Warum treffen Menschen an der Börse Entscheidungen, die ihnen später schaden? Warum verkaufen sie in Panik kurz vor einer Erholung oder steigen ein, wenn der Hype bereits seinen Höhepunkt erreicht hat? Wie dieses Muster Behavioral Finance erklärt…
Behavioral Finance, zu Deutsch Verhaltensökonomie, beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Emotionen auf das Anlageverhalten. Diese relativ junge, inzwischen prominente Forschungsdisziplin vereint Erkenntnisse aus Psychologie, Wirtschafts- und Finanzwissenschaften.
Der Forschungszweck ist die Beantwortung der Frage: „Wie treffen Menschen Investmententscheidungen und von welchen psychologischen, also unbewussten Faktoren lassen sie sich dabei leiten?“
Herz über Kopf
Die traditionelle Finanzwissenschaft geht davon aus, dass Menschen ihre Anlageentscheidungen rational treffen. Der sogenannte Homo Oeconomicus sei am Werk und entscheide stets nutzenmaximierend. Anders die Behavioral Finance. Die Verhaltensökonomie basiert auf der Annahme, dass Emotionen und psychische Faktoren eine sehr große, oftmals die entscheidende Rolle bei Anlageentscheidungen spielen. Sie haben folgende Szenarien vielleicht schon mal bei sich selbst oder Ihrem Umfeld beobachtet:
- Kurz vor einer Erholung am Markt möchte man panisch bestimmte Wertpapiere verkaufen, obwohl die Daten anderes raten.
- Andere möchten unbedingt in eine Aktie einsteigen, weil gerade alle davon sprechen. Dabei deuten die Daten objektiv auf eine Überbewertung hin.
- Wieder andere wollen sich partout nicht von einer Aktie trennen, weil sie dann Verluste realisieren müssten. Das Halten dieses Papiers verschlimmert die Situation jedoch.
Dem liegen nur allzu menschliche Verhaltensweisen zugrunde, die bei der Geldanlage jedoch zu Fehlern und Verlusten führen können. Wer um die psychologischen Mechanismen weiß, kann Fehlentscheidungen vielleicht besser umschiffen.
Zwei konkurrierende Systeme
Warum fällt es uns Menschen so schwer, uns gegen den Einfluss unserer Emotionen zu wehren? Das wollte auch Daniel Kahneman wissen und schaute genauer hin. Für seine Ergebnisse erhielt er 2002 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Er stellte zwei konkurrierende Denksysteme fest.
System 1 arbeitet schnell, automatisiert und weitgehend unbewusst. Es ist stark von Emotionen geleitet und reagiert auf Gefahr, Vertrautheit und Muster. Es ist evolutionär alt und in vielen Alltagssituationen unverzichtbar.
System 2 arbeitet langsam, bewusst und analytisch. Die Arbeit von System 2 ist anstrengend. Mit diesem System erstellen wir die Steuererklärung, spielen Schach - oder sollten im Idealfall Anlageentscheidungen treffen.
Warum wenden Menschen beim Investieren dennoch so oft System 1 an? Ganz einfach: Unter Druck, bei Unsicherheit und emotionaler Erregung - also genau in den Momenten, die an der Börse entscheidend sind - übernimmt System 1 das Steuer, weil System 2 langsam arbeitet und die Arbeit anstrengend ist.
Die fünf typischen Mechanismen aus der Behavioral Finance
Die Verhaltensökonomie geht davon aus, dass beim Investment das System 1 (siehe oben) übernimmt und damit Emotionen stärkeren Einfluss auf Ihre Anlageentscheidungen haben als rationale Erwägungen. Es gibt fünf typische Mechanismen aus der Behavioral Finance, die bei der Geldanlage sehr häufig zu beobachten sind und die Ihnen in Ihrem persönlichen Anlage-Alltag begegnen könnten.
- Verlustaversion und Verkaufsreflex
Verluste wiegen emotional deutlich stärker als Gewinne, darum werden verlustreiche Positionen oft zu lange gehalten. Gleichzeitig werden Gewinne zu früh realisiert. Ein Muster, das als Dispositionseffekt bekannt ist. - Herdentrieb
In unsicheren Zeiten orientieren sich Anlegende am Verhalten anderer und treffen dadurch oft unvorteilhafte Entscheidungen. Sie kaufen zu spät (FOMO - Fear Of Missing Out) und verkaufen zu spät. Die Folge: schlechtes Timing mit Verlusten im Portfolio. - Kontrollillusion und Overconfidence
Viele Anlegende überschätzen ihre Fähigkeiten und halten Marktentwicklungen für kontrollierbar. Aber: Diese Selbstüberschätzung erhöht die Risikobereitschaft, selbst in ungeeigneten Marktphasen. - Selektive Wahrnehmung
Wer sein Geld angelegen will, bevorzugt Informationen, die die eigene Meinung bestätigen. Folge: Anlegende ignorieren oft widersprüchliche Signale. Dieser Effekt verstärkt sich durch digitale Informationsumfelder und führt besonders bei Verlusten zu Fehlentscheidungen. - Home Bias
Anlegende investieren bevorzugt in vertraute Märkte und unterschätzen dabei die Bedeutung von Diversifikation. Vertrautheit wird mit Sicherheit verwechselt. Und das kann zu unausgewogenen Portfolios führen.
Fazit
Kriege, Krisen und mehr: Die Märkte sind derzeit besonders volatil. Portfolios sind in Bewegung. Behavioral Finance ist längst kein akademisches Randthema mehr.
Dieses Denkfeld kann eine Antwort auf die Frage sein, die Anlegende irgendwann beschäftigt: Warum handele ich als Anleger gegen meine eigenen Interessen - und was kann ich dagegen tun?
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