Kontakt MyFidelity Logout
Skip Header

Finanztalk Aktuell: Die Nahost‑Krise und ihr Einfluss auf die globalen Märkte

Carsten Roemheld

Carsten Roemheld - Kapitalmarktstratege Fidelity International

Seit den militärischen Auseinandersetzungen zwischen den USA, Israel und dem Iran Ende Februar hat sich die Lage im Nahen Osten deutlich verschärft. Angriffe auf Tanker und Ölanlagen sowie Einschränkungen in der Straße von Hormus haben den Transport von Öl und Gas aus der Golfregion erheblich beeinträchtigt. Die Folgen sind weltweit sichtbar: Der Ölpreis schoss in die Höhe und die Unsicherheit belastet die Börsen in Asien, Europa und den USA.

Welche Auswirkungen hat die angespannte Situation im Golf für den Welthandel und die Inflationsentwicklung? Wie könnte sich der Konflikt weiterentwickeln – sowohl für den Iran als auch für die gesamte Region?

Im Finanztalk Aktuell ordnen Prof. Dr. Eckart Woertz, Direktor des GIGA Instituts für Nahost‑Studien, und Kapitalmarktstratege Carsten Roemheld, die Ereignisse ein. Sie analysieren, welche wirtschaftlichen und marktrelevanten Konsequenzen ein länger anhaltender Konflikt haben könnte und wie realistisch politische Veränderungen im Iran einzuschätzen sind.

Carsten Roemheld: Im Nahen Osten herrscht Ausnahmezustand. Tanker und Öllager brennen. Nach dem Angriff der USA und Israels attackiert der Iran fast jedes Land in der Region. Die Bilder haben in den vergangenen Tagen die Nachrichten bestimmt. Auch die Straße von Hormus ist zurzeit quasi nicht befahrbar, das schränkt den Export von Öl und Gas aus dem Golf extrem ein. Die wirtschaftlichen Konsequenzen haben wir prompt zu spüren bekommen: Der Ölpreis überschritt das erste Mal seit Jahren die 100-Dollar-Marke, und in Ostasien brachen daraufhin die Börsen ein. Auch in den USA und Europa macht sich der Krieg an den Finanzmärkten bemerkbar.

Welche Auswirkungen hat die Eskalation im Nahen Osten für den Welthandel? Wie abhängig sind wir vom Öl und Gas, das durch die Straße von Hormus verschifft wird? Was bedeutet das für die Inflation? Und droht uns ein ähnlicher Energiepreisschock wie nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine?

Darüber spreche ich heute mit Professor Dr. Eckart Woertz. Er ist Direktor des GIGA Instituts für Nahost-Studien und Professor für Zeitgeschichte und Politik des Nahen Ostens an der Universität Hamburg und arbeitet zur politischen Ökonomie des Nahen Ostens und Nordafrikas. Zuvor war er bereits an renommierten Universitäten wie dem Barcelona Centre for International Affairs, der Sciences Po in Paris, der Princeton University und dem Gulf Research Center in Dubai tätig.

Mein Name ist Carsten Roemheld. Ich bin Kapitalmarktstratege bei Fidelity und ich freue mich sehr auf Antworten auf diese Fragen und weitere Einschätzungen in den kommenden 45 Minuten mit Eckart Woertz. Herzlich Willkommen zu unserem Gespräch.

Eckart Woertz: Hallo.

Carsten Roemheld: Vielen Dank, dass Sie dabei sind. Lassen Sie uns zu Beginn die politische Situation vor allem auch im Iran beleuchten. Der oberste Führer des Landes, Ayatollah Chamenei, wurde ja gleich zu Beginn des Konflikts in einer Aktion getötet. Können Sie uns zunächst einen Überblick geben, wie der Iran politisch aufgebaut ist und welche Macht Chamenei über dieses Land hatte?

Eckart Woertz: Seit der Islamischen Revolution 1979 ist der Iran ein hybrides System. Einerseits gibt es formal demokratische Prinzipien: Es werden das Parlament und der Präsident gewählt. Über dieser formal demokratischen Struktur liegt jedoch eine quasi theokratische Struktur, der der sogenannte Supreme Leader vorsteht, der massiv in das Tagesgeschehen eingreifen und bestimmen kann. Er kann über den Guardian Council auch bestimmen, wer überhaupt zu Wahlen zugelassen wird. Der Präsident hat im Iran daher nicht das eigentliche Sagen – das hat in der Tat der Supreme Leader.

Carsten Roemheld: Welche Macht hat das Parlament überhaupt? Was kann dort beschlossen werden, ohne dass es vom Supreme Leader überstimmt werden kann? Hat das Parlament faktisch keine Macht?

Eckart Woertz: Es gibt schon einen Gesetzgebungsprozess, an dem das Parlament beteiligt ist. Aber die Möglichkeiten, von oben durch das quasi theokratische Establishment einzugreifen, sind ganz erheblich, insbesondere durch den Supreme Leader. Khomeini, der Revolutionsführer, war nach 1979 eine sehr charismatische Larger-than-life-Figur. Chamenei hatte daher schon gewisse Schwierigkeiten, diese Fußstapfen zu füllen. Das gilt noch viel mehr für seinen Nachfolger, seinen Sohn, der ja bis zu seiner Ernennung noch nicht einmal den Ayatollah-Titel trug – also einen Titel, der für schiitische Würdenträger verwendet wird.

