Mit immer größerer Härte und Brutalität lässt Russlands Präsident Wladimir Putin sein Militär in die Ukraine vordringen. Der Westen reagiert mit historisch beispiellosen Wirtschaftssanktionen. An den internationalen Kapitalmärkten wachsen die Sorgen. Es drohen unruhige Zeiten. Ein Überblick.

Dieser Lagebericht beginnt mit zwei Vorbemerkungen: 

Erstens:
Der Einmarsch Russlands in der Ukraine ist zuallererst eine humanitäre Katastrophe. Im Kriegsgebiet sterben jeden Tag sinnlos Menschen und es wird Heimat zerstört. Unsere Gedanken sind bei den Opfern. Zugleich erleben wir gerade einen Konflikt, der vom Westen in Form eines Wirtschaftskriegs ausgetragen wird. 

Zweitens: 
Dieser Text beschreibt die Lage am 4 März, dem 8. Tag des Angriffs der Russen auf die Ukraine. Das ist wichtig, da die Situation sich gerade stündlich fundamental verändern kann. Alle Einschätzungen in den folgenden Abschnitten stehen also unter dem Vorbehalt der überaus dynamischen und zudem schwer vorhersehbaren weiteren Entwicklung. 

Die aktuelle Lage an den Märkten

Die Lage an den internationalen Kapitalmärkten ist äußerst angespannt. Die Unsicherheit über den weiteren Fortgang des Krieges und seine Folgen ist groß. Das führt aktuell zu Reaktionen, die auf kurzer Frist wirken und von taktischen Überlegungen geprägt sind. Für eine strategische Neubewertung der Weltlage scheint es noch zu früh. Insofern ist damit zu rechnen, dass Risikoanlagen kurzfristig weiterhin unter Druck bleiben. Die weitere Entwicklung wird dann stark davon abhängen, welche Eskalationsstufen der Krieg noch nimmt und welche Gegenmaßnahmen dann folgen.

Die Lage in Russland

Der Westen reagiert aktuell nicht militärisch, sondern durch die harten Wirtschaftssanktionen auf den Angriff der Russen. Die unmittelbaren ökonomischen Konsequenzen dieser Sanktionen sind bereits deutlich sichtbar: Der Rubel verfällt, die Moskauer Börse ist seit Tagen geschlossen, das Land wird zunehmend vom internationalen Finanzmarkt abgeschnitten und der breite Abbruch von Handelsbeziehungen verknappt jetzt schon die Versorgung vor Ort mit westlicher Technologie und Waren. Auch die russische Zentralbank hat derzeit keinen Zugriff auf Devisenvermögen in US-Dollar oder Euro. Sie versucht bereits seit längerer Zeit, Bestände vom US-Dollar in Gold oder Yuan-Bestände zu tauschen- dies sind aktuell die einzigen liquiden Mittel, auf die sie zurückgreifen kann. Der weitere ökonomische Verfall im Land wird davon abhängen, wie die weitere Sanktionspolitik im Westen verläuft und inwieweit Gas-, Öl- und Kohlelieferungen weitergehen.  

Welthandel

Mit den Sanktionen werden Handelsströme, die bereits durch die Corona-Pandemie beeinträchtigt waren, jetzt noch deutlicher gestört. Der Luftverkehr und die Landverbindung zwischen Asien und Europa sind bereits massiv behindert. Das Angebot an Rohstoffen, Ressourcen und Waren wird damit kurzfristig deutlich knapper. Mittelfristig braucht der Westen neue Alternativen für etablierte Transportwege. 

Energiemärkte

Die Zukunft beim Handel mit russischen Energie-Rohstoffen ist unsicher. Die ohnehin schon ausgeprägten inflationären Tendenzen, insbesondere auf den Energiemärkten, die am meisten von diesem Krieg betroffen sind, werden damit noch einmal befeuert. In Europa sind die Folgen eines deutlich höheren Gaspreises besonders gravierend. Hier droht ohne politische Gegenmaßnahmen eine Rezession. Der globale Ölmarkt ist ebenfalls in großer Unruhe, die stark gestiegenen Preise könnten sich weiter nach oben entwickeln, wenn kurzfristig von vielen Abnehmern Kompensation für russisches Öl gefunden werden muss. 

