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Ratings, Nachhaltigkeit

Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren (abgekürzt in Englisch: ESG) sind inzwischen gängig, um die Nachhaltigkeit von Unternehmen zu bewerten. Auch Investoren achten verstärkt auf ESG-Kriterien. Das Label allein reicht als Nachhaltigkeitskompass für Unternehmen und Investoren allerdings nicht aus. Auf welche Faktoren nachhaltigkeitsbewusste Anleger darüber hinaus noch achten sollten.


Nachhaltigkeit ist in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft derzeit das Top-Thema. Immer wieder freitags demonstrieren tausende Schüler weltweit für eine bessere Klimapolitik. Das Verbraucherinteresse an nachhaltig produzierten Produkten steigt branchenübergreifend. Insbesondere in den Industrieländern achten Verbraucher mehr denn je auf die Herkunft von Produkten und Dienstleistungen. Und auch immer mehr Anleger blicken nicht mehr nur auf die Rendite allein, sondern wollen gleichzeitig verantwortungsvoll investieren: in Unternehmen, die nachweislich ethisch korrekt handeln, wirtschaften und angemessene Löhne zahlen.

Transparenz gefordert

Für Unternehmen bedeutet das: Sie müssen ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten offenlegen. Transparenz ist nicht mehr nur eine regulatorische Anforderung, sie wird von der Gesellschaft insgesamt eingefordert. Wer sich nicht daran hält, muss mit Konsequenzen rechnen, so wie jüngst zum Beispiel der Bayer-Konzern. Nach Übernahme des umstrittenen Agrarriesen und Glyphosatherstellers Monsanto demonstrierten Umweltschützer zuletzt während der Hauptversammlung des Konzerns. Viele Aktionäre halten die Entscheidung für ethisch und menschenrechtlich nicht vertretbar und konfrontierten die Konzernführung mit dieser Meinung.1

Wachsender ESG-Fokus

Die steigenden Ansprüche von Anlegern und anderen Interessengruppen sind vielen Unternehmen bewusst – und sie handeln danach. In der jüngsten Analystenumfrage gaben 92 Prozent der Fidelity-Analysten an, dass einige oder sogar alle der von ihnen beobachteten Unternehmen sich intensiver mit sogenannten ESG-Aspekten befassen. Im vergangenen Jahr sagten dies nur 67 Prozent. Auch in EMEA und Lateinamerika achten Firmen verstärkt darauf, ökologisch und sozial bewusst zu agieren, zeigt die Analystenumfrage. Am deutlichsten hat sich die Einstellung in China gewandelt: Dort berichteten zuletzt 63 Prozent der Fidelity-Analysten über einen wachsenden ESG-Fokus bei Unternehmen. Im Jahr 2018 waren es erst 33 Prozent.

Die Buchstabenfolge ESG steht für Environment, Social und Governance, auf Deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung, und das Kürzel hat sich mittlerweile auch in der Finanzbranche etabliert. Die Kriterien helfen dabei, die Nachhaltigkeit von Firmen einzuschätzen. Umweltaspekte sind unter anderem die Emissionen sowie die Energie- und Ressourceneffizienz eines Unternehmens, Soziales umfasst zum Beispiel Arbeitssicherheit, Arbeitsbedingungen und das soziale Engagement – wie etwa Spenden oder Sponsoring. Governance, die Unternehmensführung, wird dann als nachhaltig erachtet, wenn sie zum Beispiel Maßnahmen zur Eindämmung von Korruption und Bestechung umfasst, Vorstandsvergütungen mit dem Erreichen von Nachhaltigkeitszielen verknüpft oder allgemein eine transparente Nachhaltigkeitsberichterstattung aufweist.2