Carsten Roemheld: Welche Konsequenzen hat diese Nachfolge aus Ihrer Sicht für den zukünftigen Kurs des Irans? Sie sagen, dass die Autorität des Supreme Leaders mit jedem Nachfolger etwas geschwächt wird und diese Führungsfigur nicht mehr ganz den gleichen Status hat, wie das am Anfang der Fall war.

Eckart Woertz: Zunächst einmal signalisiert es eine Kontinuität des Regimes. Sie ist allerdings auch im Iran selbst und innerhalb des Regimes nicht ganz unumstritten, dass jetzt der Sohn hier ernannt wird und hier eine quasi-dynastische Logik verfolgt wird – man hat ja 1979 eine Monarchie abgeschafft. Aber auf der anderen Seite ist hier ein ganz erheblicher Einfluss da von diesen Strukturen, auch von Revolutionsgarden als militärische Institution neben der regulären Armee – aber auch als Akteur in verschiedenen Wirtschaftszweigen. Und der neue Machthaber Mojtaba Chamenei ist hier relativ gut vernetzt. Man wird schauen müssen, ob er hier auf eine gewisse konsultative Regierungspraxis mit den Insidern des Regimes setzt. Aber zunächst mal signalisiert diese Ernennung eine Kontinuität und auch eine Herausforderung an die USA. Also „Wir machen weiter, als Regime werden wir und wollen wir überleben.“

Carsten Roemheld: Das interessiert mich, was Sie zu den Republikanischen Garden gesagt haben, weil bisher für mich immer so der Eindruck war, das ist eine rein militärische Organisation. Aber sie sagen ja, dass sie auch wirtschaftliche Macht hat und in wirtschaftlichen Bereichen eine Rolle spielen. Vielleicht können Sie das noch kurz erläutern, inwieweit über das Land verbreitet, die Republikanischen Garden eine Rolle spielen?

Eckart Woertz: Sie haben massive Wirtschaftsinteressen in den verschiedensten Wirtschaftsbereichen. Das ist ein Phänomen, das man häufig im Nahen Osten beobachtet – etwa auch in Ägypten. Dass die Armee über ihre militärische Funktion hinaus erhebliche wirtschaftliche Interessen und einen großen Anteil am Bruttoinlandsprodukt hat.

Carsten Roemheld: Wir können also davon ausgehen, dass die religiöse Führung zumindest einigermaßen erhalten bleibt und der Kampf weitergeführt wird. Der Iran hat ja auch mit Gegenschlägen auf Nachbarstaaten reagiert. Können Sie das einordnen? Warum dienten die Golfstaaten als Angriffsziele des Irans? Was wollen die Iraner damit erreichen? Wahrscheinlich ein baldiges Kriegsende, um den Druck insgesamt zu erreichen? Man war ja zumindest nicht offen feindlich gegeneinander eingestellt.

Eckart Woertz: Es handelt sich um eine horizontale Eskalation mit dem Ziel, Abschreckung wiederherzustellen. Aus Sicht des Irans waren die letzten ein, zwei Jahre wirklich eine geopolitische Katastrophe. Die Strategie, mithilfe von Stellvertretergruppen wie der Hisbollah im Libanon oder dem Assad-Regime in Syrien eine Drohkulisse aufzubauen, ist gescheitert – diese sogenannte Achse des Widerstandes wurde durch israelische Militärschläge stark dezimiert. Zudem hat die israelisch-amerikanische Luftabwehr in den direkten Waffengängen hinreichend gut funktioniert, während umgekehrt die iranische Luftabwehr weitgehend ausgeschaltet wurde. Israel und die USA können im iranischen Luftraum quasi schalten und walten, wie sie wollen. Insofern ist hier ein gewisser Druck bei der iranischen Führung, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.

Carsten Roemheld: Können wir noch etwas genauer darauf eingehen, warum diese Angriffe auf die Nachbarstaaten stattgefunden haben?

Eckart Woertz: Diese horizontale Eskalation folgt eher einer politischen als einer militärischen Logik. Auf militärischer Ebene sind die Möglichkeiten des Irans, den USA und Israel etwas entgegenzusetzen, begrenzt. Durch die Ausweitung der Angriffe auf die ölreichen Nachbarstaaten erhöht der Iran jedoch den politischen Preis dieses Waffengangs – insbesondere für die USA, Stichwort Inflation. Je länger man hier bestehen kann, desto mehr kann man politisch gewinnen, auch wenn man militärisch schwach dasteht oder sogar verliert. Die Amerikaner haben im Vietnamkrieg jede Schlacht gewonnen, aber den Krieg verloren.

Carsten Roemheld: Die Strategie des Irans scheint klar zu sein: die Kosten des Krieges und seiner Weiterführung deutlich nach oben zu treiben, um die Parteien möglichst bald zu einem Waffenstillstand zu bewegen.

Eckart Woertz: Ich weiß nicht, ob das möglich bald ist. Ich glaube, der Zeitdruck ist auf Seiten Trumps deutlich höher als auf Seiten des Irans – und der Iran spekuliert möglicherweise genau darauf.

