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Nachhaltigkeit

Bringt ein Unternehmen mit seinen Produkten und Dienstleistungen die Energiewende voran, ist es umweltfreundlich. Ein Schlachtbetrieb kann dagegen nur ethisch fragwürdig sein. In solchen Schubladen denken viele Anleger, wenn es um Nachhaltigkeit geht. So fließen Investments mit Fokus auf die Kriterien Umwelt, Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung (Environment, Social, Governance, kurz: ESG) oft beinahe selbstverständlich in vermeintlich grüne Sektoren, während andere Branchen kategorisch gemieden werden – wie etwa die Fleischindustrie. Doch mit diesen schnellen Urteilen denken Investoren unter Umständen zu kurz. Untersuchungen von Fidelity International bestätigen immer wieder: Um die Nachhaltigkeit von Unternehmen ganzheitlich zu bewerten, braucht es eine viel detailliertere Analyse.

Die Experten von Fidelity haben bei der Erstellung ihrer Ratings daher stets die gesamte Wertschöpfungskette im Blick – nicht nur das Endprodukt. In ihren Analysen offenbaren sich dabei nicht selten überraschende Diskrepanzen zwischen öffentlicher Wahrnehmung und dem tatsächlichen ökologischen, sozialen und ethischen Fußabdruck eines Unternehmens. Beispiel Tyson Foods und Tesla: Fragt man Investoren, welches Unternehmen in ein ESG-konformes Portfolio gehört, ist die Antwort wohl klar. Unsere Analysten sehen dagegen kritische Aspekte in der Wertschöpfungskette des E-Auto-Pioniers und attestieren dem Fleischproduzenten Tyson Foods einen positiven Einfluss auf die eigene Branche.

ESG-Kriterien im Überblick

Jeder zweite Mensch auf der Welt hat schon mal Fleisch aus Tyson-Foods-Produktion gegessen – in Deutschland etwa als Kunde der Fast-Food-Ketten McDonalds oder KFC. Hierzulande war das Unternehmen jüngst als potentieller Käufer von Deutschlands größter Schlachterei Tönnies im Gespräch1, die immer wieder wegen fraglicher Haltungsbedingungen im Fokus steht. Vielleicht ist das ein Grund, warum ESG-Anleger Investitionen in Aktien von Tyson Foods oftmals gar nicht erst erwägen. Dabei hat sich das Unternehmen mittlerweile zu einem modernen Produzenten entwickelt, der dem Thema Nachhaltigkeit hohe Priorität einräumt – und teils beachtliche Erfolge vorweisen kann.

Zwar gehören Tierzucht und -haltung nicht zum aktiven Geschäft von Tyson Foods. Der Konzern nutzt aber seine starke Position am Markt, um die Haltungsbedingungen im Sinne des Tierwohls zu ver¬bessern. Laut den Analysen von Fidelity gelingt den US-Amerikanern das mit strengen Kontrollen bei zuliefernden Zuchtbetrieben – und mit dem Ausschluss derer, die sich nicht an die gesetzten Standards halten. Zahlreiche Betriebe haben nur deshalb ins Tierwohl investiert, weil mit Tyson Foods andernfalls ein großer Abnehmer weggefallen wäre.

Ein weiterer Punkt, der laut unseren Analysen für Tyson Foods spricht, sind die guten Arbeitsbedingungen der Beschäftigten. Das Unternehmen betreibt einen großen Aufwand, um Unfälle zu verhindern und Krankheitstage zu senken. So setzt Tyson Foods etwa auf VR-basierte Sicherheitsschulungen. Unabhängige Erhebungen der zuständigen US-Behörde zeigen: Allein im Jahr 2019 sank die Zahl der Arbeitsunfälle um mehr als 15 Prozent. Berufsbedingte Erkrankungen fielen 10 Prozent geringer aus.

Die Zahlen dürften erst der Anfang sein. Denn das Unternehmen entwickelt sich im Bereich ESG beständig weiter, was aus Investorensicht ebenfalls positiv zu werten ist. Schließlich ist nachhaltiges Wirtschaften keine Momentaufnahme. Wer umweltfreundlich, sozial und ethisch korrekt investieren will, muss wissen, wohin die Reise geht – und in welchen Bereichen möglicherweise Verbesserungsbedarf besteht.2

Die Zukunftspläne eines Unternehmen sind nicht zuletzt für die Performance relevant. Eine intelligente Nachhaltigkeitsstrategie kommt bei Verbrauchern gut an und wirkt damit positiv auf Umsatz und Gewinn – auch dafür liefert Tyson Foods ein anschauliches Beispiel. Neben der Fleischproduktion hat der Konzern längst einen anderen Trend in seiner Strategie fest verankert: Veggie-Produkte. Zwar macht Fleischersatz noch einen geringen Anteil der Produktion von Tyson Foods aus, doch angesichts der Größe des Marktführers ist die positive Wirkung auf die Umwelt schon jetzt beachtlich.  

