Zum ersten Mal seit rund elf Jahren steigen die Zinsen wieder massiv. Was die Zeitenwende am Zinsmarkt für Anleger bedeutet. Und wie sie sich auf das neue Marktumfeld einstellen.

Für die einen war es die Rückkehr zur Normalität, für die anderen ein völlig neues Phänomen: In schnellen Schritten kehrte während der vergangenen Monate der Zins auf die Bankkonten der Verbraucher zurück. Nachdem zunächst die US-amerikanische Notenbank Fed den Preis des Geldes deutlich anhob, legte Ende Juli dann auch die Europäische Zentralbank (EZB) nach – und verlangt von Banken, die sich bei ihr Geld leihen, zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder Zinsen. Im Fokus steht dabei die Hauptrefinanzierungsfazilität. Dieses Wortungetüm, auch als Leitzins bekannt, lag in Europa seit März 2016 bei Null – und wurde inzwischen bereits mehrfach erhöht.

Die Hauptfinanzierungsfazilität entscheidet darüber, zu welchem Jahres-Zinssatz Banken sich mindestens eine Woche lang Geld von der Zentralbank leihen können. Die Federal Reserve (Fed) in den USA hat diesen Zins zuletzt im September bereits zum dritten Mal in Folge stark um 0,75 Prozentpunkte erhöht - auf eine Spanne von inzwischen 3,0 bis 3,25 Prozent. Es war einer der größten Zinssprünge in der Geschichte der Fed. Auch die Europäische Zentralbank hat ihre Zinsen Anfang September um 0,75 Prozentpunkte angehoben, andere Zentralbanken haben die Zinsen ebenfalls deutlich erhöht. Aber warum eigentlich? Und vor allem: Was genau bedeutet das für Anleger?

Das Ende des billigen Geldes

Historisch betrachtet sind Zinsen in einer gewissen Höhe kein ungewöhnlicher, sondern im Gegenteil eher der Normalzustand. Mehr noch: Sie spielen eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, die Kreditwirtschaft am Leben zu halten. Denn Zinsen, die die Banken an die EZB zahlen müssen, geben sie in der Regel an Kreditnehmer weiter – und setzen noch einen Aufschlag darauf. Die Zeit des billigen Geldes und extrem günstiger Kredite ist damit vorbei. Auf der anderen Seite lohnt es sich für Banken wieder mehr, ihrerseits Geld zu verleihen, da sie dafür nun auch wieder höhere Zinsen bekommen – von Privatleuten genauso wie von Unternehmen oder Staaten.

Der Grund für die jüngsten Zinsanstiege ist vor allem der Kampf gegen die rasant steigende Inflation. Für Anleger bedeutet das: Einige Anlageklassen, die zuvor aus dem Fokus gerückt waren, könnten schon bald wieder attraktiver werden. Dazu gehören insbesondere Anleihen – also Schuldtitel, für die Anleger nun auch wieder Zinsen erwarten können. Die Renditen in den USA und im Euroraum haben bereits deutlich angezogen. Das wiederum hat Anleihebesitzern massiver Verlust bescherte, denn wenn die Zinsen steigen, brechen die Kurse schwächer verzinster Schuldtitel aus der Vergangenheit ein. Vor allem langlaufende Anleihen reagieren auf einen Zinsumschwung mit starken Kursrückgängen. In den USA hatte sich die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen bereits während des Frühjahrs 2022 verdoppelt, es war der kursmäßig schwächste Jahresstart der US-Titel seit über 200 Jahren. In Deutschland drehte die Rendite derselben Titel im Frühling ins Plus: Zeitweise hatte man für 10-jährige Bundesanleihen sogar bezahlen müssen, satt Zinsen zu bekommen, der Referenzzins für den gesamten Euroraum war damit negativ.

Für Anleihebesitzer bleibt die Lage schwierig

Als Vorbote der Zinswende hatte die Rendite der Bundesanleihen schon Ende des ersten Halbjahrs zeitweise fast zwei Prozent erreicht – es folgte Ende September ein 11-Jahres-Höchststand von 2,35 Prozent. Ob und wie lang diese Aufwärtstendenz anhält, ist unsicher. Für Anleger, die aktuell in älteren Titeln feststecken, bleibt die Situation damit besonders schwierig. Für alle, die sich während der jahrelangen Nullzins-Politik aus der Anlageklasse verabschiedet haben, sind nach der Zinswende und den starken Schwankungen aber wieder veritable positive Renditen möglich.

Steigende Anleiherenditen sind nach einer Faustregel schlecht für Aktien – schließlich werden Anleger nicht plötzlich vermögender, sondern schichten Investitionen um, wen sich Anleihen wieder eher rentieren. Entscheidend für die Aktienmärkte ist derzeit aber nicht unbedingt die Zinsentwicklung. Denn selbst wenn die Zinsen steigen, wird die Inflation nicht von heute auf morgen ausgebremst. Damit ist es für Anleger auch weiterhin lohnenswert, Geld in Aktien zu investieren, um den Geldwert nicht nur zu erhalten, sondern zu vermehren. Grundsätzlich kann sich eine gewisse Inflation sogar positiv auf die Gewinne der Unternehmen auswirken. Einen deutlich negativen Effekt hätte dagegen eine stagnierende oder schrumpfende Wirtschaft, also eine Rezession.

Die Angst davor wächst nun von Mont zu Monat. Nicht nur in Deutschland, auch im Land mit der größten Wirtschaftsmacht der Welt, den USA, blickt man mit wachsender Sorge auf die kommenden Monate. Sowohl Europa als auch die USA könnten in eine Rezession rutschen – und dadurch auch die wirtschaftliche Entwicklung in anderen Ländern beeinflussen. Wichtige Konjunkturindikatoren rutschen aktuell weltweit in den Keller.

Die Rückkehr der Sparfüchse

Wer aus Angst vor Verlusten sein Geld am liebsten komplett vom Markt nehmen und auf dem Konto parken würde, ist allerdings auch schlecht beraten. Denn das Vermögen verliert auf dem Konto weiterhin an Wert. Entscheidend ist hier der Realzins, der sich aus Nominalzins abzüglich Inflationsrate ergebt. Und der dürfte noch länger im Negativen verharren. Geld auf dem Konto hamstern schadet also mehr als es nützt.

Sinnvoller, als nun hektisch sein gesamtes Depot umzuwerfen oder Titel zu verkaufen, ist es, sich in Geduld zu üben. Auch wenn sich die Märkte kurzfristig nicht erholen oder sogar noch ein Stück weiter einbrechen, lohnt es sich doch in der Regel auf lange Sicht, investiert zu bleiben. Die Titelauswahl sowie die richtige Mischung sind und bleiben Schlüsselfaktoren. 

Fazit:

In Zeiten steigender Zinsen und schrumpfender Wirtschaft weichen Wachstumswerte in die zweite Reihe und machen Platz für Unternehmen mit stabilen Erträgen, die auch in schwächeren Konjunkturphasen solide dastehen. Dazu geraten in den kommenden Monaten sicherlich wieder verstärkt aussichtsreiche Anleihen in den Blick: Hochzinsanleihen, Unternehmensanleihen, Schwellenländer-Titel und auch verbriefte Schuldtitel von Staaten. Gemischt mit ein paar weiteren Sachwerten wie Immobilien übersteht man damit auch eine Phase mit erhöhter Inflation und steigenden Zinsen. Schließlich haben schwankungsreiche Märkte auch ein Gutes: Zwischendurch entstehen günstige Gelegenheiten zum Einstieg in vormals teure Werte.

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