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Schwellenländer: Vielfalt stärkt die Widerstandskraft

Monica Li, Punam Sharma

Monica Li, Punam Sharma - Fidelity International

Ein Jahr nach Einführung weltweiter Zölle durch die USA versetzt der Konflikt im Nahen Osten den aufstrebenden Volkswirtschaften einen neuen Schlag. Doch es gibt in den Regionen weiterhin Unternehmen und Sektoren, deren langfristige Fundamentaldaten vielversprechend aussehen.

In Kürze: 

  • Geopolitische Ereignisse erhöhen die Schwankungen in vielen Schwellenländern. Steigende Ölpreise, Probleme im globalen Transportwesen und eine veränderte Handelspolitik westlicher Länder schmälern die Unternehmensgewinne.
  • Trotzdem sehen Analystinnen und Analysten weiterhin attraktive Chancen, beispielsweise in Chinas Technologie‑ und Biopharma-Sektor, im indischen Stahlmarkt oder bei koreanischen Unternehmen, die von besseren Standards in der Unternehmensführung profitieren.
  • Zudem sorgen strengere Haushaltsregeln in einigen Ländern für ein günstigeres Umfeld für Investoren.


Vorab: Wir veröffentlichen die diesjährige Analystenumfrage in einer für die Schwellenländer besonders volatilen Phase. Noch kürzlich vorherrschende Themen wie schwächere Aussichten für den US-Dollar oder eine mögliche Lockerung der Geldpolitik treten im Zuge des Konflikts im Nahen Osten in den Hintergrund. Stattdessen rücken aktuell höhere Ölpreise, Inflationssorgen und erneute Bedenken hinsichtlich der Logistik des globalen Handels wieder in den Fokus.

Geopolitische Schocks

Mehr als die Hälfte unserer China‑Analystinnen und ‑Analysten (54 %) erwartet, dass geopolitische und geldpolitische Entwicklungen die Unternehmensgewinne in den kommenden zwölf Monaten beeinträchtigen werden – teilweise spürbar. Weltweit teilt nur ein deutlich kleinerer Anteil (38 %) diese Sorge. Auch in Mittel‑ und Osteuropa sowie in Lateinamerika (43 %) und in Asien ohne China und Japan (35 %) fällt die Einschätzung wesentlich optimistischer aus.

Geopolitische Schocks wirken demnach nicht nur kurzfristig in Form einer höheren Marktvolatilität, sondern können auch längerfristig nachhallen. Ein Beispiel hierfür sind die Zollmaßnahmen des vergangenen Jahres: Fast zwei Drittel der Fidelity‑Analystinnen und ‑Analysten geben an, die veränderte Handelspolitik weiterhin fest in ihre Fundamentalanalyse einbeziehen zu wollen.

Im Nahen Osten ist nun die nächste Krise ausgebrochen. „Selbst wenn die Konflikte morgen enden, werden sich die Frachtraten nicht sofort normalisieren“, erklärt Amara Xia, Aktienanalystin mit Schwerpunkt auf Chinas Schifffahrt. „Viele Häfen sind überlastet, Schiffe müssen erst neu verteilt werden, und die Lagerbestände sind stark geschrumpft. Bis diese wieder aufgebaut sind und sich die Abläufe stabilisieren, bleiben die Frachtraten trotz Entspannung im Verkehr noch eine Weile erhöht.“

Auch James Trafford, EM‑Portfoliomanager und Energieanalyst, beobachtet die Entwicklungen in der Region. „Kommt es zu einer schnellen Lösung, dürfte der Öltransport rasch wieder anlaufen – vorausgesetzt, die Förderanlagen sind nicht schwer beschädigt. Dank der hohen Qualität der Lagerstätten im Nahen Osten können selbst vorübergehend geschlossene Felder schnell wieder in Betrieb genommen werden.“
Sollte die Krise jedoch länger anhalten oder die Infrastruktur erneut getroffen werden, warnt er, könnten die Lagerbestände weiter sinken: „In diesem Fall bliebe der Markt deutlich länger angespannt.“

Trotz allem gibt es Gründe für Optimismus

Trotz des globalen Gegenwinds zeigt unsere Analystenumfrage, dass Schwellenländer nach wie vor viele attraktive Anlagechancen bieten. Das gilt beispielsweise für den Energiemarkt. „Im asiatischen Ölraffineriesektor profitieren unabhängige, nicht staatliche Upstream‑Produzenten am stärksten von höheren Ölpreisen“, erklärt Eliza Tay, Aktienanalystin für diesen Bereich.

