Anlegende verlieren in Krisen oft wertvolle Rendite, weil sie zu früh oder zu spät ein- oder aussteigen oder überhaupt etwas an ihren Portfolios ändern. Studien zeigen, welche Folgen es hat, wenn Sie versuchen, dem Marktfluss blind zu folgen.
Geopolitische Konflikte oder wirtschaftliche Schocks lösen bei vielen von uns die gleiche Reaktion aus: Wir wollen handeln. Gerade für viele Privatanleger und -Anlegerinnen bedeutet das: vermeintliche Risiken im Portfolio reduzieren oder sogar ganz aus dem Börsengeschehen streichen. Die Verhaltensökonomie zeigt hier, dass genau dieses Verhalten langfristig Rendite kosten kann. Die typischen Fehler im „Market Timing“.
„Market Timing“ heißt: durch gezielte Ein- und Ausstiegszeitpunkte die Marktentwicklung übertreffen wollen. In der Praxis heißt das: verkaufen, wenn man Rückschläge erwartet - und wieder einsteigen, wenn man glaubt, dass die Kurse günstig sind.
Was die Verhaltensökonomie sagt
Die Verhaltensökonomie (engl. „Behavioural Science“) beschreibt mehrere Muster, die bei Investierenden in Stressphasen an den Märkten besonders stark ausgeprägt sind:
- Verlustaversion: Verluste schmerzen stärker als Gewinne Freude bereiten. Fällt der Markt, empfinden dies viele Anlegerinnen und Anleger als Bedrohung und reagieren über.
- Herdenverhalten: Wenn Medien und sogar Freunde und Bekannte immer wieder vom bevorstehenden „Crash“ reden, dann steigt der emotionale Druck, ebenfalls zu verkaufen.
- Rückschaufehler: Im Nachhinein wirkt jede Krise logisch und vorhersehbar - in Echtzeit ist sie das nie. Oder anders: Wer vom Rathaus kommt, ist immer schlauer.
Heißt: Prinzipiell überschätzen Anlegende ihre Fähigkeit, Wendepunkte zu erkennen.
Morningstar-Studie: Renditelücke ist erheblich
Die Studie Mind the Gap 20241 des Analystenhauses Morningstar zeigt, wohin das führen kann: Investierende steigen häufig erst nach den guten Phasen ein und in Krisen panisch aus. Die Folge ist eine systematische „Verhaltenslücke“ zwischen Fondsrenditen und tatsächlich erzielten Anlegerergebnissen.
Für ihre Studie analysierten die Investmentexperten von Morningstar mehr als 10.000 Fondsanlageklassen von US-Publikumsfonds über einen Zehnjahres-Zeitraum. Zu Beginn dieses Untersuchungszeitraums waren die Fonds zwölf Billionen US-Dollar wert, am Ende (31. Dezember 2023) fast 21 Billionen USD.
Auch wenn das nach einem beträchtlichen Wachstum klingt, hätte es in jedem Jahr einen Prozentpunkt besser sein können - hätten die Anlegerinnen und Anleger in diesen zehn Jahren nicht insgesamt 1,9 Billionen USD abgezogen.
Die Morningstar-Daten belegen: Anlegende schneiden im Durchschnitt schlechter ab, als es die Produkte hergeben, in die sie investieren. Der Grund dafür ist somit nicht in der Produktqualität, sondern im Verhalten der Investoren zu suchen.
Grafik 1: Besser voll investiert, als die besten Tage verpasst
Quelle: Finanz & Wirtschaft, 21/02/2025: „Performance of the S&P 500: Missing Best Days“ /
Bildunterschrift: Die Grafik veranschaulicht, wie stark der Renditerückgang gewesen ist, wenn man zwischen Juli 2004 und Juli 2024 die zehn, 20 oder sogar die 30 besten Handelstage am S&P 500 verpasst hat.
Wie lang dauern Verlustphasen wirklich?
Der Konflikt für viele Anlegende: Kipppunkte rechtzeitig erkennen und die Dauer von Verlustphasen aushalten.
Analysen, wie die des unabhängigen Family Offices HQ Trust, belegen: Verluste am Weltaktienmarkt halten im Durchschnitt meist nur wenige Monate an. Auch die sogenannten „Bärenmärkte“ - also Marktphasen mit einem Kursrückgang von mehr als 20 Prozent, denen ein Anstieg um mehr als 20 Prozent vorausgegangen ist - dauern historisch gesehen im Schnitt selten länger als ein Jahr. Selbst schwere Krisen wie 2008 oder 2020 wurden schneller aufgeholt, als viele Expertinnen und Experten erwartet hatten2.
Noch bemerkenswerter: Die meisten geopolitischen Schocks hatten historisch nur kurzfristige Auswirkungen. Viele Ereignisse von Terroranschlägen (wie auf das World Trade Center am 11. September 2001), über Kriegsausbrüche (wie in der Ukraine oder dem Iran) bis zur Corona-Pandemie - waren nach wenigen Wochen oder Monaten wieder ausgepreist (s. Grafik 2).
Grafik 2: Auch die vergangenen sechs Krisenjahre waren Perioden großer Chancen
Quelle: Grafik basiert auf Angaben der Bespoke Investment Group, 15.04.2026: „New All-Time Highs; Bull Market Confirmed” / Bildunterschrift: Laut Untersuchungen der Bespoke Investment Group, einer unabhängigen Beratungsfirma in New York, gab es auch in den vergangenen sechs Jahren seit dem „Corona“-Jahr 2020 am amerikanischen S&P 500 mehr Perioden aufsteigender als fallender Kurse. Der aktuelle Bullenmarkt, der am 12. Oktober 2022 begann - und den die Bespoke Investment Group den „KI-Bullenmarkt“ nennt -, stagniert seit dem letzten Allzeithoch des S&P am 27. Januar (Zeitraum der Untersuchung bis 15. April 2026).
Was in unsicheren Zeiten wirklich helfen kann
Was hilft? Viele Menschen suchen in Krisen nach schnellen Antworten. Oft sind es jedoch die einfachen Prinzipien, die langfristig auch Ihnen helfen können. Unsere Checkliste:
- Investiert bleiben, statt impulsiv auszusteigen
- Regelmäßig sparen, um Marktschwankungen auszugleichen
- Das eigene Risikoprofil realistisch einschätzen
- Investments breit streuen
- Entscheidungen nicht allein aus Schlagzeilen ableiten
Gerade regelmäßige Sparpläne können helfen, Druck aus Entscheidungen zu nehmen. Sie schaffen Struktur - unabhängig davon, ob die Märkte gerade steigen oder fallen.
Fazit: Nicht jede Krise verlangt eine Reaktion
An den Kapitalmärkten gehört Unsicherheit dazu. Die größere Gefahr liegt meist nicht in der Krise, sondern in vorschnellen Entscheidungen.
Wer langfristig Vermögen aufbauen oder für das Alter vorsorgen möchte, braucht nicht permanent neue Strategien. Häufig reicht ein klarer Plan, der zu den eigenen Zielen passt - und die Bereitschaft, auch unruhige Phasen auszuhalten.
Quelle
1 Quelle: Morningstar, 15.08.2024: „Mind the Gap 2024”
2 Quelle: HQ Trust, 16.03.2026: „Warum auch geopolitische Börsen kurze Beine haben“
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