Carsten Roemheld: Lassen Sie uns einen Schritt zurückgehen zu den Kriegszielen der USA und Israels. Es wurden ja verschiedene, teils widersprüchliche Gründe genannt, die vielleicht nicht ganz nachvollziehbar waren. Können Sie erkennen, ob es eine einheitliche Strategie zwischen den USA und Israel gibt, wo sich die Ziele überschneiden – und wo sie möglicherweise auseinandergehen?

Eckart Woertz: Es ist sehr schwierig, hier eine kongruente Planung und Zielsetzung zu erkennen. Herr Trump sagt heute dies und morgen das Gegenteil. Es wurden verschiedenste Begründungen vorgebracht: Es sollte ein Nuklearprogramm vernichtet werden, das laut Trump aber eigentlich seit dem Zwölf-Tage-Krieg bereits vernichtet sei. Einmal ging es darum, Demonstrierende zu verteidigen, dann war von Regime Change die Rede. Mitunter stand auch so etwas wie eine „Venezuela-Lösung" im Hintergrund – Trump deutete an, die USA müssten ein Wörtchen mitzureden haben, wer Chameneis Nachfolger sei, dass er mit Mojtaba Chamenei nicht zufrieden wäre. Also eine robuste Einmischung in die Belange einer fremden Nation. Und dazu kamen die Fragen des ballistischen Raketenprogramms und der Proxykriegsführung. Also es wurde hier sehr viel vorgebracht

Die Art und Weise, wie man nun zugeschlagen hat – ein zweites Mal während laufender Verhandlungen und diesmal mit der gezielten Ausschaltung der obersten Führungsriege einschließlich des Supreme Leaders – muss man davon ausgehen, dass das iranische Regime jetzt hier wirklich eine Situation hat, wo sie klar sehen: Hier ist eine Agenda des Regime Change am Werke. Entsprechend wenig haben sie im Zweifelsfall zu verlieren, beziehungsweise ist die Bereitschaft zur Eskalation sicherlich noch einmal höher als vor ein, zwei Jahren.

Der Unterschied zwischen den USA und Israel ist graduell: Israel war noch mal stärker auf das Nuklearprogramm und einen möglichen Regime Change fokussiert, da ist es relativ egal ist, was danach im Iran kommt – ob Regime Change oder sogar eine Fragmentierung des Landes. Die USA hingegen haben ein Interesse daran, dass die territoriale Integrität des Irans gewahrt bleibt und die Ölanlagen insofern nicht massiv beschädigt werden, da diese auch für eine etwaige Post-Regime-Phase wichtig wären. Die jüngsten Bombardierungen der Israelis von Öl-Storage-Tanks und einer Raffinerie wurden denn auch von amerikanischer Seite kritisiert – zum Beispiel von Lindsey Graham, der sonst ein ausgesprochener Falke gegenüber dem Iran ist.

Carsten Roemheld: Haben Sie den Eindruck, dass sich im Verlauf der nächsten Wochen durchaus größere Gräben zwischen den Amerikanern und den Israelis auftun könnten und dass man sich da nicht einig ist, wie das Ganze weiterzuführen ist? Ich könnte mir vorstellen, dass Israel ein Interesse daran hat, längerfristig für Stabilität zu sorgen, während die USA eher daran interessiert sind, dass sich das wirtschaftliche Geschehen möglichst schnell normalisiert. Hier könnte es schon auch zu Dissonanzen kommen zwischen den beiden.

Eckart Woertz: Sie beschreiben das sehr gut. Es gibt potenziell gewisse Interessensdifferenzen. Allerdings ist am Ende des Tages klar, wer hier Koch und wer Kellner ist – das sind die USA. Wenn Trump entscheidet, dass es nun genug ist und man sich anderen Dingen zuwenden muss, kann Israel im Zweifelsfall da nicht so schrecklich viel machen. Das befürchten die Israelis auch ein wenig, denn Trump hat die Reputation, wankelmütig zu sein und von einem Schauplatz zum nächsten zu hopsen, insbesondere wenn es nicht ganz nach seinen Wünschen läuft. Und das könnte sehr gut sein. Das hat man am Ölpreis gesehen, der an einem einzigen Tag von rund 120 Dollar auf 90 Dollar fiel, an nur einem Tag. Das sind Entwicklungen, die für die amerikanische Regierung sehr wichtig sind: Er hat seinen Wählern versprochen, die Inflation im Zaum zu halten, und in diesem Jahr finden die Midterms statt. Der Ölpreis ist also eine sehr gewichtige Sache.

Carsten Roemheld: Damit kommen wir zu einem Thema, das auch für unsere Hörerinnen und Hörer sehr interessant ist: die Frage der Ölpreise und der Inflationsentwicklung. Trump hat auf Social Media geschrieben, kurzfristige Ölpreissteigerungen seien ein sehr kleiner Preis für Sicherheit und Frieden in den USA und auf der Welt. Er glaubt, die Ölpreise werden schnell wieder sinken. Jetzt sind sie ja zumindest vom Höhepunkt aktuell schon wieder ein Stückchen weit gesunken. Aber, und da sagt er dann auch, nur Narren würden anders denken. Er versucht damit eine Rechtfertigung zu liefern und den Ausblick auf eine nicht stabile hohe Ölpreisentwicklung zu geben. Aber reicht das, um diesen Angriff auch vor seinen Wählern zu rechtfertigen, für die Inflation eine so große Rolle spielt?