Im Vergleich zu tierischen Pendants verbrauchen Ersatzprodukte bei der Produktion nämlich weniger Wasser, beanspruchen eine geringere Fläche und stoßen erheblich weniger CO² aus. Mit dem Wunsch nach einer nachhaltigeren Lebensweise steigt somit auch der Konsum fleischloser Alternativen rasant. Das verspricht steigende Gewinne für jene Unternehmen, die in diesem Bereich zu den Vorreitern gehören. Und davon profitieren wiederum Investoren, die Wertpapiere dieser Konzerne halten.

Tesla: weniger vorbildlich als gedacht

Anders als Tyson Foods eilt Tesla ein guter Ruf voraus. Anteilsscheine des E-Auto-Pioniers sind Bestandteil in vielen ESG-Portfolios – dabei weist Teslas Nachhaltigkeitsstrategie beim genaueren Hinschauen durchaus einige Schwächen auf, wie Analysen zeigen. In unserem Rating schneidet das Unternehmen nicht besser ab als Tyson Foods.

ESG-Ratings von Tesla und Tyson Foods im Vergleich

Quelle: Fidelity International

Zwar hat Tesla zweifellos einen positiven Effekt auf die Autobranche. Fast im Alleingang machte das Unternehmen Elektrofahrzeuge zum kommerziellen Erfolg und spornte damit die Konkurrenz an, eigene umweltfreundliche Produktions¬linien zu entwickeln. Im Laufe der Zeit hat Teslas Engagement in Sachen Nachhaltigkeit aber nachgelassen. Problematisch sind vor allem die Akkus in den Fahrzeugen und die Lieferkette hinter der Produktion.

Die Lithium-Ionen-Batterien in Tesla-Fahrzeugen kommen nicht ohne Rohstoffe wie Kobalt, Nickel und Kupfer aus. Und deren Gewinnung ist das Gegenteil von umweltfreundlich. Beim Abbau der Rohstoffe entstehen hohe CO²-Emissionen. Zudem werden sie meist in Ländern gefördert, die von Korruption und Menschen¬rechtsverletzungen gezeichnet sind. Viele ESG-Investoren meiden daher Investitionen in Aktien von Rohstoff-Konzernen wie Norilsk Nickel. Über Tesla kaufen sie das Unternehmen dann aber doch ein: Norilsk Nickel ist einer der Hauptzulieferer für Teslas Batterieproduktion.4 

Lebenszyklus eines Produkts

Wertschöpfungsketten sind vielschichtig und oft länderübergreifend. Doch wer die Nachhaltigkeit eines Endprodukts bewerten will, muss sie im Blick haben.

Quelle: Fidelity International

Überdies spekuliert Tesla in großem Stil mit Bitcoin, hat erst kürzlich 1,5 Milliarden US-Dollar in die Kryptowährung gesteckt und den Kurs damit in die Höhe getrieben. Das wiederum hat andere Investoren dazu motiviert, ebenfalls einzusteigen. Das Problem aus Umweltsicht: Die Nachhaltigkeitsbilanz des Bitcoins ist miserabel. Wegen seines enorm hohen Energiebedarfs trägt dessen sogenanntes „Mining“ massiv zur Erderwärmung bei. Tesla mag der Umwelt mit seinem Kerngeschäft einen wichtigen Dienst erwiesen haben – mit Nebengeschäften wie diesem schadet er ihr. ESG-Investoren sollten dies berücksichtigen.

Fazit

Wer will, dass sein Geld nur bei Unternehmen landet, die Umwelt, Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung zur Priorität machen, kommt um sorgfältige Recherche nicht herum. Denn erst wenn Investoren die gesamte Wertschöpfungskette eines Produkts in den Blick nehmen, können sie das ESG-Engagement des Produzenten tatsächlich beurteilen – und Mogelpackungen im Depot vermeiden.

1 Quelle: (35) Tönnies-Familie will offenbar ihren Betrieb verkaufen (handelsblatt.com)
2 Quelle: Vegan aber nicht blutleer (private-banking-magazin.de)
3 Quelle: Ressourcenbilanz: Welchen Rohstoffbedarf haben Elektroautos? | BMU
4 Quelle: Russian Arctic Peoples Appeal to Elon Musk for Nornickel Boycott - Bloomberg
5 Quelle: Rekordergebnis: Nebengeschäfte pumpen Tesla-Gewinn auf | tagesschau.de

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