Sie betont außerdem, dass sich der Markt entlang der Wertschöpfungskette immer deutlicher aufspaltet: Einerseits Raffinerien, die Rohöl zu Benzin, Diesel und anderen Produkten verarbeiten, und andererseits petrochemische Unternehmen, die daraus chemische Grundstoffe herstellen. Firmen mit verlässlicher Rohstoffversorgung können in beiden Bereichen höhere Margen erzielen und ihre Kapazitäten besser auslasten.

Chinas technologische Stärke

Die chinesische Regierung hat zuletzt massiv in Hightech-Branchen investiert, um die Selbstständigkeit des Landes zu stärken und es widerstandsfähiger gegenüber geopolitischen Risiken zu machen. Diese Bemühungen haben den Aufstieg Chinas in Bereichen wie Elektromobilität, künstliche Intelligenz, Biotechnologie und Robotik unterstützt. Die Innovationskraft nimmt in all diesen Feldern zu; die Politik fördert Technologie und Wissenschaft.

Damit wächst Chinas Unabhängigkeit. Trotz US-Exportkontrollen für Spitzentechnologie „wird eine wachsende Zahl der in China verwendeten Chips vor Ort hergestellt werden“, sagt Allen Yang, ein Aktienanalyst, der Chinas Chipindustrie beobachtet: „Lokale Hersteller von Halbleiterausrüstung werden in den kommenden Jahren von der Ausweitung der inländischen Kapazitäten und einer Lokalisierung der Lieferkette profitieren.“

Auch Chinas Pharmaindustrie wandelt sich derweil von einem „Fast Follower“ innovativer Medikamente zu einem Herausforderer der US-Dominanz bei Forschung und Entwicklung. So erobert sich das Land einen wachsenden Anteil am globalen Lizenzgeschäft für Arzneimittel, wie Lizheng Zhu, ein Aktienanalyst, der sich mit der chinesischen Biotech-Branche befasst, berichtet. „Die Arzneimittelentwicklung chinesischer Biopharmaunternehmen verläuft zwei- bis dreimal schneller als bei ihren Pendants in den USA oder der EU. Und sie kostet nur die Hälfte oder ein Drittel“, sagt Zhu. „In den kommenden Jahren werden wir immer mehr ‚First-to-Market‘-Medikamente aus China sehen.“

Chinesischer Konsumsektor

Obwohl Chinas technologische Innovation rasant voranschreitet, steht die Wirtschaft weiterhin vor großen Herausforderungen. Der Immobilienmarkt ist geschwächt, das Deflationsrisiko bleibt bestehen und die Konsumnachfrage ist verhalten. Dennoch erkennt Alex Dong, Aktienanalyst für chinesische Konsumgüter des täglichen Bedarfs, erste Zeichen einer Erholung. Besonders im Premiumsegment und im Bereich günstiger Alltagsprodukte sieht er eine steigende Nachfrage. „Der chinesische Verbrauchermarkt entwickelt sich weiter“, sagt Dong. „Trotz der Zurückhaltung im mittleren Marktsegment eröffnen sich an den beiden Enden der Preisskala interessante Chancen.“

Insgesamt halten derzeit 31 Prozent der China‑Analystinnen und ‑Analysten ihren Sektor für unterbewertet – der höchste Wert im weltweiten Vergleich. Gleichzeitig sind Analystinnen und Analysten anderer Schwellenländer etwas optimistischer, was die Kursentwicklung ihrer Märkte im kommenden Jahr betrifft: 57 Prozent der Expertinnen und Experten aus Mittel‑ und Osteuropa und Lateinamerika sowie 50 Prozent aus Asien ohne China und Japan erwarten, dass die Aktien in ihren Regionen den jeweiligen Referenzindex deutlich oder zumindest moderat übertreffen werden. Für China liegt dieser Wert bei 46 Prozent.

