Die Krise in der Ukraine spitzt sich zu. Die Volatilität an den Aktienmärkten könnte sich dadurch kurzfristig erhöhen. Einen Grund, die mittel- und langfristige Anlagestrategie zu überdenken, gibt es derzeit aber nicht.

Die Kriegsgefahr in der Ukraine ist in den vergangenen Tagen weiter angestiegen. Nachdem Russland die abtrünnigen Separatistengebiete einseitig als souveräne „Volksrepubliken“ anerkannt und Abkommen zur militärischen Zusammenarbeit vereinbart hat, bewegt sich russisches Militär auf ukrainischen Boden, in der Grenzregion rollen Panzer. Der Westen kündigte bereits Sanktionen an, die in den kommenden Tagen konkreter werden dürften. Die Lage ist überaus dynamisch, die Risiken zu einer weiteren Eskalation des Konflikts wachsen.

Die Börsen reagierten am Morgen des 22. Februar zunächst weitgehend unbeeindruckt auf die aggressive russische Rhetorik und Politik. Die großen Leitindizes verzeichneten weltweit bisher keine allzu starken Verluste, der Ölpreis stieg nur leicht, der Goldpreis blieb fast unverändert. Allerdings mehren sich die Berichte von Brokern, die ihre Kursziele reduzieren. Und an den Anleihemärkten steigen die Risikoaufschläge, während die Handelsvolumina sinken. Das lässt sich als Zeichen für steigende Nervosität deuten. „Im Fall einer weiteren Zuspitzung dürfte die Marktvolatilität weiter steigen“, warnt Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei Fidelity International: „Risikoassets sind dann besonders anfällig für kurzfristige Rückschläge.“

Insbesondere die Energiepreise könnten weiter steigen, weil Russland einer der wichtigsten Öl- und Gasproduzenten und Lieferanten weltweit ist und wirtschaftliche Sanktionen somit die Energiemärkte nicht nur in Russland treffen würden, sondern auch in den Empfängerstaaten des russischen Öls und Gases. Vor allem in Europa besteht eine starke gegenseitige Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen. So hatte Russland im ersten Halbjahr 2021 einen Marktanteil von fast 47 Prozent an den Gasimporten der Europäischen Union1. Umgekehrt ist Europa für den größten russischen Gaskonzern Gazprom2 der mit Abstand wichtigste Exportmarkt: 65 Prozent der Gasexporte gingen im Jahr 2020 in Staaten der EU. Darüber hinaus ist Russland der weltweit größte Exporteur von Düngemitteln, die Ukraine wiederum ein wichtiger Getreidelieferant. Auch hier könnten die Preise also steigen, wenn der Konflikt weiter eskaliert.

Die direkten wirtschaftlichen Auswirklungen über den Energie- und den Agrarsektor hinaus sind dagegen äußerst begrenzt, denn die russische Volkswirtschaft ist nicht sehr eng verwoben. Indirekt würde eine politische Destabilisierung das Wachstum in Europa womöglich trotzdem beeinträchtigen.  

Kapitalmärkte lassen sich allerdings gemeinhin von im Kern politischen Krisen weitaus weniger beeinflussen als von handfesten ökonomischen Problemen. Das zeigt ein Blick in die Historie: Bei den meisten großen Krisen seit dem Zweiten Weltkrieg haben die Märkte nur kurz geschwankt und begrenzt nachgegeben. „Danach kehren die Märkte in der Regel schnell wieder auf den Pfad vor dem Ereignis zurück“, berichtet Roemheld. Auch die Fondsmanager bei Fidelity haben aufgrund der Ukraine-Krise ihre langfristige Strategie bislang nicht verändert, da sie nach aktueller Lage die Auswirkungen ebenfalls als eher kurzfristig betrachten. 

Die bestimmenden mittelfristigen Treiber für die Marktentwicklung bleiben die seit Jahresbeginn dynamische Zinsentwicklung in den USA und die hohe Inflation. „Die Lage war schon vor der Zuspitzung in der Ukraine volatil“, sagt Roemheld. Insofern hat sich die Situation nicht substanziell verändert: „Wichtig aus Anlegersicht ist und bleibt ein diversifiziertes Portfolio.“

1 https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=EU_imports_of_energy_products_-_recent_developments 
2 http://www.gazpromexport.ru/en/statistics/

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