Um die Lebensgrundlagen der Menschheit langfristig zu sichern, braucht es ein stabiles Klima – und dazu ist eine sozial ausgewogenere Gesellschaft erforderlich. Wer Ungleichheiten abbaut, leistet also einen nachhaltigen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit. Dies gilt beispielsweise auch für den weltweiten Anschluss der Menschen an die digitale Infrastruktur.

Drei Themenkomplexe werden im Rahmen des „Nachhaltigen Investierens“ 2021 an Bedeutung gewinnen:

  1. Klima und natürliche Ressourcen
  2. Fürsorge für Mitarbeiter, Lieferketten und Gesellschaft
  3. Digitale Ethik

1. Naturbezogene Risiken im Rahmen der Bekämpfung des Klimawandels begreifen

Der Klimawandel ist das entscheidende Thema unserer Zeit. Ohne eine schnelle Reduzierung der CO2-Emissionen wird es immer schwieriger, wenn nicht gar unmöglich, gravierende Klimafolgen zu vermeiden, die unsere Lebensweise grundlegend verändern. Auch die finanziellen Auswirkungen werden enorm sein. Nach Schätzungen des Carbon Disclosure Project und des University College London werden die Kosten für klimabedingte Schäden bis zum Jahr 2200 auf jährlich 31 Billionen Euro ansteigen, wenn nichts zur Reduzierung der Emissionen unternommen wird1. Zudem werden die Auswirkungen auf die Menschheit bis dahin so schwerwiegend sein, dass die rein finanziellen Kosten irrelevant sein werden.

Fidelity International bemüht sich auf vielfältige Weise um eine Dekarbonisierung: Erstens nutzen wir als Vermögensverwalter unser unternehmenseigenes Nachhaltigkeitsrating zur Identifikation von Unternehmen, die klimabezogenen Risiken ausgesetzt sind, sei es in physischer Form oder durch verstärkte Regulierung. Wir treten dann mit diesen Unternehmen in einen Dialog mit dem Ziel, dieses Risiko unter Kontrolle zu halten und direkte sowie indirekte Emissionen zu reduzieren. Zweitens beteiligen wir uns an globalen Programmen wie der Initiative Climate 100+, die große Emittenten zu nachhaltigeren Geschäftsmodellen drängt. Drittens haben wir unserem Unternehmen selbst bis 2040 das Ziel gesetzt, CO2-Emissionen von netto null zu erreichen. Außerdem haben wir uns jüngst der Net-Zero-Asset-Manager-Initiative angeschlossen, die Investments unterstützt, die auf das Ziel von Netto-Null-Emissionen bis spätestens 2050 ausgerichtet sind.

Im Jahr 2021 werden wir unsere Bemühungen verstärken, die Risiken zu verstehen, die durch den Verlust von natürlichen Ressourcen entstehen. Die Covid-19-Pandemie wurde möglicherweise auch durch das Vordringen des Menschen in natürliche Lebensräume begünstigt, was uns die Auswirkungen des Verlusts an natürlichem Kapital vor Augen führt. Die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung (ca. 44 Billionen Dollar) ist laut Weltwirtschaftsforum „mäßig oder stark" an die Verfügbarkeit von Naturkapital gebunden, sodass jeder Verlust in ökologischer und finanzieller Hinsicht schädlich ist. Darüber hinaus machen mögliche negative Rückkopplungen zwischen Klimawandel und Verlust an Natur (etwa durch Abholzung) die Erosion der natürlichen Ressourcen zu einem systemischen Risiko für Investoren und Gesellschaft.

Globaler Verlust an Baumbestand (natürlich oder menschlich verursacht)
(über den Gesamtzeitraum: 386 Mio. Hektar, entspricht Rückgang um 9,7 % und 105 Gigatonnen gebundenen CO2-Emissionen)

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Quelle: Global Forest Watch, 2019. Gezeigt wird der jährliche Verlust an Baumbestand, definiert als Verdrängung von Vegetation von mehr als 5 Metern Höhe im ausgewählten Gebiet. Die Angaben berücksichtigen keinen Zuwachs an Baumbestand.

Bessere Daten und mehr Handeln der Politik

Berechnung und Bepreisung von Treibhausgasemissionen bergen immer noch Probleme. Doch die Qualität und Verfügbarkeit von Informationen verbessert sich stetig. Wir gehen davon aus, dass die gleichen Anstrengungen und Innovationen im Bereich der Treibhausgasemissionen in den kommenden Jahren auch in die Bewertung natürlicher Ressourcen und der Biodiversität einfließen werden. Die beiden Bereiche, die dazu beitragen werden, sind Datenerfassung und Regierungshandeln. 

