Seit Jahren ist China der größte Verursacher von Treibhausgasen und zugleich der größte Erzeuger erneuerbarer Energie. Weltweit spornt die Corona-Krise große Volkswirtschaften zu gewaltigen Konjunkturpaketen an. Auf welche Seite des ökologischen Grabens wird sich China schlagen?

Nimmt man die Politik Pekings, die Versprechen der Unternehmen und die Forderungen der Anleger in Sachen Nachhaltigkeit genau unter die Lupe, wird deutlich: Chinas Genesung von der Corona-Pandemie könnte deutlich grüner werden als vor zehn Jahren die Erholung von der globalen Finanzkrise. Wir sind zuversichtlich, dass das Land die Gelegenheit nutzen wird, um weitere Schritte für ein umweltfreundlicheres Wirtschaftswachstum zu ergreifen und dabei soziale und wirtschaftliche Verwerfungen zu beheben.

Aufschwung mit grünen Elementen

Wie in anderen Ländern stehen auch für China die Gesundheit und das Wohlergehen seiner Bürger an erster Stelle. Erst an zweiter folgt die Wiederbelebung der Wirtschaft, auch wenn sich das Virus dieser Tage mit neuerlichen Ausbrüchen in Peking zurückmeldet. Im ersten Quartal ist die Wirtschaft im bevölkerungsreichsten Land der Welt um 6,8 Prozent1 geschrumpft. Die Regierung hat daher umfangreiche Investitionen in die Infrastruktur und andere Projekte angekündigt, um den ins Stottern geratenen Industriemotor wieder ans Laufen zu bringen.

Zugleich wächst der Druck von Unternehmen, Investoren, Verbrauchern, Nichtregierungsorganisationen, Denkfabriken, Wissenschaftlern und Wirtschaftsplanern, bei diesen Maßnahmen auch ökologische Aspekte zu berücksichtigen. Berater empfehlen der Regierung, den Anteil grüner Projekte, wie zum Beispiel nachhaltige Gebäude und Technologien im Bereich erneuerbare Energien, an den staatlich finanzierten Vorhaben zu erhöhen. So könnte man eine Infrastruktur aufbauen, die auf Jahrzehnte hinaus nur geringe Umweltauswirkungen zeigt. Derweil hat der chinesische Staatsrat seine Unterstützung für eine „grüne Seidenstraße“ zugesagt, mit hohen Umweltstandards für Projekte im Zusammenhang mit seiner internationalen „Belt and Road“-Strategie. Auch bei Projekten, die nicht explizit unter das Label „grün“ fallen, könnte die Regierung künftig auf ökologischen Mindeststandards bestehen.

Politik treibt positiven Wandel voran

Unterdessen lässt die Politik hoffen, dass China auf der Weltbühne allmählich eine führende Rolle in Sachen Klimaschutz spielen wird. Die People’s Bank of China etwa hat beschlossen, sogenannte „saubere Kohle“-Projekte, die eine effizientere Nutzung fossiler Brennstoffe ermöglichen, von ihrer Liste der Vorhaben zu streichen, die über grüne Anleihen finanziert werden können. Damit passt sich das Land stärker internationalen Standards an, auch wenn es immer noch keine Grenzwerte für den CO2-Ausstoß für Emittenten festgelegt hat. Dessen ungeachtet haben sich grüne Bonds kräftig vom Ausverkauf im März erholt. Ein Beleg für den neuerlichen Appetit der Anleger auf diese Art von Finanzierung, die seit 2015 immer beliebter wird.

Emission von grünen Anleihen in China seit 2015

Quelle: Climate Bonds Initiative, Fidelity International, Juni 2020.

Ein weiteres Beispiel sind Subventionen für Elektrofahrzeuge, von denen chinesische Autohändler in einigen Städten profitieren. Die Offenlegung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren, kurz ESG-Faktoren, ist ein weiteres wichtiges Teil des Puzzles. Viele hatten erwartet, dass es die Regierung börsennotierten Unternehmen und Anleiheemittenten ab 2020 zur Pflicht machen würde, Nachhaltigkeitsfaktoren offenzulegen. Dann könnten internationale Anleger besser beurteilen, wie umweltfreundlich chinesische Firmen wirklich sind.

Wegen der Corona-Pandemie werden strengere Vorgaben zur Offenlegung jedoch vermutlich vorerst auf Eis gelegt. Dennoch gibt es Grund zur Annahme, dass China seine Verpflichtung zu mehr Transparenz und Durchsetzung strengerer Umweltauflagen künftig noch ernster nehmen wird. Deutlich wird das am chinesischen Umweltministerium, das heute über wesentlich mehr Befugnisse verfügt.

Privatsektor schaltet einen Gang höher

An Chinas Erholung beteiligt sich auch die Wirtschaft mit Innovationen und einem sich entwickelnden Nachhaltigkeits-Bewusstsein, das in Form von grüneren Branchen Früchte tragen könnte. Chinesische Unternehmen sind schon heute in einer Gesellschaft tätig, in der ihr sozialer Wert große Bedeutung hat. Doch nun gibt es immer mehr Großinvestoren wie der Versicherungsriese Ping An, die zu Unterzeichnern der Prinzipien für Verantwortliches Investieren der Vereinten Nationen werden, zu denen Fidelity übrigens auch gehört. Sie bauen etwa eigene Ratingsysteme auf, denn immer mehr Kunden sorgen sich um das Klima, die Lebensmittelsicherheit und die Umwelt.

Technologie-Giganten wie Alibaba und Baidu2 nutzen unterdessen ihr Knowhow im Bereich der künstlichen Intelligenz, um Covid-19-Tests und -Analyseprogramme zu entwickeln. Ihre Technologie stellen sie zudem Forschern zur Verfügung. Viele andere chinesische Unternehmen haben sich als Reaktion auf die Gesundheitskrise in den Dienst der Gesellschaft gestellt. Ein Beispiel für einen umsichtigen Umfang mit Interessengruppen kommt von einem Fahrdienstanbieter. Während der Pandemie richtete er zum Schutz seiner Fahrer Hunderte von Desinfektionsstationen ein. Pro Tag stellt das Unternehmen ihnen zwei kostenlose Masken zur Verfügung und bietet ihnen finanzielle Unterstützung an.

Diese Art der sozialen Verantwortung von Unternehmen wird eine treibende Kraft für Veränderungen sein. Noch ist zwar unklar, wie die Welt nach Corona aussehen wird. Aber ein Zusammenspiel vieler Faktoren – angefangen von der Politik über das Engagement globaler Investoren bis hin zu einem neuen unternehmerischen Streben nach einer positiven Wirkung – legt die Saat für einen grünen Aufschwung in China. Und der könnte weit über seine Grenzen hinaus spürbar sein.

1 Quelle: https://www.washingtonpost.com/world/as-coronavirus-exacts-a-heavy-economic-toll-china-declines-to-set-growth-target/2020/05/22/4826bd6e-9985-11ea-ad79-eef7cd734641_story.html
2 Quelle: https://www.cnbc.com/2020/03/04/coronavirus-china-alibaba-tencent-baidu-boost-health-tech-efforts.html

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