Der US-Anleihemarkt könnte durch mehr nachhaltige Anleihen, veränderte Kreditrisiken und wechselnde Übernahmeziele eine grüne Revolution vorantreiben.

Nach Präsident Bidens Weltklimagipfel fragen wir nach den Chancen, die sich für Anleiheinvestoren durch die US-Pläne für einen klimafreundlichen Umbau der größten Volkswirtschaft der Welt eröffnen.

Die Erklärung von Präsident Biden ließen Anleiheinvestoren aufhorchen. Die Treibhausgasemissionen in den USA sollen, gegenüber dem Stand von 2005, bis 2030 halbiert werden, es sollen Millionen gute Jobs im Bereich der grünen Energie geschaffen werden und die Verkehrssysteme sollen elektrifiziert werden. Neue Chancen winken, und weitreichende Veränderungen am US-Anleihemarkt zeichnen sich ab.

Im Einklang mit dem frisch gesteckten Ziel und ihrem „American Jobs Plan“ (AJP) will die US-Regierung im laufenden Jahrzehnt über 2 Billionen US-Dollar in die Erneuerung und den Ausbau der Infrastruktur investieren. Grob gesagt sollen Aktivitäten gefördert werden, die auf den Abbau von CO2-Emissionen, einen besseren Schutz vor den Auswirkungen des Klimawandels und die Sicherstellung von inklusivem Wachstum und sozialer Gerechtigkeit während des Übergangs zu einer klimafreundlichen und CO2-armen Wirtschaft zielen. Für Halter von US-Anleihen könnten sich daraus die folgenden Veränderungen ergeben.

1. Der Markt für grüne/nachhaltige Anleihen wird erwachsen

Seit der Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens von 2015 ist der Markt für grüne Anleihen rasant gewachsen. Sein Anteil am weltweiten Anleihevolumen in Industrieländern beträgt jedoch immer noch erst etwa 1 Prozent. Die Zahl der Emittenten in den USA ist geringer, als man angesichts der Größe der amerikanischen Wirtschaft vermuten könnte. Doch dies könnte sich nun ändern: Die geplanten Ausgaben in Höhe von 2 Billionen US-Dollar, die unmittelbar zu mehr ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit führen sollen, öffnen einer deutlichen Erhöhung der Einführung grüner US-Staatsanleihen (so genannten „Greasuries“) und nachhaltiger Anleihen jeglicher Art die Tür.

Zu diesem Schub werden auch Unternehmen beitragen, die zusätzliche Geldmittel für die Finanzierung des Baus von Stromversorgungsinfrastruktur oder CO2-freien Verkehrssystemen benötigen. Ein Teil dieser Mittel (wahrscheinlich das Gros) wird an den Anleihemärkten aufgenommen werden, und ein Großteil dürfte in Form grüner, sozialer oder nachhaltiger Papiere auf den Markt kommen.

In Europa wird unterdessen das 800-Milliarden-Euro-Programm „NextGenerationEU“ der Europäischen Union starten, das den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach der Pandemie erleichtern soll. Es könnte zu einem Drittel mit grünen Anleihen finanziert werden. Eine solche Ausweitung des Angebots am Markt hätte zur Folge, dass nachhaltige Finanzinstrumente ihr Nischendasein beenden würden. Das noch bestehende Ungleichgewicht zwischen hoher Anlegernachfrage und begrenztem Angebot an grünen und nachhaltigen Papieren würde sich verringern. Potenziell würden diese Anleihen dadurch auch billiger und liquider werden.

2. Verändertes Kreditrisiko je nach Branche

Durch die Ausgabenpläne der US-Regierung dürfte das Kreditrisiko in Bereichen, die von den staatlichen Programmen profitieren, sinken. Zugleich würde es in Branchen, die bei der Transformation auf der Verliererseite stehen, eher steigen. Für Fonds, die aktiv in Unternehmensanleihen investieren, eröffnen sich dadurch interessante Chancen. Um sich an die aktuellen nachhaltigen Bedingungen und Veränderungen anzupassen, kann es sein, dass Unternehmen verschiedener Branchen Eigenkapital oder Fremdkapital für Investitionen aufnehmen müssen. Diese Prozesse erfordern eine laufende sorgfältige Beobachtung.

