Die USA überraschen die Märkte mit neuen Zöllen, Europa legt ein Handelsabkommen vorerst auf Eis. Gleichzeitig entstehen neue Allianzen von Mercosur bis Afrika. Die Welt handelt weiter – nur immer öfter ohne die USA im Zentrum.

Das Europäische Parlament hat die Umsetzung des geplanten Zollabkommens mit den USA vorerst ausgesetzt.1 Auslöser hierfür war eine unerwartete Wendung in Washington. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten kippte zentrale Teile der im Vorjahr verhängten Zölle. Präsident Trump reagierte umgehend, indem er sich auf eine alternative gesetzliche Grundlage berief und neue Importabgaben verhängte. Seitdem gilt ein pauschaler Zollsatz von zehn Prozent auf nahezu alle Importe, zu dem die weiter bestehenden Abgaben aus früheren Maßnahmenhinzukommen. Für Handelspartnerinnen und -partner waren weniger die juristischen Details entscheidend als die Signalwirkung: Politische Kurswechsel können rasch erfolgen, selbst nach gerichtlichen Korrekturen.

Während transatlantische Vereinbarungen ins Stocken geraten, entstehen andernorts neue Allianzen. Europa setzt auf breitere Handelsbeziehungen.3 Mit dem Mercosur-Abkommen, dem Handelsverbund der südamerikanischen Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay, wurde ein seit Jahrzehnten verhandeltes Projekt vorangebracht. Es würde durchschnittliche Zölle von rund neun Prozent perspektivisch abbauen. Parallel dazu werden die Gespräche mit Indien intensiviert, einem Markt mit durchschnittlichen Importzöllen von rund acht Prozent und erheblichem Liberalisierungspotenzial.

Dass diese Diversifikation ökonomisch tragfähig ist, legen Modellrechnungen des ifo-Instituts nahe. Demnach könnten neue Freihandelsabkommen mit wachstumsstarken Partnerinnen und Partnern die negativen Effekte erhöhter US-Zölle nicht nur kompensieren, sondern sogar übertreffen.3 

Denn auch außerhalb Europas entstehen neue Knotenpunkte. So gewährt China seit Mai 53 afrikanischen Staaten zollfreien Zugang zum eigenen Markt.4 Der bilaterale Handel zwischen China und Südafrika erreichte zuletzt einen Wert von rund 53,6 Milliarden US-Dollar. Die Globalisierung wird damit nicht zurückgedreht, sondern verlagert lediglich ihren Fokus.
 
Weniger USA im Welthandel 
Die veränderte Stellung der USA im globalen Handel lässt sich inzwischen klar beziffern. Der Anteil der Vereinigten Staaten am globalen Warenhandel ist auf den niedrigsten Stand seit 2014 gefallen. Prognosen zufolge dürfte dieser Abwärtstrend anhalten: von aktuell rund 12 Prozent US-Anteil bis auf etwa neun Prozent im Jahr 2034.5 Das ist zwar kein abrupter Bedeutungsverlust, wohl aber eine strukturelle Relativierung.

Das Beispiel China zeigt, wie sich dieser Strukturwandel konkret vollziehen kann. 2018 gingen noch rund 19 Prozent der chinesischen Exporte in die USA. Ende 2025 waren es nur noch etwa 11 Prozent – bei gleichzeitig weiter steigenden Gesamtexporten.5 Der Welthandel schrumpft also nicht, sondern verteilt sich neu – auf mehr Regionen und entlang mehrerer Achsen.

Diese Diversifizierung setzt sich am Kapitalmarkt fort. In den ersten Monaten 2026 zogen US-Investorinnen und -Investoren 52 Milliarden US-Dollar aus heimischen Aktienprodukten ab – die höchsten Abflüsse seit dem Ende der globalen Finanzkrise. Marktbeobachtende führen dies vor allem auf die hohen Bewertungen im US-Technologiesektor und die starke Performance internationaler Märkte zurück. Laut einer Umfrage der Bank of America schichteten Investorinnen und Investoren zu Jahresbeginn so schnell wie seit fünf Jahren nicht mehr von US-Aktien in Schwellenländeraktien um.6 Zwar floss zuletzt wieder mehr Kapital in Richtung USA, bedingt durch den Iran-Konflikt, den Ölpreisschock und einen stärkeren US-Dollar. Vieles spricht jedoch dafür, dass dies eher eine krisenbedingte Gegenbewegung als eine strukturelle Trendwende ist. Was im Handel sichtbar wird, deutet sich damit auch in der Allokationslogik an.

Fazit
Die USA sind nach wie vor ein Schwergewicht der Weltwirtschaft. Doch ihr Anteil am Welthandel sinkt und damit auch die Selbstverständlichkeit ihrer zentralen Rolle im globalen Gefüge. Neue Allianzen entstehen, Handelsachsen verbreitern sich und politische Verlässlichkeit wird zum entscheidenden Faktor wirtschaftlicher Partnerschaften. Wo Vertrauen erodiert, entstehen Alternativen – zuerst im Handel, und mit Verzögerung oft auch in den Kapitalflüssen.

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Carsten Roemheld

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Kapitalmarktstratege Fidelity International

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Carsten Roemheld

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Kapitalmarktstratege Fidelity International

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James Trafford

James Trafford

Analyst and Portfolio Manager