Gerade haben sich Anleger und Berater an die Fondsklassifizierung nach Artikel 8 und 9 SFDR gewöhnt, da steht im August 2022 schon die nächste Stufe an: die Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen seitens des Anlegers, die auf Basis der MiFID Delegierten-Verordnung umgesetzt werden muss. Wer nicht schon bald Portfolios wieder komplett umstellen will, sollte also schon heute erkennen, wohin die Reise langfristig geht. Ein Blick auf Wissenschaft und Politik.

Auf die Beratung strömen in puncto ESG-Investieren und ESG-Regulierung Änderungen bzw. Neuerungen in immer höherer Frequenz ein. Die ab August 2022 geltende verbindliche Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen hat mit ihren vergleichsweisen strengen Vorgaben für Diskussionen gesorgt. Wer geglaubt hatte, die Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) gebe mit den Artikel-8- und Artikel-9-Fonds eine klare und einfache Antwort auf die Grundfrage „Was ist nachhaltig?“, sieht sich getäuscht.

Die Beratung soll nachhaltiger werden.  Aber es ist noch nicht einmal klar, was nachhaltig ist oder welche Anlageprodukte vielleicht in ein, zwei oder fünf Jahren noch als nachhaltig gelten werden. Wie können Berater heute also vorgehen? Wie können sie für ihre Kunden Fondsprodukte auswählen, die auch in Zukunft als nachhaltig gelten? Woran erkennen sie, ob Fondsgesellschaften auf dem richtigen, zukunftsfähigen Weg sind, nachhaltige Anlageprodukte zu entwickeln bzw. ihr heutiges Produktprogramm zu transformieren?

Wie Experten und Politiker „ticken“

Wer auf diese Weise in die Zukunft schauen will, muss sich damit beschäftigen, wie von Experten und Politik Zukunft gedacht und geformt wird. Da hilft ein Blick in den 2021 vorgelegten Bericht des Sustainable-Finance-Beirats der Bundesregierung mit seinen 31 Empfehlungen. In diesem lässt sich recht genau ablesen, wohin die Reise geht – und wie Experten und Regierungen auf nationaler und internationaler Ebene „ticken“.

Im Fokus stehen auf absehbare Zeit die ökologischen Dimensionen von Nachhaltigkeit – allen voran die dringlichen Antworten auf den Klimawandel. Im Bericht geht es darum, dass die globale Industrie im großen Stil und in kurzer Zeit in Richtung CO2-Neutralität umgestaltet werden muss, um die dringenden Klimaziele zu erreichen. „Massive Investitionen sind nötig, um Produktionsweisen und Geschäftsmodelle zukunftsfähig zu machen“, schreibt der Beirat im Bericht mit dem Namen „Shifting the Trillions – Ein nachhaltiges Finanzsystem für die Große Transformation“. „Transformation“, ist dabei das Schlüsselwort. So lautet dann auch die Überschrift über dem Leitabschnitt des Berichts „Sustainable Finance als Schlüssel für die Große Transformation“.

Transformation als Schlüssel

Für die Anlagewelt bedeutet das: Es geht nicht (nur) darum, Mittel in vermeintlich „grüne“ Branchen oder einzelne Nischen zu investieren. Wichtig ist der Transformationsprozess in der Breite und Tiefe (Wertschöpfungs- und Lieferketten) der Wirtschaftssysteme. Der Beirat spricht von der „kontinuierlichen Weiterentwicklung des Erfolgsmodells soziale Marktwirtschaft im Sinne eines langfristig orientierten, ökologisch verantwortlichen Handelns“ – der gesamten (Markt)Wirtschaft also.  

Außerdem machen die Experten deutlich: Von großer Bedeutung sind die Begleitung und Einforderung von transparent im Fortschritt dokumentierten Transformationsprozessen durch die Kapitalgeber. Voraussetzung dafür sind aussagekräftige Informationen für alle Marktakteure – nur dann kann die Finanzwirtschaft zum Treiber der Transformation werden.

Woran Berater dauerhaft nachhaltige Fonds erkennen 

Es zeichnet sich also ein recht klares Entwicklungsszenario ab. In diesem lassen sich Eigenschaften festmachen, mit denen Fonds auch künftig als nachhaltig eingestuft werden dürften. Darauf können Berater schon heute achten:

  • Ausschlüsse von Unternehmen und Branchen mit hohem CO2-Ausstoß (Black Lists) reichen nicht aus.  Ebenso wenig wie „Green Lists“ mit vermeintlich nachhaltigen Unternehmen und Branchen als sogenannte Positivlisten. 
  • Ein Fonds sollte sich nicht allein an Nachhaltigkeitskennziffern aus der Vergangenheit (z. B. berichtete CO2-Intensität in zurückliegenden Zeitperioden) orientieren. Zukunftsgerichtete ökologische, soziale und Governance-Kriterien sind ebenso zu berücksichtigen. 
  • Entscheidend ist, dass Fondsmanager in der Lage sind, nach vorn gerichtete Strategien zur Transformation von Unternehmen zu erfassen, einzufordern und zu begleiten. Nur über den Vergleich ihrer strategischen Entwicklungslinien und erkennbaren Fortschritte in der Transformation lassen sich auch die Gewinner von morgen identifizieren. Fondsmanager müssen also schauen: Welche Ziele sind vom Unternehmen definiert? Mit welchen Strategien sollen sie umgesetzt werden? Wie sieht der Maßnahmenplan des Unternehmens aus, wie das diesbezügliche Reporting über die Fortschritte?
  • Der aktive Dialog (= das Engagement) des Fondsmanagements ist künftig entscheidend. Denn der systematische und dokumentierte Dialog und ein zielgeführtes Engagement mit Unternehmen gewinnen zentrale Bedeutung für nachhaltige Investmentprodukte, wenn sie diese Transformation begleiten und aktiv fördern sollen. Für Berater heißt es also zu schauen, welche Fondsgesellschaften sich insgesamt dem Thema zuwenden, aktiv werden und bereitwillig Auskunft geben. 

Beratung: nicht beim Etikett von Produkten stehenbleiben

Es führt kein Weg daran vorbei: Berater müssen sich intensiv mit dem Thema ESG befassen, Kompetenzen aufbauen – und lernen, in Fonds „hineinzuschauen“. Die Unterscheidung nach Artikel 8 und 9 hilft zwar im Moment, wird auf Dauer nicht reichen, zumal die MiFID nicht mehr zwischen diesen Kategorien unterscheiden wird. Mit dem oben umrissenen „Kriteriensatz“ können Berater aber schon heute Fondsgesellschaften und Produkte auswählen, die mit großer Sicherheit auch in Zukunft von Regulatoren als nachhaltig angesehen werden – und die den sich gerade erst formenden Erwartungen von Anlegern an Nachhaltigkeit entsprechen.
 

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Carsten Roemheld

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Kapitalmarktstratege Fidelity International

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