3. Übernahmeziele im Wandel

Eine Fusion ist für Besitzer von Unternehmensanleihen nicht immer eine gute Nachricht. Die Kreditqualität des fusionierten Unternehmens hängt von der relativen Kreditwürdigkeit von Übernahmeobjekt und Käufer sowie vom gewählten Finanzierungsmechanismus ab. In der Erdöl-, Erdgas- und Kohleindustrie haben die Unternehmen in der Vergangenheit strategisch unterschiedlich auf die Veränderungen im Energiesektor reagiert, wobei eine Trennung entlang der Grenzen von Ländern und Regionen zu beobachten war. So haben sich die großen Ölkonzerne der USA bemüht, von den stark gefallenen Bewertungen amerikanischer Öl- und Schieferölproduzenten zu profitieren, indem sie Firmen in dem Bereich billig aufkauften. Ein Beispiel ist die Übernahme von Noble durch Chevron. Dagegen haben die führenden europäischen Energieunternehmen, die in einem Umfeld operieren, in dem Politik und Anleger den Klimaschutz viel stärker im Fokus haben, zum vollen Preis Zukäufe in den Bereichen grüne Energie und Infrastruktur getätigt.

Dieses Bild könnte sich jedoch ändern, wenn nun auch amerikanische Energieunternehmen ermuntert werden, in grüne Energie zu investieren. Letztlich wird die Grenze zwischen Stromversorgern und Ölunternehmen verschwimmen, wenn erst sauberer Wasserstoff, produziert mit Strom aus erneuerbaren Quellen, an die Stelle fossiler Energieträger tritt. Durch beide strategischen Ansätze werden sich für Anleger, die in Unternehmensanleihen investieren, interessante Chancen eröffnen, denn meist geht es ja darum, dass Unternehmen mit gutem Bonitätsrating solche mit schlechterem Rating kaufen. Besitzer von Anleihen einer übernommenen Firma kommen in den Genuss von Kursgewinnen, wenn das Kreditrisiko infolge der Fusion sinkt. Um herauszufinden welche Unternehmen eine Übernahmeofferte erhalten werden, die den Kurs positiv beeinflussen und nicht zu Wertverwässerung führen würde, bedarf es jedoch überaus sorgfältiger Analysen.

Wahl des richtigen Moments

Anders als bei Aktien, wo der frühzeitige Einstieg in einen langfristigen Aufwärtstrend den maximalen Ertrag bringen kann, fahren Anleiheinvestoren meist besser, wenn sie etwas Geduld mitbringen. Sie sollten die Phase verstärkter Investitionstätigkeit, in der das zukünftige Wachstum finanziert wird, erst einmal abwarten. In der Regel erreicht die Verschuldung ihren Höhepunkt, wenn ein Unternehmen in neue Geschäftsfelder investiert, die erst später Einnahmen sprudeln lassen. Bedingt durch das erhöhte Volumen von Anleiheemissionen sind dann auch die Renditeaufschläge am größten. Dadurch entstehen interessante Einstiegsmöglichkeiten für Anleger, die der Ansicht sind, dass der Markt die Risiken eines Unternehmens falsch beurteilt.

Wir bevorzugen aus diesem Grund möglicherweise eine Untergewichtung bestimmter Bereiche, in denen eine erhebliche Zunahme des Anleiheemissionsvolumen zu erwarten ist. Damit verbunden ist die Absicht, unser Engagement zu einem späteren Zeitpunkt zu erhöhen, wenn die Emissionstätigkeit den Gipfel erreicht. Andere Bereiche werden von einer Verringerung der Kreditrisiken profitieren, wenn Ausfallrisiken sinken oder die Entwicklung der Nachfrage berechenbarer wird. Im Kontext steigender Ausgaben für den Klimaschutz interessieren uns besonders folgende Bereiche, für die sich die Situation an den Kreditmärkten ändern dürfte.

Stromversorger: Offenkundigste Nutznießer des „American Jobs Plan“ werden die Stromversorger sein. Der ehrgeizige „Clean Energy Standard“ zielt darauf ab, bis 2035 einen Verzicht auf fossile Energieträger in der Stromerzeugung und bis 2050 ein klimaneutrales Amerika zu erreichen. Die Betonung von sauberer („clean“) statt erneuerbarer („renewable“) Energie ermöglicht es, neben Wind- und Sonnenenergie auch Atomenergie im Mix zu berücksichtigen. Nutznießer der Förderung von sauberer Energie dürften die etablierten Anbieter im Bereich der erneuerbaren Energien sowie die Betreiber von Kernkraftwerken sein, wohingegen Stromnetzbetreiber von steuerlichen Anreizen für 20-GW-Hochspannungsleitungen profitieren werden.

