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China, Asien

„Jeder ist seines Glückes Schmied“: Diese Redewendung hat sich in der Coronazeit in einigen Fällen als sehr zutreffend erwiesen. Denn hinsichtlich der Unternehmensführung trennte sich in etlichen Fällen die Spreu vom Weizen: durch die Art, wie die Firmenlenker proaktiv durch die Krise gesteuert haben – oder eben nicht.

Was ist mein persönliches Wort des Jahres? Ganz klar: Widerstandsfähigkeit. Das beste Beispiel dafür ist das Homeoffice. Noch im März hätte ich es für unmöglich gehalten, wie lange diese Phase dauern würde – vielen von Ihnen ging es vermutlich genauso. Doch wir haben das gemeistert, weil wir anpassungsfähig und robust sind. Dasselbe ließe sich über die Aktienmärkte sagen, die in Asien im September bereits wieder neue Jahreshochs erreicht haben. Doch wie geht es weiter? Wo gibt es kurz-, mittel- und langfristig vielversprechende Chancen für Anleger? Um diese Fragen geht es im ersten Teil meiner Marktbetrachtung für asiatische Aktien – Ihr Suranjan Mukherjee (natürlich aus dem Homeoffice).

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Chancen mit unterschiedlichen Zeithorizonten

Das Wirtschaftsumfeld und unsere Arbeitsweise verändern sich. Das eröffnet auch für Anleger Chancen – manche früher und manche eher auf mittlere oder längere Sicht. Ich halte es für wichtig, die Zeithorizonte sorgfältig auseinanderzuhalten.

Kurzfristige Chancen in den kommenden 1–2 Jahren

Urlaubsreisen, Hochzeiten, Wohnungsrenovierungen, Autokäufe: Die Menschen haben viele Dinge aufgeschoben. In sehe in solchen Bereichen einen großen Nachholbedarf, da sich der Konsum kurzfristig wieder normalisieren sollte. Vor diesem Hintergrund habe ich folgende Veränderungen im Portfolio vorgenommen:

  • Die Ausrichtung auf Galaxy Entertainment, einen führenden Betreiber von Casinos und Unterhaltungskomplexen in Macau, habe ich weiter erhöht. Die Tourismusbranche in Macau hat einen coronabedingten Ausverkauf erlebt. Dadurch bot sich die Chance, dieses attraktive Unternehmen aufzustocken. Es besitzt erstklassige Immobilien und grundsolide Bilanzen und ist vernünftig bewertet. Angesichts der engen Zusammenarbeit zwischen der Regierung von Macau und der chinesischen Regierung bin ich zuversichtlich, dass Touristen vom chinesischen Festland Macau als sicheres Urlaubsziel ansehen.
  • Nach dem Abflauen der Pandemie habe ich eine Position in Chow Tai Fook eröffnet. Der in Hongkong gelistete Juwelier ist stark in China, Macau und Hongkong präsent. Chow Tai Fook ist ein attraktiver Restrukturierungskandidat, da sich der Tourismus wiederbelebt und der Konsum sich normalisiert: Nachdem die Verkaufszahlen in Festland-China im zweiten Quartal um 11 % fielen, legten sie im August um 10 % zu.
  • Ausgebaut habe ich auch meine Position in Thai Beverage, Thailands führendem Bier- und Spirituosenkonzern. Dieser litt unter der Schließung von Thailands Grenzen, doch die dürften bald wieder geöffnet werden. Der inländische Tourismus nimmt bereits wieder Fahrt auf, und auch der Bierkonsum hat seinen viermonatigen Abwärtstrend gestoppt: Die Umsätze legten im Juli im Vergleich zum Vorjahr sogar um 26,5 % zu.

Mittelfristige Chancen in den nächsten 2–4 Jahren  

Welche Unternehmen könnten in den kommenden Jahren von geld- und finanzpolitischen Hilfsmaßnahmen profitieren? Die Antwort darauf kann interessante Anlagechancen enthüllen. Denn nach dem Nachfrageeinbruch in den asiatischen Volkswirtschaften müssen sich die Regierungen nun mit dem coronabedingten Nachfrageschock befassen. Also mit einem Rückgang des Angebots im Gefolge der Krise.

Ich gehe davon aus, dass der Aufschwung mit finanzpolitischen Maßnahmen gestützt wird. Dies wird vermutlich kein Big Bang-Ereignis sein, sondern es wird sich eher um landesspezifische Anpassungen existierender Maßnahmen handeln. Deshalb ist eine Vor-Ort-Analyse von großer Bedeutung, um die Auswirkungen zu verstehen. Derzeit zielen die Politiker auf folgende Bereiche ab:
 

