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Nachhaltigkeit, Rendite

Aktien von Unternehmen zu kaufen, die nachhaltig wirtschaften – das reicht vielen professionellen Anlegern nicht mehr aus. Als engagierte Investoren wollen sie wichtige Entscheidungen direkt positiv beeinflussen und damit aktiv einen Beitrag zu mehr Klimaschutz und Nachhaltigkeit leisten. Wie realistisch ist das?

Angefangen hatte alles mit einem Mädchen auf der Straße. Vor eineinhalb Jahren protestierte die damals 16-jährige Schwedin Greta Thunberg in ihrer Heimat für Umwelt- und Klimaschutz – und schwänzte dafür die Schule. Mittlerweile ist aus dem einsamen Protest eine weltweite Bewegung geworden, die auch nicht mehr nur Schüler umfasst. Rund um den Globus gehen Hunderttausende Menschen auf die Straße, weil sie nicht mehr tatenlos zusehen wollen, wie Politik und Gesellschaft die Zukunft verspielen. Ein gutes Jahr nach dem ersten „Fridays-for-Future“-Streik sind die ersten Früchte der globalen Bewegung zu sehen. Regierungen haben den Umweltschutz nach ganz oben auf die politische Agenda gesetzt. Mächtige internationale Organisationen wie die Europäische Zentralbank (EZB) denken darüber nach, ihre Politik künftig nach Klimazielen auszurichten.

Ökologische Rendite

Der grüne Aktivismus ist auch in der Finanzwelt angekommen. Nachhaltige Geldanlagen boomen unter institutionellen Investoren schon seit einigen Jahren und haben mit dem Kürzel ESG für Environmental, Social und Governance ihr eigenes Label bekommen. Im ersten Schritt hieß das oft, Kapital in Unternehmen zu investieren, die besonders umweltfreundlich, sozial und ethisch korrekt wirtschaften. Nun kommt Stufe zwei: Engagagierte Investoren wollen die Welt zu einem besseren Ort machen – als Aktionäre, die ihren Einfluss aktiv einsetzen, beispielsweise im Dialog mit den Unternehmen oder auch über ihre Stimmrechte in der Hauptversammlung.

Positive Wirkung auf Umwelt und Gesellschaft

Nachhaltige Geldanlagen liegen im Trend

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Quelle: Nachhaltige Investmentfonds und Mandate in Deutschland, Österreich und der Schweiz (in Milliarden Euro) https://www.forum-ng.org/images/stories/Publikationen/fng-marktbericht_2019.pdf, S. 42

Das Interesse an Investments mit Engagement wächst unter professionellen Anlegern rasant. Weltweit waren im Jahr 2018 schon mehr als 440 Milliarden US-Dollar mit dem Ziel investiert, eine messbar positive Wirkung auf Umwelt und Gesellschaft zu erzielen, zeigen Zahlen des Global Impact Investing Network (GIIN1). Hierzulande steckten 2018 immerhin rund 13 Milliarden Euro Anlegergelder in wirkungsorientierten Investmentprodukten, schreibt das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG2) in seinem neuesten Jahresbericht. 

Bisher konzentriert sich der Großteil des investierten Kapitals auf direkte Unternehmensbeteiligungen institutioneller Investoren und einiger hochvermögender Privatanleger – die breite Masse der Privatinvestoren ist noch kaum in dem Markt aktiv. Doch seit „Fridays for Future“ den Kampf ums Klima auf die globale Agenda gebracht hat, sind noch mehr Fondsgesellschaften und Vermögensverwalter rund um den Globus dazu übergegangen, ihre Konzepte auch in Publikumsfonds zu übersetzen. 

Geldgeber mit Einfluss

Gründe dafür, dass engagierte Investoren bisher kaum Privatanleger erreichen, gibt es viele: Zum einen sind die Mindestanlagesummen zum Beispiel bei Unternehmensbeteiligungen hoch. Zum anderen verfügen Kleinanleger auch nicht über genügend Mittel, um allein wirklich Veränderungen bei Unternehmen bewirken zu können. Aktive Vermögensverwalter, die Kapital in Fonds bündeln, können jedoch durchaus einen Einfluss ausüben, um Maßnahmen gegen den Klimawandel zu gestalten und Druck auf Unternehmen auszuüben.

Sie investieren dazu in Aktien von Unternehmen, die gesellschaftliche, soziale oder Umweltprobleme angehen und dafür Lösungen suchen. Ebenso aber auch in Unternehmen, die nachweislich noch Defizite in Sachen ESG aufweisen. In diesem Fall können engagierte Investoren sich dafür einsetzen, dass die Unternehmen Mängel schneller beseitigen.