Eckart Woertz: Herr Trump wird an den Fundamenten des Ölmarktes nichts ändern können, oder rhetorisch mit Macht zurückdrängen können. Wenn der Öltankerverkehr durch die Straße von Hormus nachhaltig niedrig bleibt, hat man ein ernstes Problem. Es gibt zwar Alternativen: Die Saudis haben die Ost-West-Pipelines zum Roten Meer mit etwa 5 Millionen Barrel Öl täglich, dazu eine 2-Millionen-Barrel-Pipeline für Liquified Petroleum Gas, die man umfunktionieren könnte, und die Emirate verfügen über eine knapp 2-Millionen-Barrel-Pipeline zum Hafen von Fujairah. Es gibt da also bestimmte Möglichkeiten. Aber wenn der Tankerverkehr niedrig bleibt, hat man natürlich schon Ausfälle von schätzungsweise 15 Millionen Barrel pro Tag – das hätte massive Auswirkungen auf den Ölmarkt. Kurzfristig könnte man Russland vielleicht etwas erhöhen oder mit Sanktionen spielen, aber auch die amerikanischen Producer haben kurzfristig nur begrenzte Möglichkeiten – oder wollen diese nicht wahrnehmen, weil sie zunächst ihre Unternehmensbilanzen konsolidieren wollen. Also hier ist schon eine Problemlage da.

Man muss allerdings auch sehen: Bisher haben die Iraner noch keinen einzigen Tanker versenkt. Sie haben nur Verlautbarungen gemacht und es gab vereinzelte Drohnenangriffe auf Schiffe, aber keine massive Kampagne wie die der Huthis im letzten Jahr im Roten Meer, wo tatsächlich Schiffe versenkt wurden. Das hat man noch nicht gesehen. Ich denke auch, dass die Möglichkeiten des Irans, die Straße von Hormus nachhaltig militärisch zu schließen, gegen amerikanische Seemacht begrenzt sind. Aber dann hätten wir wieder das Eskalationspotenzial, dass die Amerikaner sich bereit erklären müssten, hier Geleitschutz für Tanker bereitzustellen und die entsprechenden Streitkräfte dort auch zusammenzuziehen, die dann für militärische Aktivitäten nicht zur Verfügung stehen. Und es würde der politischen Logik des Irans helfen, den politischen Preis dieses Konflikts hochzuschrauben und den Krieg wohl nicht militärisch, aber möglicherweise politisch zu gewinnen oder zumindest in einem Patt enden zu lassen.

Carsten Roemheld: Die entscheidende Frage ist also: Wie lange wird die Straße von Hormus blockiert bleiben? Wie lange werden diese großen Ausfälle vom Schiffsverkehr dort eine Rolle spielen? Trump kann auf Social Media schreiben, der Ölpreis gehe runter, aber er hat hier nicht die Zugriffsmöglichkeit, weil er nicht die einzige Partei in dem Geschehen ist, die Iraner reden sehr wohl mit. Wie realistisch ist eine militärische Begleitung von Tankern? Ich denke, Militärschiffe wären ihrerseits ein gutes Ziel, sofern der Iran noch Kapazitäten hat, diese Schiffe anzugreifen. Wir haben jetzt vereinzelt von Angriffen gehört, das sagten Sie richtig. Was ist Ihr Szenario – wo mündet das am Ende?

Eckart Woertz: Solchen Geleitschutz hat es bereits gegeben – während des sogenannten Tankerkriegs im Iran-Irak-Krieg, als beide Seiten gegenseitig Tankschiffe bombardierten. Als der Irak damals auch die Ölverladeplattform von Iran bombardiert hat. Das haben die Amerikaner damals geleistet. Allerdings war das absolute Produktions- und Nachfragevolumen auf dem Weltmarkt 1990 deutlich geringer als heute. Ob man hier eins zu eins eine ähnlich großen Tankerverkehr militärisch begleitet durchschleusen könnte, das sei mal dahingestellt.

Was könnte Iran hier machen? Einerseits Raketen und Drohnen gegen den Schiffsverkehr einsetzen, andererseits die Straße von Hormus verminen. Dazu gab es gestern bereits Attacken auf iranische Minenboote. Eine Verminung der Straße von Hormus wäre allerdings nur eine Frage der Zeit, bis sie durch amerikanische und andere Streitkräfte wieder geräumt werden könnte.

Und nicht vergessen darf man: Der Iran selbst ist ein Leidtragender einer Blockierung der Straße. Anders als Saudi-Arabien und die Emirate mit ihren Pipelines hat der Iran keine alternativen Exportwege für Öl – und er bezieht auch wichtige Importgüter wie Nahrungsmittel über die Straße. Das sind alles Fragen, die auch eine Rolle spielen. Mit einer Blockierung der Straße von Hormus schießt sich der Iran also auch ins eigene Bein, selbst wenn sie erfolgreich sein sollte.

