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Wird die Welt durch den Ukrainekrieg schneller CO2-neutral?

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Der Krieg in der Ukraine führt kurzfristig zu höheren CO2-Emissionen: auch weil russisches Öl und Erdgas durch Kohle ersetzt werden. Längerfristig jedoch erhalten alternative Energielösungen dadurch einen Schub – das zeigen die politischen Reaktionen.

Saubere Energie – dringend gesucht

Das politisch „giftige“ Öl und Erdgas aus Russland durch umweltpolitisch „giftige“ Kohle ersetzen: UN-Generalsekretär António Guterres hat jüngst davor gewarnt, dass dies zu höheren Emissionen führen kann. Bereits 2021 hatte die Kohleverstromung ein Rekordniveau erreicht. Dieser Trend ist unwillkommen, denn Fakt ist: Der Kampf gegen den Klimawandel hat nicht an Dringlichkeit verloren. Wir hinken dem Ziel hinterher, bis 2050 eine CO2-Bilanz von netto null zu erreichen. Die zeitweilige Umstellung auf Kohle verschärft das Problem noch.

Längerfristig wird der Krieg in der Ukraine den Ausbau der erneuerbaren Energien jedoch nicht bremsen, sondern eher beschleunigen. Das teure Erdgas wird eher zu einer Hinwendung zur Übergangsenergie Kohle führen: eine Entwicklung, die sich bereits in den vergangenen Jahren abgezeichnet hat.

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Neuer Rückenwind auf dem Weg zur Klimaneutralität

Beispiel 1: die US-Börsenaufsichtsbehörde (SEC)

Diese schlug im März neue Vorschriften zur verpflichtenden Offenlegung von klimarelevanten Daten vor. Das hätte Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse der in den USA börsennotierten Unternehmen. Denn die Emissionsberichterstattung wäre dann ein genauso selbstverständlicher Teil wie Aussagen zur Gewinnentwicklung. Dies würde einen standardisierten Rahmen für die Offenlegung schaffen – und eine einheitliche und hochwertige Berichterstattung zu Emissionen. Anleger könnten auf dieser Grundlage gezielter über Anlagen entscheiden. Und der Markt könnte besser zwischen Nachzüglern und Vorreitern in Sachen Nachhaltigkeit unterscheiden. Das würde den Druck auf die Unternehmen erhöhen, in Sachen Klimaschutz aktiv zu werden.

Beispiel 2: die EU

Sie veröffentlichte vor kurzem ihren REPowerEU-Plan. Dieser soll erneuerbare Energien voranbringen und die Nutzung fossiler Brennstoffe schneller reduzieren. Die EU will sich zudem hin zu einer Kreislaufwirtschaft bewegen. Im März hat sie eine Reihe von Gesetzesänderungen vorgeschlagen. Das Ziel: Produkte sollen länger halten, leichter zu reparieren sein und weniger energieintensive Produktionszyklen erfordern. Die weitreichenden Pläne umfassen die Ausweitung der standardisierten Energieetiketten, die bereits für Waschmaschinen und Kühlschränke vorgeschrieben sind. Künftig sollen sie für eine viel breitere Palette von Produkten gelten. Ein Produktpass wird für mehr Transparenz in der Lieferkette sorgen. Zudem soll ein Zertifizierungssystem eingeführt werden, das Produkte als „nachhaltig“ oder „umweltfreundlich“ kenntlich macht.

Beispiel 3: China

Das Land war im Jahr 2020 für 28 % der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Seine Strategie zur Dekarbonisierung ist daher von entscheidender Bedeutung. Der im Januar verkündete 5-Jahres-Plan (2021–2025) verlangt von den Provinzbehörden, Pläne zur Senkung von Emissionen vorzulegen. Die Zentralbank führt Pilotprojekte für grüne Finanzierungen und die verpflichtende Offenlegung von Umweltrisiken durch. China hat außerdem ein CO2-Handelssystem für den Stromerzeugungssektor eingeführt, der 40 % der nationalen Emissionen verursacht. Die Dekarbonisierungsroadmap des Staatsrats enthält ein umfassendes Regelwerk. Es wird kritisiert, dass China nicht genügend kurzfristige Maßnahmen ergreift. Doch fest steht: Das Land nimmt die Herausforderung ernst; es will ein langfristiges Fundament für eine weitgehende Verringerung der Emissionen schaffen. Mehr zur Nachhaltigkeit in China und Asien

Die Auferstehung totgesagter Technologien

Diese jüngsten politischen Schritte hin zu mehr ökologischer Nachhaltigkeit finden in einer veränderten Kultur statt: in einer Kultur, die sich zunehmend dem Kampf gegen den Klimawandel verschreibt. Wir verfolgen die Klimadebatte seit fast 14 Jahren. Der Unterschied zwischen 2008 und heute ist eklatant. Und er übertrifft die Erwartungen der meisten Menschen bei weitem.

Ob Elektroautos oder umweltfreundlicher Wasserstoff: Im Jahr 2008 schienen solche Technologien ferne Zukunftsmusik zu sein – unerreichbar für Jahrzehnte. Elektroautos galten als teuer und schwer, die Batterien als ineffizient; die Flotten würden die Stromnetze zu sehr belasten und der Aufbau einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur sei nahezu unmöglich. Einige Zeitschriftenartikel stimmten sogar den Abgesang auf die Technologie an. Ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 2006 – Who Killed the Electric Car? – versuchte sich sogar an einem Nachruf auf die Branche. Doch die Pessimisten waren zu voreilig. Im Jahr 2011 folgte eine Fortsetzung: Revenge of the Electric Car. Diese neue Doku folgte Elon Musk bei seinem Versuch, den Tesla Roadster auf den Markt zu bringen. Ein Vorhaben, das zum Durchbruch der Elektrofahrzeuge führen sollte.

