Wir Investoren haben in den vergangenen Jahren oft betont, wie sehr es sich für Unternehmen auszahlt, besonders nachhaltig zu wirtschaften. Nun wird immer klarer: Es nicht zu tun, wäre ziemlich riskant.

In den vergangenen Jahren hat sich unter Investoren herumgesprochen, dass eine nachhaltige Unternehmensführung nach ESG-Kriterien mit vielen Chancen verknüpft ist. Wer auf seinen CO2-Fußabdruck achtet und zum Beispiel von Öl und Gas auf Photovoltaik und Windenergie umsteigt, kann Geld sparen. Und wer regional produziert statt Ware um die halbe Welt zu transportieren, sichert mit den Arbeitsplätzen vor Ort auch gleich die Produktqualität. Alles richtig — und doch nur eine Seite der Medaille. Denn für viele Marktteilnehmer wird es zunehmend zum Risiko, nicht nachhaltig zu wirtschaften. Unternehmen, die sich dem ESG-Thema verweigern, verpassen nicht nur potenzielle Zukunftsgewinne, wenn sie an alten Energiesystemen, Prozessen oder Denkmustern festhalten. Sie riskieren unter Umständen ihre wirtschaftliche Existenz.

Beispiel CO2-Preis: Unternehmen, die das Klima mit einem hohen Kohlendioxidausstoß schädigen, müssen dafür mittlerweile zahlen1. Das Recht, eine Tonne CO2 zu produzieren, kostet derzeit etwa 30 Euro. Gemäß Brennstoffemissionshandelsgesetz soll dieser Preis im Jahr 2023 auf 35 Euro steigen, im Jahr 2024 dann auf 45 Euro und im Jahr 2025 auf 55 Euro. Ein überdurchschnittlich hoher CO2-Ausstoß belastet also die Erträge immer stärker, wenn es dem Unternehmen nicht gelingt, den Verbrauch durch entsprechende Investitionen heute zu senken.

Wettbewerbsnachteile für Umweltsünder

Beispiel Taxonomie-Verordnung der Europäischen Union2: Dieses neue Gesetzespaket sollte Unternehmen ebenfalls zu denken geben. Wer die darin festgeschriebenen Nachhaltigkeitsziele nicht befolgt, muss inzwischen öffentlich auf die besonderen Risiken dieser Entscheidungen hinweisen. Mit Einführung der Taxonomie sind auch erstmals verbindliche Kriterien für Nachhaltigkeit entstanden, die Unternehmen erfüllen müssen, wenn sie weiterhin damit werben wollen. So will die EU die Transparenz am Markt erhöhen; Investoren und Verbraucher sollen direkt sehen können, wie verantwortungsvoll Unternehmen wirtschaften. 

Umgekehrt heißt das: Umweltsünder und Unternehmen mit niedrigen ethischen und sozialen Standards geraten in die Defensive. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie in Zukunft in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, bis sie schließlich doch noch auf eine nachhaltige Strategie umschwenken oder von der Bildfläche verschwinden. Nicht jeder kann schließlich zum Last Iceman einer untergehenden Industrie werden, zum letzten verbliebenen Lieferanten einer Ware, die bald keinen mehr interessiert.

Die Hoffnung hinter Gesetzeswerken wie der EU-Taxonomie besteht darin, dass Investitionen und Konsumausgaben künftig vornehmlich bei den Unternehmen landen, die zukunftsorientiert handeln und ernst machen mit Umweltschutz, sozialer Verantwortung und guter Unternehmensführung. Politische Eingriffe wie die EU-Taxonomie oder die CO2-Bepreisung sind nicht das Ende der Regulierung, sondern der Anfang. So wird ESG zum zentralen Baustein einer Risiko-Strategie — und zu einem der wichtigsten Entscheidungskriterien für Anleger.
 

Quellen:
1 https://www.gesetze-im-internet.de/behg/BJNR272800019.html
2 https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=uriserv:OJ.L_.2020.198.01.0013.01.DEU

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