Carsten Roemheld: Das ist völlig klar. Die Frage ist immer, was man noch für Optionen hat, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht. Entscheidend wird sein, wo der Ölpreis landet. Wir sind aktuell bei rund 90 Dollar – eine erhebliche Steigerung gegenüber den Preisen der vergangenen Monate. Das kann starke inflationäre Effekte haben, denn es ist nicht zu erwarten, dass die Preise relativ bald wieder auf 50 oder 60 Dollar sinken. Also müssen wir schon mit dauerhaft steigenden Preisen rechnen. Und das dürfte den Inflationsdruck doch durchaus erhöhen. Aber der Inflationsdruck entsteht ja nicht nur durch Öl. Es gibt auch andere Güter, die durch die Straße transportiert werden – Agrargüter, Düngemittel –, die auch die Nahrungsmittelpreise massiv nach oben treiben könnten. Das war auch im Russland-Ukraine-Krieg schon mal ein Thema, weil dort auch viele Düngemittel herkommen. Der Inflationsdruck kommt also aus mehreren Bereichen. Richtig?

Eckart Woertz: Genau. Die Golfstaaten sind zum Beispiel große Aluminiumproduzenten. Und wie Sie bereits angesprochen haben: Stickstoffdüngemittel aus der Region haben einen ganz erheblichen Weltmarktanteil. Das kann entsprechende Folgeeffekte haben – und umgekehrt gilt dasselbe für Nahrungsmittel, die in die Region importiert werden.

Carsten Roemheld: Was mich interessiert: Von China haben wir in den letzten Tagen relativ wenig gehört, obwohl China einer der Hauptleidtragenden ist – gut 40 Prozent seiner Energieimporte kommen durch die Straße von Hormus. Erste Frage: Warum hält sich China so zurück? China und der Iran haben ja eine Kooperation, die auf wechselseitigen Beziehungen beruht: China bezieht Öl und Energie, umgekehrt exportiert China Technologie und möglicherweise auch Kriegsmittel in den Iran. Es ist eine wechselseitige Beziehung. Können Sie diese Beziehung näher erläutern und erklären, warum China aktuell so ruhig bleibt?

Eckart Woertz: China hat sehr weitreichende Interessen in der Golfregion – sowohl beim Energiebezug als auch als Exportmärkte. Es gibt strategische Gemeinsamkeiten mit dem Iran: Der Iran ist zum Beispiel Mitglied der Shanghai Cooperation Organisation und steht Russland ähnlich nahe wie China. Es gibt also ein gewisses Dreieck Iran–China–Russland, das sich gegenüber dem Westen positioniert, soweit der Westen überhaupt noch existiert, muss man dazusagen.

China und der Iran haben 2021 ein strategisches Kooperationsabkommen über 25 Jahre abgeschlossen, das groß beworben wurde. Hat auch einen gewissen Eindruck gemacht. Bei Lichte betrachtet war es für die Iraner aber etwas enttäuschend: Man ist da ein wenig auf der Öl-Export-Schiene stecken geblieben. Auf der technologischen Seite hätten sie sich mehr erwartet, und beim Ölexport war es für China schlicht günstig, iranisches Öl billig zu beziehen, weil der Iran aufgrund westlicher Sanktionen keine anderen Abnehmer findet.

Eine große Ernüchterung für den Iran war zudem, dass im Nachgang etwas später nach dem Abkommen, sich China in einem offiziellen Statement die drei vom Iran besetzten Inseln im Persischen Golf – die Tunb Inseln und Abu Mosa, die Iran von den Emiraten besetzt hält – auf die Seite der Emirate und der Golfkooperationsstaaten stellte. Das wurde vom Iran sehr verschnupft aufgenommen.

China versucht hier zu balancieren, denn es hat massive Interessen auch auf der arabischen Seite des Persischen Golfs und bezieht von dort sehr viel Öl. Also insofern versuchen Sie, eine gewisse neutrale Position einzunehmen. Und umgekehrt muss China auch realistisch sein, weil es zwar ein massiv wichtiger Handelspartner der Golfregion ist, aber militärisch spielt es nach wie vor keine vergleichbare Rolle wie die USA.

Carsten Roemheld: Das erklärt gut, warum sich alle einigermaßen zurückhalten. Kommen wir zurück zum Ölmarkt. Wir befinden uns noch nicht in einer Ölkrise wie in den 1970er Jahren oder 2022, als der Ölpreis massiv über längere Zeit auf deutlich erhöhtem Niveau war. Dennoch wird bereits diskutiert, strategische Energiereserven freizugeben, um das Angebot zu erhöhen. Die Internationale Energieagentur spricht von einer groß angelegten Auflösung von Sicherheitsreserven, den Ölmarkt zu balancieren. Die amerikanischen Reserven sind ohnehin schon reduziert – ich glaube, sie liegen bei knapp über 400 Millionen Barrel bei einer Kapazität von rund 730 Millionen Barrel. Sie haben damals schon einiges aus den Speichern herausgenommen. Das wird wohl nur ein kurzfristiger Effekt sein. Gegen dauerhaften Druck auf den Ölpreis dürfte das kaum ausreichen. Sehen Sie das ähnlich?