Nahrungsmittel

Russland und die Ukraine gehören zu den weltgrößten Exporteuren von Getreide und Düngemitteln. Auch hier dürfte das Angebot auf den Weltmärkten auf absehbare Zeit deutlich geringer sein. Wenn Nahrungsmittel in der Welt knapp werden, stellt das eine weitere große Gefahr nicht nur für die wirtschaftliche Entwicklung dar, sondern hätte ebenfalls humanitäre Folgen. 

Inflation, Zinsen, Währungen

Das Risiko einer Stagflation ist deutlich größer geworden, da sich einerseits inflationäre Tendenzen verstärken und andererseits die Gefahren für ein stärker nachlassendes Wirtschaftswachstum steigen. Eine wesentliche Frage wird sein, wie die europäischen Regierungen und vor allem die Europäische Zentralbank (EZB) weitere Sanktionen flankieren, um die negativen Effekte für die Bürger und Unternehmen aufzufangen. Hier ist grundsätzlich vieles denkbar. 

Zunächst dürfte der Druck auf Maßnahmen der EZB wie Zinserhöhungen nachlassen. Darüber hinaus ist auch damit zu rechnen, dass die Anleihekäufe weiter fortgesetzt werden. Das wäre eine Unterstützung für die Kapitalmärkte. Die USA erscheint in diesem Zusammenhang rein wirtschaftlich etwas weniger getroffen zu werden als Europa und kann daher eher an seinem Zentralbankkurs festhalten und die Zinsen im laufenden Jahr mehrfach erhöhen.

Unklar ist die langfristige Perspektive für den US-Dollar, die derzeit wichtigste Reservewährung der Welt. Durch die Sperrung der russischen Fremdwährungsreserven in US-Dollar dürfe das Vertrauen in den US-Dollar als Leitwährung jedenfalls in Mitleidenschaft gezogen werden.

China als Elefant im Raum

China kommt in der komplexen Weltlage womöglich eine Schlüsselstellung zu. Die genaue Rolle Chinas wird sich erst in der nächsten Zeit deutlicher herauskristallisieren, es ist aber zu erwarten, dass sich der russische Nachbarstaat im Osten zunächst neutral verhält und wirtschaftlich so handelt, dass man sich möglichst nicht der Gefahr eigener Sanktionen aussetzt. Die direkten wirtschaftlichen Konsequenzen für Asien werden nicht so gravierend sein wir für den Westen und insbesondere für Europa. Als weltgrößter Energieimporteur ist China allerdings mit dem Energieexporteur Russland partnerschaftlich verbunden. Zugleich bildet China für Russland tendenziell den wichtigsten alternativen Zugang zu Kapital und Absatzmärkten, wenn der Westen seine Beziehungen dauerhaft aufkündigt. Selbst eine neue in West und Ost geteilte Wirtschaftsordnung erscheint möglich.

Fazit

Derzeit ist damit zu rechnen, dass die Inflationsraten noch längere Zeit hoch bleiben und entsprechende Wirkung entfalten werden. Auch mit Blick auf die Liquidität kann sich die Lage weiter verschlechtern, da durch die Sanktionen und Auswirkungen auf den Bankensektor die Versorgung mit liquiden Mitteln zunehmend schwieriger wird.  Ein klassisches Stagflationsszenario ist wahrscheinlicher geworden. Im Extremfall könnte sich eine Situation ergeben, die stark an die 1970er Jahre erinnert, als es zu einem großen Ölpreisschock kam, der die Märkte mehrere Jahre begleitet hat. 

In einem Stagflationsszenario gibt es kaum Anlageklassen, die profitieren. Auch Staatsanleihen und andere Bonds bieten bei Rezessionsgefahr keinen nennenswerten Schutz vor Verlusten. Gold und Rohstoffe könnten eine gewisse Absicherung darstellen, da ihre Preise vermutlich weiter steigen werden. 

Schließlich sind weiterhin prioritär die gravierenden humanitären Folgen zu berücksichtigen. Diese treffen einerseits die Situation der Menschen im Kriegsgebiet, aber auch Geflüchtete, die in vielen europäischen Ländern Aufnahme finden werden – zunächst aus der Ukraine, womöglich aber in Zukunft auch aus Russland. 

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