Zwar haben einige Bereiche wichtiger Volkswirtschaften in den vergangenen Wochen überraschende Vitalität bewiesen. Insgesamt dürfte die Erholung von der Coronakrise jedoch mühsamer werden als erwartet. Was den Verlauf der nächsten Monate bestimmen wird und welche Wachstumsraten wir bis Ende 2021 erwarten.


Der “Peak Lockdown” der Coronakrise liegt vorerst hinter uns, die meisten Volkswirtschaften haben ihre Motoren wieder gestartet. Wie schnell sie jetzt beschleunigen, hängt vor allem von drei Faktoren ab:

  • Die Nachfrageseite: Wie groß ist der langfristige Schaden an den Arbeitsmärkten, und wie groß sind die Einkommenseinbußen?
  • Die Angebotsseite: Ist die Zahlungsfähigkeit der Unternehmen gesichert?
  • Die (geld)politische Seite: Welche Stabilisierungsmaßnahmen werden Regierungen und Zentralbanken noch ergreifen? Und wie werden die Märkte reagieren, wenn diese Maßnahmen auslaufen?

Es gibt Hinweise darauf, dass rund 30 Prozent der Jobverluste in den USA von Dauer sein werden. Auch Ende 2020 rechnen wir dort noch mit einer Arbeitslosenquote im niedrigen zweistelligen Bereich, 2021 dürfte die Quote im hohen einstelligen Bereich liegen. Es könnte Jahre dauern, bis strukturelle Veränderungen am US-Arbeitsmarkt abgeschlossen sind.

Die gedämpfte Nachfrage aufgrund der höheren Arbeitslosigkeit und die anhaltenden Einschränkungen aufgrund der Pandemie sorgen dafür, dass viele Branchen noch auf Monate hin eingeschränkt arbeiten werden. Die Folge wäre eine „90-Prozent-Wirtschaft“.

Wenn Stützungsmaßnahmen für Unternehmen auslaufen und diese immer mehr Kredite aufnehmen, könnte es vermehrt zu Insolvenzen, Rekapitalisierungen und Rettungsaktionen kommen. Zwar sind die Märkte relativ optimistisch, was Kreditausfälle angeht. Wir glauben jedoch, dass Unternehmen größeren Belastungen ausgesetzt sein werden, als man bisher im Allgemeinen annimmt.

Zwar wird erwartet, dass die USA Ende Juli oder Anfang August weitere Hilfen für die Wirtschaft bereitstellen, und große Zentralbanken dürften ihre Geldpolitik nochmals lockern. Das unvermeidbare Ende von staatlichen und geldpolitischen Stützungsmaßnahmen dürfte für die Märkte jedoch schwer zu verdauen sein.

Staaten müssen außerdem bald von der Krisen- zur Wachstumspolitik übergehen, um den Aufschwung erfolgreich zu gestalten. Je später sie diesen Schritt gehen, desto teurer kommt es sie zu stehen.

Drei Szenarien für die Weltwirtschaft – ein Update

Anfang Mai haben wir erstmals drei Szenarien dazu entworfen, wie sich das Wachstum während der Coronakrise und der darauffolgenden Erholungsphase entwickeln könnte. Seitdem konnten wir beobachten, wie Volkswirtschaften auf den Lockdown und die schrittweise Öffnung danach reagierten. Die Wahrscheinlichkeit für unser Basisszenario liegt unverändert bei 60 Prozent, die des pessimistischen Szenarios bei 30 und des optimistischen bei zehn Prozent.

Die Wachstumsraten, die wir im jeweiligen Szenario für 2020 erwarten, haben wir jedoch nach unten korrigiert. An den Prognosen für 2021 hat sich hingegen wenig verändert.

China mit den besten Wachstumschancen

Die Hilfsmaßnahmen von Staaten und Zentralbanken konnten die Haushaltseinkommen in der Krise weitgehend stabilisieren und die Funktionsfähigkeit der Märkte sichern. Wie die zweite Jahreshälfte und das kommende Jahr verlaufen, hängt jedoch vor allem von künftigen Maßnahmen ab. Basierend auf den Entscheidungen von Regierungen und Notenbankern werden wir unsere Prognosen weiterhin anpassen.

Für 2020 rechnen wir aktuell mit einem globalen Wachstum von minus 2,9 Prozent, für 2021 mit plus 3,9 Prozent. Für Großbritannien und den Euroraum sind wir etwas pessimistischer, jedoch haben die Stützungsmaßnahmen für den Euroraum bisher positiv überrascht. Unter den Schwellenmärkten sehen wir Mexiko und die Türkei etwas optimistischer als die Konsensprognosen.

Wir glauben weiterhin, dass der Aufschwung ein langer Prozess sein wird. In den meisten Volkswirtschaften wird das BIP vor Ende 2021 kaum auf das Vorkrisenniveau zurückkehren. In unserem Basisszenario würden nur China, Indien und Indonesien Ende 2021 gegenüber Ende 2019 ein positives Wachstum aufweisen. Im pessimistischen Szenario würde das nur China gelingen.

BIP Ende 2021 im Vergleich zum Niveau vor der Coronakrise (Basisszenario und pessimistisches Szenario)
 

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Quelle: Fidelity International, Juni 2020.

Erholung in einigen Bereichen schneller als erwartet

Als Volkswirtschaften sich im Mai wieder öffneten, deuteten viele Hochfrequenzindikatoren auf eine klare Erholung hin: Google-Daten zeigten, dass Menschen wieder mobiler wurden, die Nachfrage nach Kraftstoffen und der Stromverbrauch stiegen, und Verbraucher nutzten ihre Kreditkarten mehr. Die Zuversicht in den Industrie- und Dienstleistungsbranchen ist im Mai und Juni gestiegen, glaubt man den Einkaufsmanagerindizes im Euroraum, in Großbritannien und den USA. Der Index der Industrie in Frankreich und Großbritannien sowie der ISM-Index für die Industrie in den USA liegen alle schon wieder über 50, was auf positives Wachstum hindeutet.

Die schnelle Erholung der Verbrauchernachfrage war eine der großen Überraschungen der vergangenen Wochen. In den USA sind die Einzelhandelsumsätze im Mai um 17,7 Prozent gestiegen, nachdem sie im April um 14,7 Prozent gefallen waren – und das, obwohl die Wirtschaft nur teils wiedereröffnet wurde. Am stärksten erholten sich die Umsätze mit Bekleidung, gefolgt von Möbeln, Sportwaren, Elektrowaren und Autos. Trotz allem liegen die Einzelhandelsumsätze noch über acht Prozent unter dem Vorkrisenniveau.

In den nächsten Wochen und Monaten wird sich zeigen, welche Schäden in der Wirtschaft von Dauer sind. Das hängt unter anderem davon ab, wie und wie schnell Volkswirtschaften sich wieder öffnen, was Regierungen und Zentralbanken tun und wie Staaten mit erneuten Krankheitsausbrüchen umgehen.

Trotz alledem wird die Erholung ein langer und schwieriger Prozess sein. Aktuell geben sich die Märkte dank den Liquiditätsspritzen der Zentralbanken optimistisch. Doch wenn die Geldflut abebbt, könnte die Lücke zwischen Fundamentaldaten und Wertpapierkursen nicht mehr zu halten sein. Oder mit den Worten von Tom Barkin, dem Vorsitzenden der Richmond Fed: „Die Wirtschaft hat den Fahrstuhl nach unten genommen. Auf dem Weg nach oben bleibt ihr nur die Treppe.“
 

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