Eckart Woertz: Ja, generell ist es recht schwierig, Flows mit Stocks zu ersetzen. Der Markt ist auch nicht doof: Er weiß, dass auch erhebliche Mengen aus strategischen Reserven irgendwann zur Neige gehen. Je mehr die Reserven schrumpfen, entsprechend wird der Markt reagieren – allein die Tatsache, dass politische Entscheidungsträger so besorgt sind, dass sie diese Reserven angreifen oder bereits etwas reduziert ist, kann zu einer gewissen Nervosität führen. Das ist also sicherlich keine langfristige, ja nicht einmal eine mittelfristige Lösung. Kurzfristig kann man die Märkte beruhigen, aber wenn das Problem von reduzierten Lieferungen durch die Straße von Hormus bestehen bleibt, hilft das wenig. Was man kurzfristig mobilisieren kann, sind vielleicht 1,5 bis im besten Fall 3 Millionen Barrel pro Tag – während die möglichen Ausfälle deutlich darüber liegen könnten.

Carsten Roemheld: Es hat mich auch gewundert, dass diese Diskussion schon bei einem vergleichsweise moderaten Ölpreisniveau geführt wird. Das zeigt, wie nervös die Regierungen sind und dass sie offenbar kein baldiges Ende des Konflikts erwarten und der Ölpreis dauerhaft unter Druck stehen würde. Lassen Sie uns noch einen Blick abseits des Erdöls werfen: Welche Konsequenzen hat dieser Krieg noch für die Handelsbeziehungen im Nahen Osten insgesamt? Ein bisschen Vertrauen ist verloren gegangen, vermute ich. Deswegen die Frage an Sie: Wie könnte sich das nach vorne entwickeln?

Eckart Woertz: Neben Öl sind auch LNG-Lieferungen aus Katar betroffen, die derzeit unterbrochen sind. Und Katar hat „Force Majeure“ reklamiert. Düngemittel haben Sie angesprochen, Aluminium und viele petrochemische Erzeugnisse – also nicht nur Rohöl, sondern auch raffinierte Produkte. Umgekehrt kommen zum Beispiel raffinierte Produkte wie Kerosin von außen in die Region, wo die Nachfrage durch die Luftfahrt sehr hoch ist – etwa aus Indien. Die möglichen Unterbrechungen beschränken sich also nicht auf Rohölexporte aus der Region.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob das sogenannte Dubai-Modell der ökonomischen Diversifikation – das Rollenmodell, dem Abu Dhabi, Katar und nun auch Saudi-Arabien versuchen, nachzumachen – nun herausgefordert ist. Dieses Modell basiert auf regelmäßigem globalem Austausch und einer aktiven Teilnahme an der Globalisierung, die nun erneut unterbrochen ist. Und gleichzeitig natürlich auch so ein Nimbus der Sicherheit in einer unsicheren Region. Dubai hat in der Vergangenheit häufig von regionalen Krisen profitiert – im Tankerkrieg wurden Schiffe in eigens aufgebauten Werften repariert, aus der Ukraine-Krise profitierten sie durch den Zuzug russischer Exilanten. Diesmal ist zum ersten Mal eine gewisse Ernüchterung da. Ich könnte mir vorstellen, wenn das relativ kurz ist, dann ist es auch wieder relativ schnell vergessen. Aber je länger das dauert, desto größer ist der Reputationsverlust. Auch wurden Datenzentren und Zentren für Künstliche Intelligenz bombardiert – also genau jene Bereiche, in denen sich die Region technologisch vorneweg positionieren will. Aber wie gesagt, das ist ein sehr dynamischer Markt, auch sehr volatiler Markt. Es gab schon davor auch immer wieder Rückgänge im Immobilienmarkt und sogar Crashs im Immobilienmarkt von Dubai. Aber im Großen und Ganzen hat die Region natürlich schon ganz erhebliches Potenzial. Und je kürzer der Konflikt ist, desto schneller denke ich, wird diese Reputationseintrübung auch wieder vergessen sein, wenn es nicht zu lange anhält.

Carsten Roemheld: Sie haben den möglichen Reputationsverlust angesprochen. Der könnte auch die massiven Staatsfonds der Golfstaaten betreffen, die weltweit investieren und als Sponsoren auftreten oder so versuchen, Einfluss zu gewinnen. Sehen Sie Konsequenzen in diesem Bereich – könnten Gelder zurückgezogen werden oder sich der Reputationsverlust in anderen Bereichen ausweiten könnte?

Eckart Woertz: Es ist die Frage, ob die gestiegenen Ölpreise die gesunkenen Exportvolumen überkompensieren oder umgekehrt. Je nachdem wie groß sind – beim jetzigen Level, würde ich sagen, sind die Einbußen der Exporte größer sind als das, was man durch höhere Ölpreise vielleicht pro Barrel mehr einnimmt. Bei 200 Dollar pro Barrel sähe das aus Golfperspektive anders aus.