Noch gibt es kaum Informationen über die konkrete Umsetzung der Pläne der US-Regierung. Chancen dürften sich aber etwa für Firmen im Mittleren Westen bieten, wo bereits vergleichsweise viel Strom aus erneuerbaren Quellen gewonnen wird. Mögliche Nutznießer sind neben Unternehmen, die Quellen sauberer Energie erschließen, auch Spezialisten für die Netzanbindung. Vor diesem Hintergrund ist auch eine insgesamt stärkere Elektrifizierung zu erwarten, die in Kombination mit dem wachsenden Marktanteil von Elektrofahrzeugen das Anlegerinteresse an den Kupfer- und Aluminiumproduzenten – den Lieferanten der Rohstoffe für Leitungen und Autokomponenten – steigern sollte.

Sauberer Wasserstoff und CO2-Abscheidung: Präsident Bidens Plan zur Förderung von Demonstrationsanlagen für sauberen Wasserstoff an möglichst vielen Standorten mit CO2-Emissionen sollte zum Erhalt von Arbeitsplätzen an den betroffenen Orten beitragen und dürfte im Kongress parteiübergreifend Zustimmung finden. Industriegasunternehmen dürften von einer Ausweitung der Wasserstoffproduktion profitieren, und auch Raffinerien könnten überraschenderweise zu den Gewinnern gehören, falls ihnen die Umstellung auf die Erzeugung von „blauem“ Wasserstoff aus Erdgas mit Hilfe der CO2-Abscheidung und -Speicherung gelingt – sie kämen in den Genuss steuerlicher Abschreibungsmöglichkeiten.

Schutz vor den Folgen des Klimawandels: Biden möchte die Stromnetze, die Nahrungsmittelversorgung und die städtische Infrastruktur einschließlich der Krankenhäuser und Verkehrsmittel besser gegen Klimakatastrophen wappnen. Für die Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden werden 213 Mrd. USD zur Verfügung gestellt. Mit dem Geld sollen rund zwei Millionen bezahlbare, nachhaltige Wohnhäuser „gebaut, instand gehalten und umgerüstet“ werden. Ein gesonderter Betrag wird für den Bau beziehungsweise die Modernisierung staatlicher Schulen, Kinderbetreuungseinrichtungen, Krankenhäuser und öffentlicher Gebäude bereitgestellt. Diese Mittel sollen in erster Linie zur Verbesserung der Energieeffizienz verwendet werden. Zahlreiche unterschiedliche Bereiche könnten davon profitieren, von Stromversorgern über Baumaterialien bis hin zu Maschinenbau und Technologie.

Digitale Inklusion: Ein verbesserter Zugang zu digitalen Angeboten ist ebenfalls Teil der Pläne der US-Regierung. Rund 100 Mrd. USD sind für die Schaffung schneller Internetzugänge für 30 Millionen Haushalte vorgesehen, damit möglichst alle Amerikaner online gehen können. Überdies hat der Kongress kürzlich den „CHIPS America Act“ verabschiedet. Das neue Gesetz schafft Anreize, damit Unternehmen ihre Halbleiterproduktion im Inland ausbauen. Hintergrund ist, dass Chips zurzeit weltweit Mangelware sind.

Beides ist in mehrfacher Hinsicht vorteilhaft für US-Technologieunternehmen, wobei allerdings die Einführung von 5G und schnellerem Internet die Stellung der etablierten Anbieter nicht automatisch stärken wird. Für das Wirtschaftswachstum und den Übergang zu einer klimafreundlichen Wirtschaftsweise spielt Technologie dennoch weiterhin eine Schlüsselrolle. In diesem Zusammenhang könnten sich für Lieferanten von Halbleiterausrüstungen und 5G-Infrastruktur sowie Anbieter von Technologien für grüne Energie (intelligente Zähler, Powerwall) und industrielle Automatisierung (Robotik, Elektrofahrzeuge) interessante Chancen eröffnen.

Fazit

Das Volumen des Markts für grüne/nachhaltige Anleihen dürfte angesichts der veränderten Rolle der USA in der Klimapolitik rasant wachsen, und die aufgeführten staatlichen Maßnahmen werden Gewinner und Verlierer hervorbringen. Um langfristig erfolgreich zu sein, gilt es für Anleiheinvestoren herauszufinden, welche Unternehmen auf der Gewinnerseite stehen werden und wann ein günstiger Zeitpunkt zum Einstieg ist.

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