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Die USA verschicken Haushaltsschecks in Milliardenhöhe an die Bevölkerung, kurbeln die Konsumlust an, zugunsten der coronageschädigten Wirtschaft. Das Programm wirkt: Der Gebrauchtwagenmarkt ist leergefegt. An den Börsen tummeln sich mehr Privatanleger denn je. Und Ökonomen rechnen inzwischen mit bis zu acht Prozent Wachstum im Land, mitten in der Pandemie. Wäre Helikoptergeld auch ein Weg für Deutschland?

Aus Verbrauchersicht klingt es zu schön, um wahr zu sein: Geschenktes Geld, frisch gedruckt vom Staat - und das Einzige was man tun muss, ist es auszugeben. Was in Deutschland bislang nur als Gedankenspiel taugt, ist in den USA längst Realität. Bereits im April 2020 verschickte die Regierung sogenannte Haushaltsschecks in Höhe von 1200 US-Dollar an jede Familie. Zum Jahreswechsel gab es den nächsten "stimulus check" über 600 US-Dollar. Und Joe Biden will mit Geldgeschenken weiter machen: Sein neues Hilfspaket sieht vor, jedem Bürger mit einem Einkommen von unter 115.000 Dollar einen weiteren Corona-Scheck in Höhe von 1400 Dollar zuzusenden.

Lieber Inflation als Schulden

Der Geldsegen hat Tradition. Zuletzt griff die Regierung in der Finanzkrise 2008 zum Mittel des Helikoptergeldes, wie der Nobelpreisträger Milton Friedman, Erfinder des Monetarismus, das Hilfsmittel auch nannte. Friedman hat damit ein geldpolitisches Mittel erdacht, das in extremen Situationen eingesetzt werden soll, um einen Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern. Als Monetarist wollte Friedman allerdings nicht, dass ein Staat sich hoch verschuldet, um die Wirtschaft anzukurbeln. Stattdessen sollte es sich beim Helikoptergeld um frisches Geld handeln - zu diesem Zwecke frisch gedruckt. Und noch eine Bedingung wäre zu erfüllen, damit die Sache funktionieren kann: Die Menschen dürften das geschenkte Geld nicht horten, sondern müssten es schnell ausgeben. Daher also die Haushaltsschecks mit kurzfristigem Verfallsdatum.

Die Deutschen sparen aus Sorge

Könnte über Deutschland abgeworfenes Geld auch hier die Wirtschaft aus der Krise holen? Ich wäre da skeptisch: Denn die Mentalität der Konsumenten ist in den USA nun mal deutlich stärker auf das schnelle Geldausgeben ausgerichtet - bei uns steigt dagegen in unsicheren Zeiten die Sparquote. Auch wenn sich die Kauflaune zuletzt leicht verbesserte, brachen die privaten Konsumausgaben 2020 nach Angaben des Ifo-Instituts um über sechs Prozent ein, während die Menschen eine "Überschussersparnis" von 100 Milliarden Euro angesammelt haben¹. Derweil sind nach aktuellen Daten der Bundesbank² die Sichteinlagen der privaten Haushalte - also das Geld auf den Bankkonten aller Deutschen - im Januar 2021 auf 1,73 Billionen Euro angewachsen. Innerhalb eines Jahres haben die Menschen ihre Bankguthaben um über zehn Prozent (+ 182 Milliarden Euro) erhöht.

Geld ist also fast im Überfluß vorhanden. Daher ist es sehr fraglich, ob die Menschen mit zusätzlichem Geld in einen Kaufrausch verfallen würden. In einer 2019 veröffentlichen Studie haben sich die Darmstädter Ökonomen Michael Neugart und Uros Djuric dieser Frage gewidmet³. Sie hatten dazu 4.900 Teilnehmer im Alter von 18 bis 70 Jahren zum Thema Helikoptergeld befragt. Ergebnis: Kämen sie in den Genuss von Helikoptergeld, würden die Befragten nur rund 40 Prozent davon ausgeben. Weitere 40 Prozent würden sie sparen und mit den restlichen 20 Prozent Schulden tilgen. Die Daten der Befragung sind inzwischen zwar fünf Jahre alt. Es gibt aber keinen Anlass zu glauben, dass sich die Grundeinstellung maßgeblich verändert hat.

Nach der Pandemie ist mehr denkbar

Der größte Vorteil des Helikoptergelds läge wohl darin, dass es schnell und unbürokratisch bei vielen Menschen ankommt. Dass das Geld dann auch solche Bürger erreichen würde, die es eigentlich gar nicht brauchen, wäre verkraftbar. Um der "Hortung" vorzubeugen und den Effekt auf die Wirtschaft zu maximieren, könnte man analog zu den Gedanken von Milton Friedman über ein Verfallsdatum für diese Maßnahme nachdenken, also einen Zeitpunkt, zu dem das Geld spätestens ausgegeben werden muss. Die Abwägung ist letztlich eine politische. Zugleich hat die Coronakrise uns eines gelehrt: Selbst Dinge, die bislang als nicht umsetzbar galten, könnten auf einmal schneller und unkomplizierter gehen als gedacht. Auch wenn das Helikoptergeld bei uns bislang nicht mehr als ein Gedankenspiel ist, heißt das nicht, dass es zwingend so bleiben muss.

Zum Schluss ein Hörtipp: Ende Januar habe ich mit dem renommierten deutsch-amerikanischem Ökonom Rüdiger Bachmann im Podcast über die Lage in den USA nach der Präsidentschaftswahl gesprochen - und auch über die dort üblichen Haushaltsschecks. Bachmann gab sich überzeugt, dass die Konsumlust auch ohne neue Hilfen anspringt, sobald die Pandemie ihren Schrecken verloren hat. Hier hören Sie auch, warum Ihr nächster Urlaub teuer werden könnte. Zum Podcast

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