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Es war wie ein Zaubertrick – atemberaubend und dem äußeren Anschein nach doch spielend einfach: Während die westliche Welt gebannt auf den US-Wahlkampftrubel und das Ringen um den EU-Haushalt schaute, haben Mitte November 15 asiatische Volkswirtschaften fast unbemerkt die größte Freihandelszone der Welt geschaffen. 

Solche Abkommen sind entscheidend dafür, wo in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die wirtschaftlichen Machtzentren liegen werden. Europa und die USA feilen seit Jahren an verschiedenen Handelsabkommen, doch der Erfolg lässt oft lange auf sich warten. So verzeichnet Asien mit der neuen Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP) einen enormen Erfolg im globalen Wettbewerb. 

Die RCEP-Mitglieder, also China, Japan, Südkorea, Australien, Neuseeland und die zehn Asean-Staaten, feilten acht Jahre an ihrem Abkommen. Darin sind nun rund 30 Prozent der Weltbevölkerung und ein fast ebenso großer Anteil der weltweiten Wirtschaftsleistung vertreten. Der Pakt wird die Welt in verschiedener Hinsicht verändern.

Geopolitische Bedeutung

Eine Ratifizierung von RCEP wäre ein Beweis dafür, dass die Region auch ohne den Einfluss der USA multilateral kooperieren kann. Unter Präsident Donald Trump haben sich die USA 2017 aus der Trans-Pacific Partnership zurückgezogen und einen Handelskonflikt mit China begonnen. 

Mit RCEP sind zudem erstmals auch Länder wie Japan und Südkorea, die bisher eher als westliche Verbündete galten, einem Bündnis mit China beigetreten. Auffällig ist die Tatsache, dass Indien nicht Teil der Vereinbarung ist. Daher liegt der Schwerpunkt des Bündnisses in Nordostasien mit China als zentraler Gestaltungsmacht.

Dieser neue Block hat nicht nur eine enorme wirtschaftliche Schlagkraft. Er wird sich durch eine zunehmende Regionalisierung auch stärker von den westlichen Volkswirtschaften abzukoppeln versuchen.

Damit steigt der Druck auf Europa, da man bereits mit einigen der RCEP-Länder bilaterale Vereinbarungen getroffen hat, mit anderen Ländern aber noch Verhandlungen ausstehen. Mit Ceta oder Mercosur sind Abkommen mit europäischer Beteiligung bereits in einem finalen Stadium, diese konnten aber bislang nicht unter Dach und Fach gebracht werden.

Bedeutung für den Handel

RCEP hat das Potenzial, den ohnehin schon erheblichen Außenhandelsüberschuss der Asien-Pazifik-Region noch zu vergrößern. Trotz Handelskonflikten und dem Trend zur Deglobalisierung erzielen die 15 RCEP-Staaten zusammen weiterhin Überschüsse von hunderten Milliarden Dollar pro Jahr. Auch vor Abschluss des Handelsabkommens haben niedrige Ölpreise und von der Pandemie unterbrochene Lieferketten im Rest der Welt zu einem Anstieg des Außenhandelsüberschusses der RCEP-Region geführt. Solche Überschüsse haben in der Vergangenheit schon für Wachstum und Fortschritt in Asien gesorgt und dürften diese Entwicklung nun verstärken. Gleichzeitig steigt der Handel innerhalb der Region immer weiter. 

Ich glaube, dass RCEP das Exportwachstum und die Produktionskapazitäten in Asien weiter steigern wird. Asiatische Volkswirtschaften haben die Covid-19-Pandemie vergleichsweise erfolgreich gemanagt, sodass die Industrie weiterarbeiten und die Lieferketten intakt bleiben konnten. Europa und die USA hingegen mussten sich stärker denn je auf Importe verlassen. 

Grundsätzlich konnte Asien durch seine starke Industriebasis die Krise besser überstehen als viele andere Volkswirtschaften. Die asiatischen Exportpreise sind im dritten Quartal dadurch um 4,8 Prozent auf Jahresbasis gestiegen. Öl, das wichtigste Importgut für Asien, ist durch die geringere globale Nachfrage während der Pandemie billiger geworden und sorgt dadurch für eine noch günstigere Außenhandelsbilanz für den Kontinent. Unter dem nächsten US-Präsident Joe Biden könnten die von Trump aufgebauten Zölle zudem wieder sinken. 

Bedeutung für den Devisenmarkt

Ein größerer Außenhandelsüberschuss führt der volkswirtschaftlichen Theorie nach zu einer stärker nachgefragten Währung. Angesichts der übermäßigen Stärke des US-Dollars während des vergangenen Jahrzehnts wäre daher eine Normalisierung der asiatischen Devisenkurse zu erwarten, was voraussichtlich keine allzu negativen Effekte für die Region nach sich zöge. Sie wäre darüber hinaus in der Lage, Inflation einzudämmen, die als mögliche Konsequenz der Konjunkturmaßnahmen im Rahmen der Pandemie entstehen könnte. 

Fazit

Die demografische Struktur und das erwartete Wachstum Asiens werden zu einer immer größeren Verlagerung globaler Wirtschaftsaktivitäten in Richtung Osten führen. Diese Verlagerung dürfte sich mittelfristig auch in globalen Wertpapierindizes niederschlagen. Aktive wie passive Anleger sollten das in ihrer mittel- und längerfristigen Portfoliostruktur unbedingt berücksichtigen.

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