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Interview mit Dominic Rossi, Global Chief Investment Officer, zur Wahl in Großbritannien

Tom Stevenson, Investment Director bei Fidelity, im Gespräch mit Dominic Rossi, Global Chief Investment Officer.

Tom Stevenson: Nach einem weiteren politischen Erdbeben beruhigt sich die Lage langsam wieder. Bei mir ist Dominic Rossi, Global Chief Investment Officer von Fidelity, mit dem ich über Theresa Mays missglücktes politisches Manöver sprechen möchte.

Sprechen wir zunächst über die Reaktion des Marktes. Hattest du das so erwartet?

Dominik Rossi: Ja, denn aus meiner Sicht hatten sich die Märkte ganz klar für eine Mehrheit der Tories positioniert. Die Reaktion der Marktteilnehmer auf die nun bevorstehende Hängepartie im Parlament war daher ziemlich vorhersehbar. Das Pfund hat nachgegeben – zumal gegenüber dem Euro – und erstmals in diesem Jahr die Marke von 1,14 durchbrochen. Auch die anderen Märkte reagierten weitgehend wie in einem solchen Fall zu erwarten. Am Aktienmarkt hat der FTSE 250 den Rückzug angetreten, während der mit internationalen Firmen gespickte FTSE 100 kräftig anzieht.

Interessant ist derweil die deutlich steilere Kurve am Gilt-Markt wegen der Flucht in Qualität am kurzen Ende. Am langen Ende dagegen steigen die Renditen, vermutlich in Erwartung einer früher oder später verstärkten Emissionstätigkeit bei britischen Staatsanleihen.

Tom Stevenson: Der FTSE 250 ist der binnenlastigste britische Index, während im FTSE 100 internationale Firmen den Ton angeben. Das ist ein wesentlicher Unterschied, oder?

Dominik Rossi: Ja, ein sehr wesentlicher. Das konnten wir letztes Jahr nach dem Brexit-Votum beobachten. Damals ließ der FTSE 100 den FTSE 250 deutlich hinter sich – auch dabei spielte der Wechselkurs eine zentrale Rolle. Heute gab es eine Miniversion davon.

Tom Stevenson: Zurück zur Wahl: Was sind nach deiner Ansicht die zentralen Folgen des aktuellen Wählervotums?

Dominik Rossi: Nun, zunächst einmal gehe ich davon aus, dass Theresa May weitermachen und die Regierungskoalition führen wird – allein schon deshalb, weil sonst niemand den Job will. Und was die Labour-Partei anbelangt, zu der wir später noch kommen, so dürfte sie ganz zufrieden mit ihrer Rolle als starke Opposition in den kommenden Jahren sein. Derzeit sehe ich niemand bei den Tories, der eine Abstimmung über das Amt des Parteichefs erzwingen würde. Denn schon nächste Woche beginnen die Brexit-Verhandlungen.

Tom Stevenson: Und nun richten sich wohl alle Augen auf den Brexit. Ist das die wichtigste Folge der Wahl oder gibt es auch noch innenpolitische?

Dominik Rossi: Nun, aus meiner Sicht gibt es mindestens ebenso wichtige innenpolitische Folgen, weshalb das Wahlergebnis genau so und nicht wie von uns erwartet ausgefallen ist. Aus Sicht der Tories war es eine Wahl über den Brexit – so hat es zumindest Theresa May den Wählern verkauft. Jeremy Corbyn hat dagegen gezeigt, dass es nebenbei auch um die Sparpolitik der Regierung ging. Deshalb ist der Wahlausgang meines Erachtens ein Fanal für das Ende der Austeritätspolitik.

In gewisser Weise hatten die Tories darunter bereits einen Haken gemacht, indem sie das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts auf das Jahr 2025 verschoben hatten. Nach außen hin gaben sie sich jedoch den Anstrich, als würden sie weiterhin an ihrer Haushaltsdisziplin festhalten. In Anbetracht der seit heute Morgen veränderten politischen Landschaft und des erfolgreichen Wahlkampfs von Corbyn rund um die Steuer- und Ausgabenpolitik scheint mir die Sparpolitik endgültig Geschichte.

Tom Stevenson: Glaubst du, dass die Konservativen die veränderte Stimmung im Land mit Blick auf ihren Sparkurs falsch eingeschätzt haben?

Dominik Rossi: Ja, gar keine Frage. Bei der nächsten Parlamentswahl, die aus meiner Sicht irgendwann 2018 vor dem entscheidenden Brexit-Tag kommen wird, werden sich die Tories wohl bewegen und von ihren Fiskalplänen abrücken müssen.

Tom Stevenson: Wie würdest du als Anleger in der aktuellen Situation mit deutlich mehr Unsicherheit dein Portfolio aufstellen?

Dominik Rossi: Aus meiner Sicht entwickelt sich hier gerade ein Thema, und zwar schon seit etwa 12-18 Monaten. Und das ist ein klarer Mangel an Führung im Vereinigten Königreich.

Wir sind ein Land ohne Regierung, und letztlich auch ohne ein Wirtschaftsmodell. Ein Land mit einer sich abschwächenden Wirtschaft und einem Leistungsbilanzdefizit von nach wie vor 5% des BIP. Hätte es nicht den Namen Vereinigtes Königreich, sondern einen anderen, würde man nicht viel auf die Währung geben.

Als Anleger haben wir uns in den letzten 25-30 Jahren daran gewöhnt, dass das Pfund eine relativ starke Währung, ein Wertspeicher ist. Aus meiner Sicht stehen wir am Beginn einer Phase in der Finanzgeschichte Großbritanniens, in der das Pfund Sterling nicht länger eine starke Währung bzw. ein Wertspeicher ist. Meinen Kunden und Anlegern rate ich daher, ihre Anlagen noch breiter zu streuen weg von auf Pfund lautenden Vermögenswerten. Innerhalb des britischen Aktienmarktes würde das natürlich für den FTSE 100 sprechen. Aber um ihr Vermögen zu schützen oder gar zu mehren, müssen Anleger auf jeden Fall über die Grenzen Großbritanniens hinaus denken.

Tom Stevenson: Dominic, vielen Dank für das Gespräch.

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