Die Messung der Biodiversität mag komplexer sein als die Ermittlung von CO-Emissionen, doch „Big-Data"-Technologie ermöglicht die Bewertung unterschiedlicher Inputs. Wir erwarten, dass für natürliche Ressourcen ein Rahmenwerk zur Offenlegung von Risiken ähnlich der Taskforce for Climate-related Financial Disclosure (TCFD) entstehen wird. Fidelity hat kürzlich seinen eigenen TCFD-Bericht veröffentlicht und ermutigt jene Unternehmen, in die es investiert, dies ebenfalls zu tun und naturbezogene Risiken offenzulegen, wo immer es möglich ist. 

Dazu gehört beispielsweise die Zusammenarbeit mit Süßwarenherstellern in Bezug auf die Verwendung von Palmöl aus Südostasien. Auch der Beitritt zu einer Koalition von Finanzinstituten in Europa, die Unternehmen, in die sie investieren, auffordern, die Abholzung entlang ihrer Lieferketten zu reduzieren, unterstreicht dieses Engagement.

Für Unternehmen wird es immer schwieriger, sich solchen Verpflichtungen zu entziehen. Die Umweltpolitik nimmt an Fahrt auf, vom Green Deal der EU über den erneuten Beitritt der USA zum Pariser Klimaabkommen bis hin zu den von China, Japan und Südkorea angekündigten Zielen von netto null CO2-Emissionen. Diese Entwicklungen unterstreichen die wachsende Bedeutung Asiens bei der Festlegung von Klimazielen, da die internationalen Vorhaben im Vorfeld des wichtigen UN-Klimagipfels Ende 2021 ehrgeiziger werden. 

2. Fürsorge für Mitarbeiter, Lieferketten und Gesellschaft

Das Wohlergehen der Mitarbeiter hat im Zuge des Corona-Virus-Ausbruchs neue Bedeutung erlangt. Viele Unternehmen versuchen, ihre Mitarbeiter zu schützen und gleichzeitig ihren Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten. Unsere Analystenumfrage vom November 2020 spiegelte diesen Trend wider und zeigte gegenüber Januar 2020 einen starken Anstieg der Zahl der Analysten, die angaben, dass das Wohlergehen der Mitarbeiter hohe Priorität für die Unternehmen hat. 

Wohlergehen der Mitarbeiter gewinnt an Bedeutung

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Die befragten Analysten sollten sieben Aspekte danach anordnen, welche Priorität sie in den von ihnen analysierten Unternehmen genießen (1: am wichtigsten, 7: am wenigsten wichtig). Werte von 1-3 stehen für eine hohe Priorität. Quelle: Fidelity International, Stand: November 2020.

Im Jahr 2021 dürfte der Druck auf die Unternehmen zunehmen, mehr Verantwortung nicht nur für das Wohlergehen ihrer Belegschaft, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt zu übernehmen, auch für die Menschen in ihren häufig komplexen Lieferketten. Eine treibende Kraft dahinter sind die teilweise schwerwiegenden Auswirkungen, die die Pandemie auf die Lebensgrundlage der Menschen hat. Nur ein Fünftel der weltweit 3,3 Milliarden Erwerbstätigen war im Zuge der Pandemie laut International Labour Organization (ILO) nicht von vollständigen oder teilweisen Arbeitsplatzschließungen betroffen.

Einige Arbeitnehmer sind davon stärker betroffen als andere. Frauen zum Beispiel haben im Schnitt einen größeren Anteil ihres Einkommens verloren als Männer. Auf 100 Männer im Alter von 25 bis 34 Jahren, die im Jahr 2021 in extremer Armut leben, werden laut UN 118 Frauen kommen. Im Jahr 2030 werden es 121 Frauen sein, wenn nichts unternommen wird.

In bestimmten Sektoren sind Beschäftigte mit besonderen Problemen konfrontiert. Fidelity machte 2020 auf 400.000 Seeleute aufmerksam, die auf See festsitzen und nicht von Bord gehen können, nachdem die Behörden der Länder als Reaktion auf die Pandemie entsprechende Beschränkungen verhängt hatten. Fidelity schrieb über 30 Unternehmen aus der Schifffahrts- und Charterbranche an und lud andere Investoren ein, einen Brief an die UNO mitzuunterzeichnen, in dem Maßnahmen zur Lösung der Situation gefordert wurden. 

