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Brexit-Chaos und Pandemie, Lockdowns, leere Supermarktregale und dann auch noch die Virus-Mutation: Es wundert nicht, dass die Briten in einer Rezession von historischem Ausmaß stecken. Doch zugleich holte der britische Aktienmarkt zuletzt deutlich auf. Wie kann das sein? Brexit-Chaos und Pandemie liefern erneut die Antwort.

Wer sich derzeit über die Lage in Großbritannien informiert, kommt um den Brexit und das Thema Covid-19 nicht herum. Doch im Schatten der Meldungen um Mutationen und Lockdowns tut sich am Kapitalmarkt etwas vermeintlich Überraschendes: Der britische Aktienmarkt holt gegenüber einigen anderen Börsen deutlich auf. Wie ist das möglich?

Ich sehe zwei Erklärungen für dieses Phänomen: Erstens gehörte der Londoner Standardwerteindex FTSE 100 jahrelang zu den Schlusslichtern unter den wichtigsten Aktienmärkten der Welt und nachdem die politische Unsicherheit rund um den Brexit sich nach und nach auflöst, ist also gehöriges Aufholpotenzial entstanden. Zweitens wird der britische Kapitalmarkt stark von Zyklikern und  Value-Titeln dominiert. Deren fundamentale Stärke kehrt zurück, je deutlicher die Pandemie als beherrschbar erscheint – und dafür tun die Briten mit ihren schnellen Impferfolgen gerade eine ganze Menge. Mit anderen Worten: Britische Aktien könnten in diesem Jahr zu den aussichtsreichsten Investmentzielen in Europa zählen.

Wie groß das Aufholpotenzial sein könnte, lässt ein Blick in die Vergangenheit erahnen: Großbritanniens Aktienmarkt hat ein schwieriges Jahr 2020 hinter sich. Im Zuge des Corona-Crashs sackte der britische Leitindex FTSE 100 im Frühjahr zwischenzeitlich von 7.675 auf unter 5.000 Zähler ab. Der "Footsie" hat sich zwar wieder gefangen. Er verließ sein Tief allerdings weitaus langsamer und weniger dynamisch als etwa der US-amerikanische S&P 500 oder der deutsche Leitindex DAX. Und dann katapultierte die Pandemie das Vereinigte Königreich auch noch in die tiefste Rezession seit über 300 Jahren. Zwischenzeitlich brach die Wirtschaft doppelt so stark ein wie in Deutschland und den USA.

Als wäre das Virus allein nicht genug, belasteten auch noch die Brexit-Verhandlungen die Märkte: Seitdem Großbritannien vor vier Jahren seine Mitgliedschaft in der EU formal beendete, sorgen sich Unternehmen wie Aktionäre um die Zukunft des Landes. Vielen Investoren wurde das Ringen um Kompromisse zu heikel, sie kehrten der Insel den Rücken zu und schickten den FTSE 100 schon vor dem anvisierten Austrittsdatum auf Talfahrt. Daher fällt der britische Leitindex nicht erst seit 2020, sondern schon länger hinter anderen bedeutenden Aktienmärkten zurück.

Multinationale Konzerne und Impferfolge

Britische Aktien sind also gleich doppelt abgestraft - und zweifach günstiger bewertet als vergleichbare Titel in anderen Märkten: Im November 2020 standen die FTSE-100-Unternehen im Schnitt bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 16,3. Dax-Titel wurden durchschnittlich mit dem 21,4-fachen ihres Gewinns gehandelt. Die Bewertung sollte hellhörig machen, denn diese gewaltige Lücke lässt sich rational kaum rechtfertigen. Schließlich werden in London überwiegend multinationale Konzerne gehandelt, die den Großteil ihrer Gewinne im Ausland erwirtschaften. Selbst wenn Großbritannien länger als andere Staaten mit der Pandemie oder dem Binnenmarkt-Aus zu kämpfen hat, dürfte das die Gewinnerwartungen nicht so sehr trüben – solange sich nur die Weltwirtschaft erholt. Was angesichts der Impferfolge und der Konjunkturhilfen durch Staaten und Notenbanken immer wahrscheinlicher wird.

Einstiegschancen nutzen

Das leitet direkt über zum zweiten Grund für eine nachhaltige Aufholjagd der britischen Börse: Der konjunkturelle Aufschwung nach dem Seuchenjahr 2020 dürfte nämlich vor allem Substanztiteln zugutekommen, die mit verlässlichen Geschäftsmodellen solide Cash-Flows und Gewinne erwirtschaften. Die Sektorrotation unter Investoren hat bereits eingesetzt. Und Value-Aktien finden sich reichlich unter den Schwergewichten im britischen Leitindex FTSE 100. Darunter sind beispielsweise solide Dividendenzahler wie das Handelsunternehmen Unilever, der Hersteller von Haushalts­waren und Rei­nigungsprodukten Reckitt Benckiser oder auch der Energiekonzern Royal Dutch Shell. Gerade für Investoren, die Aktien langfristig hal­ten und an regelmäßigen Erträgen interessiert sind, dürften sich dort Chancen bieten. Da viele Aktionäre zwischenzeitlich von einem harten wirtschaftlichen Bruch mit der EU ausgegangen waren, der inzwischen offenbar abgewendet ist, sortiert sich die Lage auf dem britischen Aktienmarkt jetzt neu. Das Fenster zum günstigen Einstieg könnte sich daher bald schließen. Noch ist es weit geöffnet.

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