Aktive Investoren finden Gehör

Druck ausüben, kontrollieren, aber Unternehmen auch unterstützen – all das funktioniert nur im engen Dialog und setzt zunächst einmal voraus, dass Fonds überhaupt investiert sind. Dann können Investoren mit Unternehmensentscheidern zusammensitzen, diskutieren, Empfehlungen aussprechen. Auch Aktionärsrechte helfen: Engagierte Investoren stimmen auf Hauptversammlungen regelmäßig im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung ab. Erwägen wichtige Geldgeber sogar einen Abzug der Finanzmittel, wenn die Unternehmenspolitik auf Dauer nicht mit ihren Zielen vereinbar ist, dann erzeugt das in den Chefetagen der Unternehmen noch mehr Veränderungsdruck. Künftig dürfte dieser Druck noch zunehmen, da sich inzwischen breit die Erkenntnis durchsetzt, dass Nachhaltigkeit und langfristiger wirtschaftlicher Erfolg eng verknüpft sind. 

Ein Knackpunkt ist die Frage nach dem langfristigen Erfolg des Engagements. Wer Kapital einem Investor anvertraut, will schließlich von der Durchschlagskraft überzeugt sein. Nur: Wie bestimmt und misst man die Wirkung? In der Branche hat sich dafür noch kein einheitlicher Standard etabliert. In der Praxis setzen die Profis auf einen Mix aus qualitativen und quantitativen Methoden, um den positiven Beitrag ihres Investments für die Welt zu bestimmen. 

Qualitativ orientieren sie sich meist an den Sustainable Development Goals (SDGs), den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen. Im Jahr 2015 hatte sich die Weltgemeinschaft darauf verständigt, in 17 Bereichen des täglichen Lebens Verbesserungen zu erzielen, etwa im Kampf gegen Hunger und Armut oder bei der Schaffung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen. Engagierte Investoren analysieren nun, inwiefern ihre Investitionen zur Erreichung dieser Ziele beitragen.

CO2-Ausstoß quantifizieren

Wenn es um harte Zahlen geht, bietet ausführliches Research eine Lösung: Dazu vergleichen Investoren beispielsweise den CO2-Fußabdruck ihres Portfolios mit dem herkömmlicher Produkte oder auch Aktienindizes wie dem MSCI World. Wer in Fonds investiert, finanziert schließlich auch die Treibhausgas-Emissionen der Unternehmen mit, die im Portfolio enthalten sind – laut einer Untersuchung der Verbraucherzentrale Bremen aus dem Jahr 2014 sind das bis zu 904 Kilogramm pro 1.000 Euro Anlagesumme. Mit nachhaltigen Anlagestrategien lässt sich dieser Wert der Untersuchung zufolge um bis zu 80 Prozent reduzieren. Das entspricht etwa dem CO2-Ausstoß, der bei einer Autofahrt über 4.600 Kilometer entsteht – einer Tour vom Nordkap bis nach Neapel. 

Erwartungen übertroffen

Aus dem Wunsch, die Wirkung nachhaltiger Investments zu quantifizieren, ist mittlerweile ein eigener Geschäftszweig geworden. Datenanbieter wie die auf Nachhaltigkeit spezialisierte Ratingagentur Imug oder das Fondsanalysehaus Morningstar haben eigens spezielle Analyseverfahren entwickelt, um den CO2-Fußabdruck von Investments zu bestimmen. Auf der qualitativen Seite arbeitet derzeit das Global Impact Investing Network (GIIN) mit Hochdruck an einheitlichen Prinzipien und Leitlinien für wirkungsvolles Investieren. Zufrieden mit ihrer Entscheidung sind die Investoren derweil schon heute. Das zeigt die jüngste Jahresumfrage  des GIIN unter engagierten Investoren aus dem Jahr 2019: 98 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Erwartungen in Bezug auf die nachhaltige Wirkung ihrer Investitionen erfüllt oder sogar übertroffen wurden. Und bei 91 Prozent wurden die finanziellen Erwartungen mindestens vollständig erfüllt.

Erwartungen professioneller Investoren voll erfüllt

98 Prozent der engagierten Investoren sehen ihre Erwartungen in Bezug auf die nachhaltige Wirkung ihrer Investments („Impact Expectations“) voll erfüllt oder sogar übererfüllt – in Bezug auf ihre finanziellen Erwartungen sind 91 Prozent ebenfalls vollauf zufrieden.

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Zahl der Befragten: Nachhaltige Wirkung: n = 253, Renditeerwartungen: n = 254.

 

Wer mit „nicht sicher“ geantwortet hat, wurde nicht eingerechnet.

 

Quelle: https://thegiin.org/assets/GIIN_2019%20Annual%20Impact%20Investor%20Survey_ExecSumm_webfile.pdf

Quellen:

1 Das Global Impact Investing Network (GIIN) ist eine weltweite Initiative von Vermögensverwaltern und anderen Finanzdienstleistern, die sich als globale Verfechter des „Impact Investing“ sehen. Sie setzen sich für Investitionen ein, die mit der Absicht getätigt werden, zusätzlich zur finanziellen Rendite auch messbare positive soziale und ökologische Wirkungen zu erzielen.

2 Das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) ist ein Verband für Nachhaltige Geldanlagen in Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz mit rund 170 Mitgliedern (Vermögensverwalter und andere Finanzdienstleister, Ratingagenturen, Finanzberater und NGOs, Privatpersonen). Ziel ist unter anderem die Förderung von Entwicklung, Transparenz und Qualität nachhaltiger Finanzprodukte. Das FNG vergibt auch ein eigenes Nachhaltigkeitssiegel.
 

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