Aber sagen wir mal in der Situation, wo die Golfländer jetzt fiskalisch weniger Einnahmen haben: Der Ölpreis lag zuletzt zwischen 60 und 70 Dollar – das war am unteren Rand dessen, was die Staaten benötigen. Der sogenannte Break-even-Oilpreis variiert von Land zu Land; Saudi-Arabien etwa, mit seiner deutlich größeren Bevölkerung, braucht mehr als kleine Staaten wie Kuwait oder Katar. Die waren eigentlich nicht happy mit Preisen zwischen 60 und 70 Dollar. Wenn die Golfländer nun fiskalische Herausforderungen haben, können sie zwei Sachen tun: Anleihen ausgeben, also sich verschulden, oder ausländische Assets repatriieren – was bei früheren Ölpreiskorrekturen bereits geschehen ist.

Sollte es dazu kommen, muss man schauen, was zuerst versilbert wird. Bei kleineren Beträgen dürften es liquide Titel sein, also eher Bonds, die ohnehin gerade nicht gut laufen, weil der Markt einen Anstieg der Inflation spielt. Wenn es kritischer wird, könnte auch eine Zurückhaltung bei längerfristigen Investitionen einsetzen – von europäischen Fußballclubs bis zu Private Equity und Aktienmärkte, aber auch bis hin zu wichtigen politischen Initiativen wie Entwicklungshilfe in afrikanischen oder arabischen Ländern, oder auch dem geplanten Wiederaufbau des Gazastreifens, für den Gelder der Golfstaaten bereits fest eingeplant sind.

Carsten Roemheld: Wir haben nun viel über die wirtschaftlichen Konsequenzen gesprochen. Lassen Sie uns zum Abschluss noch einmal in den Iran selbst hineinzoomen und die Lage der Zivilgesellschaft betrachten. Schon vor dem Krieg gab es viele Proteste gegen die Einschränkung von Rechten und ähnliche Dinge. Jetzt hat sich die Stimmung zunächst etwas anders entwickelt, weil man angesichts der Bombardierungen in dieser Frage wenig weitermachen kann. Aber muss das iranische Regime nun zusätzlich zu den äußeren Angriffen auch eine Bedrohung von innen befürchten? Droht ein Bürgerkrieg? Die Bevölkerung ist ja in großer Mehrzahl gegen das Regime eingestellt – gibt es eine Chance, dass sie sich gegen das Regime wendet? Also auch im Inneren ein solcher Konflikt entstehen könnte.

Eckart Woertz: Ich bin nicht vor Ort, bin deswegen ein bisschen vorsichtig und möchte mir kein zu weitreichendes Urteil erlauben. Wie Sie völlig richtig bemerkt haben, ist das Regime in erheblichen Teilen der Bevölkerung sehr unbeliebt, und es gab in den letzten Jahren immer wieder sporadisch aufflammende Proteste. Aber wenn Bombardierungen stattfinden und die Leute ums eigene Überleben kämpfen müssen, haben sie Wichtigeres zu tun als zu demonstrieren. Eine neue Protestdynamik würde ich allenfalls nach einem Abflauen der Kämpfe erwarten, nicht während der Hochphase der Bombardements.

Und die Art und Weise, wie die USA hier auftreten, kann durchaus zu einem gewissen Rally-around-the-flag-Effekt führen – zumindest in Teilen der Bevölkerung. Selbst bei Leuten, die dem Regime sonst kritisch gegenüberstehen. Der Iran ist ein sehr altes Volk, das sich als Zivilisation begreift. Bei uns gibt es den deutschen Nationalstaat seit 1871. Da lacht der Iraner. Das gibt es seit tausenden von Jahren als Staat. Manche der Bemerkungen, die man zuletzt aus den USA und Israel gehört hat, werden daher auch kritisch aufgenommen.

Was auch ein Unterschied ist: In der iranischen Diaspora wird das Regime sehr kritisch gesehen. Es gibt verschiedene Gruppen, etwa die Monarchisten, die den früheren Kronprinzen Reza Pahlavi unterstützen, der in Amerika sitzt, sowie die Mujahedin-e Khalq (MEK), eine Art politische Sekte mit marxistisch-islamistischer Ausrichtung, die ihr Lager teilweise in Albanien hat und erheblichen Einfluss in der republikanischen Administration besitzt. Ich glaube, beide haben relativ geringe Chancen. Pahlavi müsste man schauen, aber der und sein Einfluss im Land selber wird von manchen Diaspora-Iranern möglicherweise überschätzt – sowohl was seine organisatorische Präsenz im Land selbst betrifft als auch seine charismatische Gravitas. Er steht zudem für ein monarchisches System, das durch eine Revolution weggefegt wurde. Er sagt, er möchte eine konstitutionelle Monarchie, säkular und demokratisch. Müsste man dann schauen.

Im Großen und Ganzen denke ich, wird der Wechsel nicht über die Diaspora kommen, sondern aus dem Land selbst. Dabei muss man klar sehen: Auch ein ungeliebtes Regime kann überleben, solange 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung auf seiner Seite sind. Historisch gibt es kein Beispiel, in dem allein durch Luftschläge ein Regime Change stattgefunden hat – nicht in Vietnam, nicht in Deutschland, wo es über Jahre massive Bombardements brauchte und am Ende eine Landinvasion nötig war, um Regime Change in Deutschland damals herbeizuführen. Ähnliches könnte im Iran gelten.

