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Markt   Inflation

Vieles deutet darauf hin, dass die Inflation in den kommenden Monaten anzieht. Uneinig sind sich Beobachter in der Frage, ob wir uns auch dauerhaft auf höhere Teuerungsraten einstellen müssen. Viele Faktoren sprechen dafür: Die Staaten werden an der ultralockeren Geldpolitik festhalten. In der alternden Gesellschaft werden Arbeitskräfte knapp. Und die Globalisierung schwächelt.

An den wichtigen Handelshäfen dieser Welt herrscht dieser Tage reges Treiben. Die Covid-19-Pandemie hat den Fracht-Reedereien einen außergewöhnlichen Boom beschert. Der Online-Handel, insbesondere die Nachfrage nach Produkten aus China, hat so stark zugenommen, dass der Platz auf Container-Schiffen nicht mehr ausreicht. Die Folge: In den vergangenen Wochen haben sich die Frachtraten auf der wichtigsten Schifffahrtsroute zwischen China und Nordeuropa verdreifacht bis vervierfacht. 

Die Situation an den Häfen deutet im Kleinen an, was gerade auch anderswo auf die Wirtschaft zurollt: Ein rapider Anstieg der Nachfrage nach Konsumgütern, die vom Angebot nur eingeschränkt abzudecken ist. Was daraus resultiert, darüber sind sich Marktexperten einig: Bei Güterknappheit steigen die Preise. Und das treibt auch die Inflation. 

Frachtraten an Containerhäfen taugten in der Vergangenheit oft als Frühindikator für einen Anstieg der Geldentwertung. Aktuell kommen weitere Indizien dazu: So hat sich im gefühlten Dauer-Lockdown des Jahrs 2020 viel Nachfrage in der Bevölkerung aufgestaut. In Kombination mit erhöhten Sparraten in der Bevölkerung während der Pandemie wird, da sind sich Ökonomen sicher, die Nachfrage einen Schub erfahren, sobald es wieder möglich wird, auf Reisen zu gehen, zu Konzerten oder in die Bar. In Kombination mit dem begrenzten Angebot treibt das die Preise für Konsumgüter fast automatisch die Höhe. Vor allem in den USA, mittelfristig aber auch in Europa, wird die Inflation im Lauf des Jahres höchstwahrscheinlich auf ein deutlich höheres Niveau klettern als wir es aus vergangenen Jahren gewohnt sind.

Alterung als langfristiger Treiber 

Die Frage, ob die Inflation kommt, wird unter Experten nun von einer weitaus spannenderen Folgefrage abgelöst: Nämlich, ob der Preisauftrieb auch auf längere Zeit erhalten bleibt. Ein ausschlaggebender Faktor dafür ist die demografische Entwicklung. Warum? Weil in alternden Gesellschaften auch das Lohnniveau steigt. Verabschiedet sich die Babyboomer-Generation nach und nach in die Rente, sinkt der Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Arbeitnehmer werden bald zum ersten Mal seit über 40 Jahren quer durch alle Branchen zu einem raren Gut werden. Daraus resultieren Lohnsteigerungen, die Unternehmen über kurz oder lang auf die Warenpreise umlegen. So kommt eine lehrbuchhafte Lohn-Preis-Spirale in Gang, die sich nach dem Abklingen der negativen Effekte der Pandemie auf den Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren einstellen dürfte.

Die Globalisierung hat einen Knacks bekommen

Ein weiteres Argument für langfristig steigende Preise ist ausgerechtet die Pandemie. Die hat nämlich nicht nur den Konsum zuletzt weltweit stark beschnitten, sondern auch die Nachteile langer Lieferketten offengelegt und Abhängigkeiten durch weltweite Handelsbeziehungen offenbart. Als in China vor einem Jahr die Bänder stillstanden, wurden hierzulande in der Industrie viele Teile knapp. Die Folge: Inzwischen regionalisieren viele Unternehmen ihre Lieferbeziehungen, tendenziell erleben wir einen Hang zur De-Globalisierung. Verstärkt wird diese Entwicklung noch durch den Megatrend Nachhaltigkeit: Um Klimaziele einhalten zu können, müssen Unternehmen Produktions- und Lieferprozesse oft überdenken. Was das mit der Inflation zu tun hat? Nun: Regionale Produktion ist in vielen Fällen schlicht teurer als Massenware aus Fernost. Auch das dürfte sich längerfristig auf die Preise niederschlagen. 

Schließlich haben auch die großen Notenbanken zuletzt deutlich gemacht, dass sie angesichts der Virus-Krise an ihrer ultralockeren Geldpolitik festhalten werden. Dabei nehmen auch sie inzwischen höhere Inflationsraten in Kauf. 

Inflationsabsicherung jetzt 

Kurzum: Die Inflation kommt nicht nur. Sie wird nach meiner Auffassung auch bleiben - jedenfalls in den westlichen Industrienationen. Gepaart mit der Unsicherheit über den Erfolg der Pandemie-Bekämpfung dürften steigende Inflationserwartungen noch so manche Unruhe in die Märkte bringen, gerade wenn sie von Zinssteigerungen am langen Ende begleitet wird. Investoren und Vermögensverwalter tun gut daran, die Inflationsabsicherung mehr und mehr zum Thema zu machen. Die gute Nachricht: Dafür gibt es viele Wege. So können beispielsweise Investments in Rohstoffe, Gold oder inflationsindexierte Anleihen den Preisauftrieb abfedern. Oder auch Aktien. Sie sind ja generell ein unterschätztes Instrument zur Kapitalanlage. Auch zur Inflationssicherung.

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