Unternehmensreformen in Korea

Im vergangenen Jahr zählte Korea zu den großen Gewinnern am Aktienmarkt. Jahrelang wurden koreanische Unternehmen dafür kritisiert, dass sie zu viel Liquidität in ihren Bilanzen horteten und sich weigerten, Gewinne an Aktionäre auszuschütten. In Anlehnung an das Vorbild Japan haben die Behörden das Problem inzwischen mit Strukturreformen angegangen. Das „Value-Up“-Programm, das darauf abzielt, den sogenannten „Korea-Discount“ zu verringern, hat zuletzt mit einem neuen Präsidenten, der sich für aktionärsfreundliche Maßnahmen einsetzt, an Fahrt gewonnen. 
„Angesichts der laufenden Reformen erwarte ich, dass koreanische Finanzwerte im Vergleich zu ihrer bisherigen Entwicklung in der Kapitalallokation und Unternehmensführung Fortschritte machen werden“, sagt Charvi Pandey, Aktienanalystin mit Schwerpunkt auf asiatische Finanzwerte. 

Kurzfristig sieht es in Korea allerdings schwieriger aus. „Korea ist Nettoimporteur von Öl“, sagt Pandey. „Eine anhaltende Krise im Nahen Osten könnte das Wirtschaftswachstum beeinträchtigen. Wir werden die Auswirkungen auf koreanische Finanzwerte, insbesondere auf diejenigen mit direkten Kredit- oder Aktienengagements in der Region, weiterhin beobachten.“ 

Noch einmal zum Stichwort Gewinnverwendung: Analystinnen und Analysten erwarten im gesamten asiatisch-pazifischen Raum tendenziell einen Anstieg der Dividendenzahlungen in den kommenden zwölf Monaten – mehr als anderswo auf der Welt.

Indischer Stahl

Auch in Indien zeigt die Analystenumfrage deutliche Chancen. Die Stahlindustrie des Landes ist in den vergangenen zehn Jahren stark gewachsen – angetrieben von zunehmender Urbanisierung und dynamischer Industrialisierung. Deepak Kumar, Aktienanalyst für indische Metalle, erwartet deshalb, dass dieser Sektor 2026 überdurchschnittlich abschneiden wird.

Indien hat die Zölle auf Stahlimporte kürzlich um weitere drei Jahre verlängert. „Damit verfügen indische Stahlhersteller aktuell über einen Preisvorteil von bis zu 20 Prozent gegenüber ausländischen Wettbewerbern“, erklärt Kumar. Die verbesserten Ertragsaussichten haben bereits zu einer Neubewertung des Sektors geführt – und diese Entwicklung dürfte seiner Einschätzung nach anhalten.
Da Indien über eigene Eisenerzvorkommen verfügt, ist der Sektor zudem kaum direkt von den jüngsten Spannungen im Nahen Osten betroffen. Lediglich höhere Transportkosten für importierte Kokskohle könnten sich vorübergehend auswirken, so Kumar.

Griechische Banken

Auch im Finanzsektor lassen sich anhand der Analystenumfrage interessante Entwicklungen erkennen. „Griechenland baut seit einiger Zeit seine Schulden ab. Das Verhältnis von Privatkrediten zum Bruttoinlandsprodukt ist im europäischen Vergleich besonders niedrig“, erklärt Tim Eklund, Aktienanalyst mit Schwerpunkt Schwellenländerbanken. Die wirtschaftliche Lage habe sich stabilisiert, und inzwischen ziehe das Kreditwachstum wieder an. Eklund verweist zudem auf die Rückkehr des Landes zum Investment‑Grade‑Rating vor gut zwei Jahren – erstmals seit der Euro‑Schuldenkrise.
Steigende Energiepreise bleiben jedoch ein Risiko. „Alles, was den Tourismus beeinträchtigt, belastet auch die griechische Wirtschaft“, betont Eklund.

Fazit: Differenzierung entscheidend

Insgesamt hat der Nahost‑Konflikt stärkere Auswirkungen auf Schwellenländer als auf andere Regionen. Je länger die Krise anhält, desto größer könnten der Inflationsdruck und mögliche Einschränkungen bei Energieimporten werden. Gleichzeitig gilt: Schwellenländer sind keine homogene Gruppe. Ihre unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen, politischen Rahmenbedingungen und Marktsegmente reagieren sehr verschieden auf äußere Faktoren.
Viele Volkswirtschaften bieten weiterhin eigene Wachstumstreiber, Chancen und risikopolitische Besonderheiten. Für Investorinnen und Investoren bleiben daher eine sorgfältige Analyse, Geduld und ein umsichtiger Ansatz in den kommenden Monaten besonders wichtig.

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Stand, soweit nicht anders angegeben: März 2026. MK17490