Wir befinden uns aktuell zwar nicht in völlig unbekanntem Terrain für Aktien. Aber der von Wladimir Putin befohlene Einmarsch in die Ukraine könnte das Marktumfeld und die Marktparameter grundlegend verändern.

Die V-förmige Erholung war wohl zu gut, um von Dauer zu sein. In den letzten zwei Jahren haben sich die Ölpreise verdoppelt, was normalerweise eine Konjunkturabkühlung, wenn nicht gar eine Rezession nach sich zieht. Letzte Woche durchbrach der Preis des schwarzen Goldes erstmals seit 2014 die psychologisch wichtige Marke von 100 US-Dollar — woraus sich eine weitere Aufwärtsdynamik entwickeln könnte.

Zugleich ist in vielen anderen Bereichen das Ende einer fünf oder gar zehn Jahre währenden Ära zu beobachten.
Seit etwa zehn Jahren schwanken die Kurzfristzinsen um die Nulllinie und lagen häufig auch darunter. Nun sind sie in positives Terrain zurückgekehrt. Negativ verzinste Anleihen, die es 2014 praktisch kaum gab und die vor etwa einem Jahr ein Volumen von 18 Billionen US-Dollar erreichten, lösen sich gerade größtenteils in Luft auf. Aktuell summieren sie sich weltweit nur noch auf vier Billionen US-Dollar.

Deutliche Bewegungen gab es auch entlang der japanischen Renditekurve, die ein guter Indikator dafür ist, wie fest die Kurz- und Langfristzinsen verankert sind. Zehnjährige japanische Staatsanleihen liefern wieder eine Rendite von 20 Basispunkten wie zuletzt 2016, als die Abenomics genannte Wirtschaftspolitik des damaligen Premier Abe ihren Höhepunkt erreichte. Die Risikoaufschläge spanischer, italienischer und französischer Staatsanleihen haben zwar noch nicht das Krisenniveau von 2012 erreicht, sind aber auf den höchsten Stand seit 2017 gestiegen.

Anleger haben in den letzten Wochen vermehrt Geld aus Unternehmensanleihen abgezogen, denn offenbar warten sie nicht mehr auf eine Erholung chinesischer Hochzinsanleihen. Nach dem Zusammenbruch von Evergrande stehen nun zahllosen Anlegern schwierige Zeiten bevor.

Holprige Landung

Ende 2021 sprachen wir über eine sanfte Landung in diesem Jahr. Nun lautet die Frage wohl eher, ob eine harte Landung vermieden werden kann. Sicher ist, dass wir beim Aufsetzen ordentlich durchgeschüttelt werden.
Die wirtschaftliche Stop-and-Go-Fahrt der letzten zwei Jahre könnte sich fortsetzen. Für Störungen werden jetzt aber vermutlich militärische Manöver und weniger coronabedingte Beschränkungen sorgen.

Für dieses Jahr prognostizierten wir, dass die Unternehmensgewinne je Aktie inflationsbereinigt ein Plateau erreichen würden. Dies zeichnet sich nun bereits ab, denn das Verhältnis ihrer positiven und negativen Korrekturen ist symbolträchtig ins Minus gerutscht.

Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse begannen das neue Jahr auf hohem Niveau. Von ihrer Seite ist daher kaum mit Unterstützung zu rechnen. Aber die rasante Umschichtung in günstigere Aktien zulasten großer Standardwerte und Titeln mit Wachstum um jeden Preis könnte helfen, die Bewertungen auf angemessenen Niveaus zu halten, und einen Zusammenbruch des Marktes verhindern.

Inflationsschutz

Vor den Zentralbanken dürfte eine schwierige Aufgabe liegen. Uns steht, zumindest vorübergehend, ein Hochschnellen der Inflation, wenn nicht gar der Inflationserwartungen bevor. Das 2%-Inflationsziel, das in den letzten 20 Jahren als Obergrenze galt, dürfte nun eher die Untergrenze werden.

Falls jedoch der Anstieg der Energie- und Lebensmittelpreise die Teuerungsrate auf hohem Niveau hält, besteht weniger die Notwendigkeit, die Nachfrage mithilfe höherer Zinsen zu bremsen, da Nicht-Kernprodukte preisunempfindlich sind. Auf kurze Sicht scheint eine gewisse Straffung der Zinszügel im Westen unumgänglich. Aber für China lautet die Frage wohl eher, wann eine Zinslockerung kommen wird und nicht ob.

Unsere übergeordnete Strategie sieht vor, dass wir uns auf angemessen bewertete Wachstumswerte und solche konzentrieren, die auch 2022 stabile Dividenden bieten dürften. Ihre Renditen mögen nicht so beeindruckend ausfallen wie 2021, dennoch können sie einen gewissen Schutz vor Preisauftrieb bieten. Die auf Nachhaltigkeit ausgerichteten und langfristigen Allokationen wurden in jüngster Zeit durch den Anstieg der Ölpreise infrage gestellt. Doch was kurzfristig gut für Erdöl ist, wird langfristig zweifellos den erneuerbaren Energien und verflüssigtem Erdgas zugutekommen. Ein starker Fokus auf den Themen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung bleibt von zentraler Bedeutung, um robustere, langfristig orientierte Portfolios aufzubauen.

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Carsten Roemheld

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Kapitalmarktstratege Fidelity International