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Inflation, Coronakrise

In den vergangenen Monaten sind die Verbraucherpreise kaum gestiegen, in manchen Regionen sogar gefallen. Doch wichtige Marktakteure rüsten sich für eine Inflation, die die schwachen Raten der vergangenen Jahre in den Schatten stellt.

Die Inflation ist wie ein lang erwarteter Gast in der Weltwirtschaft. Die Notenbanken sprechen ihr seit Jahren eine Einladung nach der anderen aus, doch sie will einfach nicht kommen. Die Monate der Corona-Krise haben die Situation auf den ersten Blick nur verschärft: In der Eurozone ist die auf das Jahr umgerechnete Inflationsrate im August auf -0,2 Prozent gefallen1, der amerikanische Verbraucherpreisindex (CPI) lag im August bei schwachen +0,4 Prozent2. Und das trotz schwindelerregend großer Liquiditätsspritzen von Zentralbanken und Regierungen.

Klare Vorboten der Inflation

Der Gast scheint sich mittelfristig nun doch anzukündigen – mit weitreichenden Folgen für die Märkte. Die Breakeven-Inflationsrate, ein Maß der US-Inflationserwartungen für die nächsten zehn Jahre, ist seit ihrem Tiefpunkt Mitte März stetig gestiegen, zuletzt auf 1,7 Prozent3.

Die US-Notenbank Fed hat außerdem gerade einen strategischen Kurswechsel angekündigt. Die Inflationssteuerung soll kein Selbstzweck mehr sein. Im Vordergrund steht nun vielmehr die Unterstützung von Löhnen, Beschäftigung und Konjunktur. In der Praxis heißt das, dass sich ihre Geldpolitik fortan an einem „durchschnittlichen“ Inflationsziel von weiterhin zwei Prozent orientiert. Sollte die Teuerungsrate vorübergehend deutlich über dieses Ziel hinausschießen, will die Fed nicht unmittelbar gegensteuern. Damit hat sie durch die Blume gesagt, dass sie eine überdurchschnittliche Inflation in den kommenden Jahren durchaus für möglich hält, sich aber mehr Zeit für eine angemessene Reaktion nehmen wird.

Stellenweise zeigen sich am Markt schon deutlich inflationäre Bewegungen. Die Holzpreise etwa sind durch das knappe Angebot und die steigende Nachfrage nach Wohnraum auf ein Allzeithoch gestiegen. Auch der wachsende Einfluss von Staaten auf die Wirtschaft, die Dollarschwäche, unterbrochene Lieferketten bei massiven Konsumanreizen – viele Begleiterscheinungen der Krise begünstigen eine Inflation. Der Dollar ist zuletzt auf das niedrigste Niveau seit Mai 2018 gefallen.

Anlagestrategien für steigende Zinsen

Wenn die Inflation steigt, die Zinsen sich vorerst aber kaum bewegen, stünde den Realzinsen zunächst ein Absturz ins Negative bevor. Umso größer muss für Anleger die Rendite sein, um inflationsbereinigt das gleiche Ergebnis zu erzielen. Dies wird im Verlauf durch steigende längerfristige Nominalzinsen wieder kompensiert. Entsprechend müssen sich Anleger wiederholt den Gegebenheiten anpassen.

  • Mehr Risiko – aber mit Bedacht: Bei negativen Realzinsen kann mehr Rendite den Wertverlust ausgleichen. Diese erzielt man in der Regel mit mehr Risiko. Doch das Einstiegsniveau bei Risikopapieren ist längst nicht mehr so attraktiv wie im März und April: Der Credit Suisse Risk Appetite Index liegt zum ersten Mal seit Februar dieses Jahres wieder im positiven Bereich. Doch auch wenn die Papiere nicht mehr besonders günstig sind – von Gier und Überschwang kann noch keine Rede sein.
  • Comeback der Value-Aktien: Seit der Finanzkrise 2008 konnten Growth-Aktien glänzen, darunter vor allem Technologiewerte. Der Marktwert des amerikanischen Technologiesektors liegt derzeit mit 9,1 Billionen Dollar erstmals über dem des gesamten europäischen Marktes (einschließlich Großbritannien und der Schweiz), der 8,9 Billionen Dollar wert ist. 2007 war der europäische Markt noch viermal so groß wie die US-Technologiebranche. Im langfristigen Marktdurchschnitt ist es jedoch ungewöhnlich, dass die Aktien von Wachstumsunternehmen besser abschneiden als die etablierten und im Vergleich zu ihren Gewinnaussichten günstigen Value-Titel. Geht man davon aus, dass nun keine massiven Liquiditätsspritzen durch die Zentralbanken mehr folgen und die Konjunktur wieder Aufwind bekommt, könnten die seit über einem Jahrzehnt vernachlässigten Value-Aktien ein Comeback erleben. Denn dann sollten auch die längerfristigen Zinsen wieder steigen.
  • Volatilität vorprogrammiert: Die zahlreichen Veränderungen in der Marktstruktur werden kaum ohne Korrekturen und Schwankungen vonstattengehen. Gerade im Anleihebereich steigen die Risiken derzeit, nicht zuletzt, da diese Papiere schlechter auf eine steigende Inflation reagieren als Aktien. Die Krise trennt zudem die Spreu vom Weizen. Fallen Angels – frisch vom hochwertigen in den spekulativen Bereich herabgestufte Emittenten – sorgen allerdings für eine relativ gute Qualität im High-Yield-Segment. Im Aktienbereich haben uns die Vorgänge an den Optionsmärkten für Technologiewerte auch schon einen Eindruck darüber vermittelt, was uns in den nächsten Monaten bevorstehen könnte.
  • Absicherung gegen Inflation: Ein breit aufgestelltes Portfolio ist immer sinnvoll – heute aber in besonderem Maße. Gold und andere Rohstoffe, Immobilien, inflationsindexierte Anleihen, Finanztitel und Value-Aktien bieten eine Absicherung für den Fall einer steigenden Inflation.

Steigen die Inflationserwartungen nachhaltig, dürften die Zinsen letztendlich nachziehen, auch wenn sich die langfristigen Raten derzeit noch auf niedrigem Niveau bewegen. So steht den Märkten noch ein weiterer lang abwesender Besucher ins Haus.

Steigende Zinsen würden die Märkte ebenso aus dem Lot bringen wie eine steigende Inflation. Die Verschiebung hinsichtlich der Gewinner und Verlierer am Markt wird nicht morgen, sondern eher in den nächsten zwei bis drei Jahren stattfinden. Das Klima des Umbruchs wird also noch eine Weile anhalten.
 

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