Es ist sicherlich noch zu früh, die aktuelle Krise mit der großen Finanzkrise zu vergleichen. Aber einen Punkt haben beide gemeinsam: die Ansteckungsgefahr. Vor etwas mehr als zehn Jahren ging es um die Ansteckung, die von wertlosen Schuldpapieren ausging und den Finanzsektor an den Rand des Abgrunds brachte. Heute sind es die Viren des Erregers COVID-19, die Angst verbreiten und den Alltag in vielen Teilen der Welt stark zu beeinflussen drohen.

Großveranstaltungen wie der Autosalon in Genf und die Internationale Touristikmesse ITB werden abgesagt. Geschäftsreisen werden weitgehend eingestellt und Urlauber überlegen sich genau, ob sie ihre geplante Reise antreten sollen. Das alles wird starke Auswirkungen auf die Gewinnentwicklung der Unternehmen und die weltweite Konjunktur haben. Aktuell ist zudem zu erwarten, dass sich dieser Effekt auch über das erste Quartal 2020 hinaus auswirken wird.

Märkte reagieren spät, aber deutlich auf Epidemie

Die globalen Kapitalmärkte sind zu Beginn des Jahres mit einem Risikofaktor überrascht worden, den niemand auf der Agenda hatte. Dabei hatte sich zum Jahreswechsel gerade eine gewisse Erholungstendenz für die Weltwirtschaft abgezeichnet. Die ersten offiziellen Daten, die uns nach dem Ausbruch des Erregers aus China erreichen, zeichnen ein dramatisches Bild der Lage: Der Einkaufsmanagerindex des produzierenden Gewerbes in China fiel auf 35,7 und somit den niedrigsten je gemessenen Stand. Die Service-Komponente fiel mit 29,6 noch drastischer und zeigt, dass der Dienstleistungssektor praktisch zum Erliegen gekommen ist.

Die Kapitalmärkte haben überraschend spät, aber dafür umso schärfer auf die Gefahr einer globalen Ausbreitung des Virus reagiert. Der jüngste Kursverfall war einer der gravierendsten, der je in einer Woche an den globalen Märkten beobachtet werden konnte. Die Volatilität stieg in kürzester Zeit signifikant an. Vieles spricht dafür, dass wir uns bereits auf dem Weg in eine Rezession befinden.

Zentralbanken stützen, aber Mittel sind begrenzt

Jetzt werden die Rufe nach weiteren geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen sehr laut. In China und anderen Ländern wurden bereits Zinssenkungen und weitere Stützungsmaßnahmen für die Liquidität der Finanzmärkte eingeleitet. In Hongkong wurde gerade das erste Helikoptergeld an die Bürger ausbezahlt. Weitere Aktivitäten werden folgen. Auch die Fed und die EZB werden nicht umhinkommen, die Märkte weiter zu unterstützen.

Aber genau hier stellen sich die entscheidenden Fragen für die kurz- und mittelfristige Zukunft der Finanzmärkte: Lassen sich die Zentralbanken und Regierungen darauf ein, die letzten Pfeile aus dem Köcher zu verwenden, um die vermeintlich vorübergehende wirtschaftliche Schwächephase zu überwinden? Reichen diese aus, um die aktuelle Situation zu überstehen? Oder überlässt man die Märkte sich selbst in der sehnlichen Hoffnung, die schlimmste Marktphase möge bereits hinter uns liegen?

Die Antworten geben jedem einzelnen Investor Aufschluss darüber, wie er sich jetzt positionieren sollte. In ihnen wird aber auch der große Entscheidungsdruck deutlich, dem sich die verschiedenen Akteure auf dem Spielfeld momentan ausgesetzt sehen. Geht man jetzt aufs Ganze, bleiben möglicherweise keine Reserven mehr für die nächste Krise. Und Garantien, dass die Maßnahmen die entsprechende Wirkung zeigen, gibt es natürlich nicht.

Jetzt besser einsteigen oder aussteigen?

Genau dieser Konflikt wird das Marktgeschehen in den kommenden Wochen und Monaten bestimmen, da Bewertungsfragen in diesen Phasen so gut wie keine Rolle spielen. Das sogenannte Sentiment, also die Marktstimmung, wird sich weiterhin zwischen Hoffen und Bangen bewegen, bis es zunehmend Gewissheit darüber gibt, welches Szenario sich durchsetzen wird. Es ist daher davon auszugehen, dass uns stärkere Schwankungen erst einmal erhalten bleiben.

Wer sich in diesen Tagen zurecht die Frage stellt, ob wir uns näher an einem Einstiegs- oder Ausstiegszeitpunkt befinden, der muss sich vor allem bewusst darüber sein, welchen Anlagehorizont er vor Augen hat. Denn der große Verkaufsdruck der letzten Tage kam primär von technischen Verkaufsprogrammen. Die professionellen Anleger haben sich überwiegend zurückgehalten und nicht in deutlichem Maße von ihren Wertpapieren - insbesondere Aktien - getrennt. Für sich genommen ist das durchaus positiv, bedeutet andererseits aber auch weiteren Verkaufsdruck, wenn sich dieses Verhalten ändern sollte.

Wir sind also sehr wahrscheinlich noch nicht im finalen Ausverkauf an den Märkten angelangt. Wer längerfristig denkt, sollte sich hingegen langsam wieder für die ersten Käufe bereithalten. Sobald negative Schlagzeilen nicht mehr zu weiterem Verkaufsdruck führen, kann sich sukzessive wieder Potenzial für eine deutliche Erholung aufbauen. Insbesondere dann, wenn nicht alle negativen Erwartungen erfüllt werden.
 

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