachfrage angesichts der Panik, die weltweit herrscht, das (gedämpfte) Licht am Ende des Tunnels sein.

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