Nicht zuletzt war das Management der Lieferketten ein zentrales Thema im Jahr 2020. Für 2021 planen wir weiteres Engagement hinsichtlich der Prüfung von Zulieferern auf schlechte oder kriminelle Praktiken. Im Jahr 2020 wurde Fidelity Gründungsmitglied eines neuen Zusammenschlusses von Anlegern (Investors Against Slavery and Trafficking Asia-Pacific - IAST APAC), der moderne Sklaverei verhindern und den Menschenhandel angehen will. 

3. Neue ethische Maßstäbe für eine digitale Welt

Digitale Systeme sind für viele Menschen während der Pandemie unverzichtbar geworden, haben aber auch die wirtschaftliche Ungleichheit verschärft. Nach Schätzungen der International Telecommunications Union verfügt nur rund die Hälfte der Weltbevölkerung über einen Internetzugang. Dabei ist die Versorgung in den Entwicklungsländern besonders gering. 

Die digitale Kluft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern

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Quelle: International Telecommunication Union, 2020.

In ländlichen und abgelegenen Gebieten hat ein noch größerer Anteil keinen Breitbandanschluss und auch keine Möglichkeit, Online-Dienste der öffentlichen Hand zu nutzen. Dadurch entsteht auch innerhalb einzelner Länder eine Kluft zwischen denjenigen, die Zugang zu digitalen Möglichkeiten haben, und denjenigen, die das nicht haben. Laut der britischen Regierung setzen beispielsweise 82 % der online ausgeschriebenen Stellen in Großbritannien digitale Kompetenzen voraus.3 Es ist Aufgabe von Politik, Unternehmen und Investoren, den digitalen Zugang im Jahr 2021 und darüber hinaus zur Priorität zu machen. 

Fidelity unterstützte kürzlich den Start der ersten Digital Inclusion Benchmark (DIB) der World Benchmarking Alliance (WBA). Diese Benchmark ist die erste ihrer Art, welche die 100 einflussreichsten globalen Technologieunternehmen nach ihrem Beitrag zur digitalen Teilhabe bewertet. Fidelity hat sich verpflichtet, dazu gemeinsam mit den WBA-Partnern einen kooperativen Dialog mit den Unternehmen in den Portfolios zu führen.

Andere Aspekte der digitalen Ethik könnten sich auf die kurzfristigen Bewertungen und die langfristige Nachhaltigkeit von Technologieunternehmen auswirken. Im Jahr 2021 werden wir diejenigen Aspekte ins Blickfeld nehmen, die wir für die wichtigsten halten: Datenschutz, Falschinformationen, Online-Betrug, Online-Wohlfahrt und ethische Ausgestaltung von Künstlicher Intelligenz (KI). Die Regulierung hat sich bisher auf die ersten drei Felder konzentriert, doch wir sind überzeugt, dass auch Online-Wohlfahrt und KI-Design immer wichtiger werden.

Die Macht des Dialogs

Alle oben genannten Themen lassen sich unter dem Oberbegriff guter Unternehmensführung (Corporate Governance) zusammenfassen. Im Rahmen ihrer allgemeinen Governance-Verantwortung müssen Unternehmen überlegen, wie sie sich auf nachhaltigem Weg von den Auswirkungen der Pandemie erholen können. Andernfalls könnte es für sie auf längere Sicht schwierig werden, im Geschäft zu bleiben. Unternehmen mit sehr gutem Profil im Hinblick auf Umwelt, Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung (ESG) haben sich bereits im Jahr 2020 besser entwickelt und sollten auch künftig mehr Anlegerkapital anziehen als Unternehmen, die in punkto ESG schwächer abschneiden. 

Die Stärke des Engagements von Fidelity als verantwortungsbewusstem Investor liegt zum Großteil darin, dass unsere Analysten und Portfoliomanager regelmäßig mit den Unternehmen über spezielle Probleme sprechen, die sie angehen müssen, anstatt sie einfach aus den Portfolios auszuschließen. Dies gilt vor allem in Sektoren und Regionen, in denen sich ökologische, soziale, governance-bezogene und digitale Entwicklungen langsamer vollzogen haben und wo Vermögensverwalter eine noch größere Verantwortung haben, Unternehmen zu angemessenem Handeln zu bewegen – um eine langfristige Wertsteigerung zu bewirken.

Quelle: Costing the Earth - Climate Damage Costs and GDP

Quelle: International Labour Organization (ILO)

Quelle: Report der britischen Regierung, 2019: No longer optional: employer demand for digital skills

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