  • Baugewerbe und Automobilindustrie in China: Infrastrukturbezogene Unternehmen wie China State Construction International, SKSHU Paint und Baoshan Iron & Steel profitieren über direkte Bauprojekte oder eine Lockerung der Beschränkungen für Wohneigentum. Automobilfirmen wie Dongfeng Motor und Guangzhou Auto dürften durch konsumorientierte Maßnahmen wie Mehrwertsteuersenkungen ebenfalls einen Nachfrageanstieg erleben. Beide Branchen sind große Arbeitgeber. Daher werden sie von der Regierung bevorzugt – zumal exportorientierte Firmen aufgrund des rückläufigen Handels Stellen abbauen.
  • Infrastruktur in Indien: Die Regierungsinitiative „Make in India“ schreitet voran, viele internationale Technologie- und Industrieunternehmen investieren. Die Regierung ist sich bewusst darüber, dass für weitere ausländische Direktinvestitionen ein schnellerer Ausbau der Infrastruktur erforderlich ist. Ich habe daher eine Position in UltraTech eröffnet, Indiens größtem und am besten geführtem Zementunternehmen. Dieses sollte von den steigenden Infrastrukturmaßnahmen und dem Produktionsausbau profitieren.
  • Fördermaßnahmen für Konsum und Tourismus in Thailand: Neben dem oben genannten Thai Beverage dürften weitere verbrauchernahe Unternehmen von den politischen Maßnahmen profitieren. Ich habe Central Pattana in das Portfolio aufgenommen, den qualitativ hochwertigsten Entwickler und Betreiber von Einkaufszentren in Thailand.
     
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Quelle: Regierung von Macau, 10.September 2020

Langfristige strukturelle und nachhaltige Chancen  

Die Digitalisierung hat sich im Zuge der Coronakrise rasant beschleunigt. Vielen Technologieunternehmen wird diese Entwicklung über Jahre hinaus Wachstum bescheren. Cloud-Computing, Digitalisierung, E-Commerce, Hardwareproduktion und Ausbau des 5G-Mobilfunknetzwerks: Technologische Plattformen und Wegbereiter in solchen Bereichen dürften ihre Gesamtkapitalrendite steigern.  

Doch zum einen ist der weltweite Wettbewerb in diesem Bereich hoch.  

  • Daher achten wir darauf, welche Unternehmen aufgrund ihrer Ressourcen, ihrer DNA und ihrer Führungskräfte ständig Neuerungen vornehmen können.  
  • Zum anderen halten wir weiterhin nach Firmen Ausschau, die eine angemessene Sicherheitsmarge aufweisen. Eine strenge Bewertungsdisziplin ist wahrscheinlich wichtiger als je zuvor, um für unsere Kunden eine längerfristige Wertschöpfung zu gewährleisten. 


Bei den Plattform-Profiteuren ist Alibaba ein klarer Spitzenreiter mit seinem dominierenden Cloud-Geschäft. Dieses wird besonders für kleine und mittlere Firmen weiter an Bedeutung gewinnen. Alibabas marktführende  E-Commerce-Sparte gewinnt nach wie vor neue Kunden hinzu, und auch die Margen sollten steigen. In Korea verwandelt sich Naver erfolgreich zu einer führenden FinTech- und E-Commerce-Plattform. Zugleich verteidigt das Unternehmen seine dominante Position bei Internetsuche und Displaywerbung. Wie Alibaba in China hat Naver damit begonnen, ein umfangreiches eigenes Ökosystem aufzubauen.

Bei den Wegbereitern ist Lenovo ein attraktiver Restrukturierungskandidat. Das Unternehmen hat ein starkes, aber unterschätztes Servergeschäft, das für die Umsetzbarkeit von Cloud-Computing entscheidend ist. Sein PC-Geschäft entwickelt sich ebenfalls sehr gut – die Nachfrage nach produktivitätssteigerndem Zubehör ist explosionsartig gestiegen. In Indien erhalten IT-Dienstleister wie Infosys mehr Aufträge von Unternehmen aller Größenordnungen: kurzfristige Aufträge von kleinen und mittleren Unternehmen ebenso wie langfristige, große Transformationsprojekte von großen Unternehmen. Denn die Pandemie hat zu einer neuen Wirklichkeit geführt, in der die Unternehmen jetzt auch ihre Betriebsabläufe und Backends optimieren müssen.


Teil 1 der Marktbetrachtung für Asien: Fazit

Insgesamt sehe ich in der Nach-Corona-Welt verschiedene Anlagechancen mit unterschiedlichen Zeithorizonten. Die Bewertungen spielen für mich weiterhin eine große Rolle. Doch es gibt meiner Meinung nach viel Wertschöpfungspotenzial bei einigen außergewöhnlichen Unternehmen.

Sie möchten wissen, was ich in den letzten Monaten bei Unternehmensleitungen beobachtet habe? Wie ich derzeit defensive Titel einschätze? Und was mir schlaflose Nächte bereitet? Dann folgen Sie mir auf Teil 2 meiner Reise zu Asiens Chancen und Herausforderungen!

Chancen

  • Anleger können an der Entwicklung vielversprechender Firmen aus den aufstrebenden asiatischen Ländern teilhaben.
  • Die gezielte Titelauswahl („Stockpicking-Prinzip“) zielt auf höhere Erträge als am breiten Markt, auch durch die Einbeziehung von Firmen vor einer absehbaren Ertragswende.
  • Die breite Streuung auf die verschiedenen Länder Asiens soll zu einer möglichst stabilen Entwicklung beitragen.

Risiken

  • Der Wert der Anteile des Aktienfonds kann schwanken und wird nicht garantiert.
  • Der Fonds investiert auch in Schwellenländern, für die besondere politische und wirtschaftliche Risiken bestehen können.
  • Der Fonds hält zum großen Teil Titel in Fremdwährungen. Änderungen der Wechselkurse können zu Wertverlusten führen. Die währungsgesicherte Anteilsklasse neutralisiert diese Risiken.

 

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Fondsmanager des Fidelity Funds - Asian Special Situations Fund