Interesse an Lieferketten steigt

Das steigende Verbraucherinteresse an der Herkunft von Produkten rückt auch das Supply Chain Management in den Fokus: Firmen, die Konsumenten keinen ausreichenden Einblick in die Geschäftspraktiken ihrer Lieferanten ermöglichen, riskieren einen Vertrauensverlust bei Investoren und anderen Interessengruppen. Das gilt auch in der Luxusgüterbranche. Dort sind Käufer bereit, hohe Preise zu bezahlen. Immer häufiger erwarten sie dafür aber auch, dass die Produkte ökologisch und ethisch korrekt produziert wurden – ihre Herstellung also weder zulasten der Umwelt noch der Mitarbeiter geht. Globale Marken reagieren auf den steigenden Druck und erlegen sich selbst strengere Nachhaltigkeitsrichtlinien auf. Der französische Konzern Kering etwa, Mutterkonzern von Marken wie Stella McCartney, Gucci und Saint Laurent, hat eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie erarbeitet und will seine Umwelteinflüsse über die gesamte Wertschöpfungskette bis zum Jahr 2025 um 40 Prozent reduzieren.3 Das Unternehmen achtet unter anderem darauf, fair abgebaute Rohstoffe zu nutzen und verpflichtet seine Lieferanten, Nachhaltigkeitskriterien einzuhalten.4

Lieferkettenmanagement rückt stärker in den Fokus

Welche Umwelt-/Sozialthemen sind für Ihre Firmen besonders relevant? 

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Unternehmen achten verstärkt auf ihr Lieferkettenmanagement, um den steigenden Ansprüchen ihrer Interessengruppen gerecht zu werden.

Quelle: Fidelity Analyst Survey 2019

Nachholbedarf in China

All das sprengt mitunter den Rahmen der etablierten ESG-Kriterien. Zum Teil müssen Unternehmen zudem aufholen, was sie lange versäumt haben: Für einige chinesische Firmen zum Beispiel haben ESG-Kriterien und andere ethisch relevante Themen lange gar keine Rolle gespielt. Andere Unternehmen in China haben zwar seit längerem nachhaltige Geschäftspraktiken etabliert, diese aber bisher kaum kommuniziert. Wenn sie der gestiegenen Erwartungshaltung langfristig gerecht werden wollen, müssen sie das ändern.

Nicht nur auf Zahlen schauen

Grundsätzlich ist Nachhaltigkeit ein weites Feld, auf dem jeder mit unterschiedlichen Werkzeugen eine andere Stelle beackern kann. Während die einen Unternehmen mehr Wert auf Umweltschutz legen, achten die anderen verstärkt auf eine gute Unternehmensführung im Sinne von Transparenz.

Investoren müssen ebenso auf immer mehr Faktoren achten, wenn sie einerseits Rendite erwirtschaften und andererseits verantwortungsvoll investieren wollen: Wer nachhaltigkeitsbewusste Firmen mit langfristig tragendem Geschäftsmodell finden will, muss analysieren, was sich nicht in einer Tabellenkalkulation abbilden lässt. Investoren können zum Beispiel auf Nachhaltigkeitsratings und -zertifikate achten oder sich ausführlich mit dem Nachhaltigkeitsbericht eines Unternehmens beschäftigen. Geschäftszahlen sind wichtig. Ebenso wichtig ist jetzt und in Zukunft aber auch, welche Anstrengungen ein Unternehmen im Sinne umwelt- und sozialverträglicher Produkte und Dienstleistungen unternimmt. Unternehmen, die sich um ESG-Kriterien und darüber hinausgehende Nachhaltigkeitsfaktoren nicht scheren, werden zunehmend unattraktiv für Investoren.

1 https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/bayer-pharmakonzern-jahreshauptversammlung-monsanto-protestaktionen

2 https://www2.deloitte.com/de/de/pages/sustainability/articles/esg-aspekte.html

3 https://www.kering.com/en/sustainability/our-strategy/

4 https://web.blkb.ch/blog/2017/03/25/nachhaltigkeit-als-teil-der-luxus-dna/

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