Läuft die Entwicklung bei Wasserstoff ähnlich?

Die Wasserstofftechnologie ist schon seit Jahrzehnten vorhanden. Durchgesetzt hat sie sich jedoch nicht – bislang. Noch sind die Kosten für die Herstellung von „grünem“, also emissionsfreiem Wasserstoff hoch. Auch die Infrastruktur für die Speicherung und den Transport muss noch entwickelt werden. Doch nach vielen Fehlstarts sieht es so aus, als würde die Wasserstofftechnologie jetzt Fahrt aufnehmen.

Denn eine wachsende Zahl von Ländern strebt Netto-Null-Emissionen an. Dazu benötigen sie Wasserstoff: um Prozesse CO2-frei zu gestalten, bei denen dies mit der herkömmlichen Elektrifizierung nicht erreichbar ist. Lkw können davon profitieren, dass die Energiedichte von flüssigem Wasserstoff viel höher ist als bei Lithium-Ionen-Batterien. Letztere sind für Nutzfahrzeuge zu sperrig und zu schwer. Schifffahrt, Heizung, Stahl- und Zementherstellung: All diese Bereiche könnten auf Wasserstoff umsteigen.

Natürlich muss mit Elektrolyseuren hergestellter grüner Wasserstoff billiger werden. Doch wurden nicht auch Wind- und Solarenergie durch Subventionen und Steuererleichterungen unterstützt? Damit sie wirtschaftlich wettbewerbsfähig werden konnten? Grüner Wasserstoff könnte von einer ähnlichen Unterstützung profitieren. Weltweit sollen in den nächsten zehn Jahren rund 65 Milliarden US-Dollar in Wasserstoff fließen. 30 Milliarden US-Dollar davon sind staatliche Subventionen.

Dazu passt eine Prognose des Hydrogen Council. Dieser zufolge wird die Herstellung, Speicherung, Verteilung und Nutzung von Wasserstoff deutlich günstiger. In einer Vielzahl von Anwendungen sollten sich die Kosten bis 2030 halbieren. 22 der 35 untersuchten Anwendungen von Wasserstoff könnten dann gegenüber anderen kohlenstoffarmen Alternativen wettbewerbsfähig sein.

Und die Kapazität? Angesichts der geplanten Pipelineprojekte in mehr als 30 Ländern? Die IEA schätzt, dass die weltweite Elektrolyseurkapazität von 0,3 Gigawatt im Jahr 2020 auf fast 17 Gigawatt im Jahr 2026 steigt. Längerfristig summieren sich die bis Oktober 2021 angekündigten Elektrolyseur-Projekte auf über 260 Gigawatt.

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Paris 2015 und der „Greta-Effekt“  

Im April 2016 unterzeichneten 175 Staaten das Pariser Abkommen. Die Vereinbarung hat Mängel – sie ist für die Staaten wenig verbindlich, und die Zusagen zur Emissionsreduzierung sind nicht ehrgeizig genug. Doch es gab auch Fortschritte: Denn das Abkommen …

  • hat eine Obergrenze für die globale Erwärmung festgelegt,
  • verpflichtet die Länder, Klimapläne zu entwickeln und Reportings zu erstellen,
  • bezieht die Entwicklungsländer stärker ein als das Kyoto-Protokoll von 1997.

Mit mittlerweile 195 Unterzeichnerstaaten brachte das Abkommen der Klima-Agenda eine enorme globale Öffentlichkeit. Doch vielleicht noch mehr Einfluss hatte die Aktion eines schwedischen Schulmädchens.

Wenn das Pariser Abkommen ein quantitativer Sprung war, so war der Aktivismus von Greta Thunberg ein qualitativer Meilenstein. Thunbergs unverblümte Art zu sprechen und ihre unerschrockene Herausforderung der politischen Führung wirkten. Ihr einsamer Protest vor dem schwedischen Parlament wuchs zu einer weltweiten Bewegung – Stichwort „Fridays for Future“.

Fazit: Erfolge anerkennen, ohne selbstgefällig zu werden

Die Klimawissenschaft ist heute weltweit anerkannt – das war vor einem Jahrzehnt noch nicht der Fall.

  • Dutzende von Regierungen haben sich Ziele zur Verringerung der Emissionen gesetzt.
  • Mittlerweile stehen hervorragende Technologien zur Verfügung, mit denen sich die Dekarbonisierung zum großen Teil erreichen lässt.
  • Und es gibt brillante Innovatoren, die an der Entwicklung und Skalierung dieser Lösungen arbeiten.

Die Investmentbranche spielt zunehmend ihre Rolle, unterstützt von klimabewussten Anlegern. Vor allem die jüngeren Menschen wissen, was auf dem Spiel steht. Sie üben zunehmend Druck auf politische Entscheidungsträger und Organisationen aus, damit diese handeln. Denn es bleibt noch viel zu tun, und der Übergang muss beschleunigt werden.

Dennoch sind wir überzeugt, dass sich die Welt in die richtige Richtung bewegt. Konkret: Die in den letzten 14 Jahren erzielten Fortschritte beim Klimaschutz sind vielfach unterschätzt worden. Gegenwärtig werden die negativen langfristigen Klimafolgen des Krieges in der Ukraine möglicherweise überschätzt. Denn derzeit zeigt sich eindrucksvoll, wie wertvoll ein stärker auf erneuerbaren Energien basierendes System sein kann. Und genau das könnte dazu beitragen, dass die Welt auch künftig die Erwartungen beim Klimaschutz übertrifft.

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Stand, soweit nicht anders angegeben: Mai 2021. MK14083