Das Negativszenario wäre, dass sich das Regime stabilisiert – mit stärkerer Fokussierung auf die Revolutionsgarden, und vielleicht mehr nationalistischen als islamischen Narrativen. Und sich auf eine kleinere Kernelite konzentriert, die durch Schmuggel und Sanktionsumgehung gut verdient, während die übrige Bevölkerung verarmt. Ähnlich wie bei Saddam Hussein im Irak in den 1990er Jahren, der nach dem amerikanischen Gegenschlag in Kuwait nicht von der Macht vertrieben wurde und seine Bevölkerung massiv unterdrückte, die unter den Sanktionen auch massiv verarmt sind. Ein noch negativeres Szenario wäre ein Auseinanderbrechen des Landes an seinen Rändern – es gibt gewisse Tendenzen in Richtung Autonomie oder sogar Sezession in den Kurdengebieten und Belutschistan an der Grenze zu Pakistan. Auf der anderen Seite gibt es auch ein sehr starkes iranisches Zusammengehörigkeitsgefühl und eine Idee der iranischen Nation, die wesentlich weiter zurückreicht als bei uns hier in Europa.

Carsten Roemheld: Sie haben meine nächste Frage bereits vorweggenommen. Wenn ich Sie richtig verstehe, ist das wahrscheinlichste Szenario, dass das Regime in irgendeiner Form überlebt – und dass ohne militärische Invasion, die die Amerikaner aus meiner Sicht nicht riskieren werden. Sonst wäre das vielleicht innenpolitisch überhaupt nicht vermittelbar. Ohne „boots on the ground" ist kein Regimewechsel zu erzielen, und man muss weiterhin mit einem Iran umgehen, der von diesem religiösen Regime geführt wird. Ist das Ihr wahrscheinlichstes Szenario nach vorne hin?

Eckart Woertz: Auf kurze Sicht leider ja. Es gibt grob drei Szenarien: Erstens Regime-Kontinuität mit starker Rolle der Revolutionsgarden und stark reduzierter regionaler Rolle des Irans; zweitens eine – hoffentlich demokratische – Transition, was das wünschenswerte Szenario wäre; und drittens eine Fragmentierung des Landes, was das düsterste Szenario wäre. Momentan ist zumindest auf kurze Sicht die Regime-Kontinuität am wahrscheinlichsten. Wobei: Solche Regime können auch relativ schnell zusammenbrechen, wie man beim Assad-Regime gesehen hat. Zumindest auf mittlere Sicht. Auf lange Sicht steht die Hoffnung auf einen Regimewechsel also durchaus noch im Raum.

Carsten Roemheld: Dann wollen wir diese Hoffnung nicht aufgeben und diesen Optimismus nach vorne tragen. Können Sie abschließend noch auf die weitere Region eingehen – die Golfstaaten – und skizzieren, wie sich das Szenario dort in den kommenden Wochen und Monaten entwickeln könnte?

Eckart Woertz: Die Golfstaaten hatten zwei Negativszenarien. Das erste war ein nuklear bewaffneter Iran – dann wollen sie auch eine Atombombe, zumindest Saudi Arabien, Mohammed bin Salman hat es gesagt. Das wäre ein negatives Szenario. Dieses Szenario ist zunächst in den Hintergrund gerückt, weil natürlich das iranische Nuklearprogramm massiv beschädigt wurde. Andererseits ist der Anreiz des Irans, mittelfristig vielleicht doch eine Nuklearwaffe zu erwerben, gestiegen – Stichwort Abschreckung. Man weiß nun genau, was einem passiert, wenn man keine hat. Diese Bombardements wären einem Kim Jong-un in Nordkorea nicht passiert, der aus dem Atomwaffensperrvertrag Anfang der 2000er Jahre ausgetreten ist und im Geheimen Waffen entwickelt hat. Das Proliferationsrisiko ist also real – und nicht nur im Iran: Das internationale Anti-Proliferations-Regime ist derzeit generell geschwächt, und die geopolitischen Anreize eventuell Nuklearisierung zu betreiben, sind weltweit erhöht.

Das zweite Negativszenario ist zunächst mal nicht eingetreten, aber das andere eben – ein Waffengang im Persischen Golf mit der Verwundbarkeit der Ölanlagen. Seit dem iranischen Proxyangriff auf die Ölanlagen von Abqaiq im Jahr 2019 hat man zwar einiges an Abwehrkapazitäten aufgebaut, aber die Verletzlichkeit ist da.

Man wird, denke ich, fortfahren mit einer gewissen Diversifizierung der geopolitischen Allianzen, sich also China warmhalten und sich nicht einseitig auf die USA verlassen wollen. Sie werden ihre Luftabwehr weiter ausbauen – interessante Partner sind dabei neben den Amerikanern die Ukrainer für die Drohnenabwehr sowie die Israelis und die Südkoreaner, die ein der Patriot-Rakete ähnliches System zu günstigeren Preisen anbieten. So werden vielleicht die Golfstaaten reagieren. Dieser Konflikt, wenn er zu Ende geht, wird schon nachhaltige Änderungen nach sich ziehen. Also Iran stark dezimiert, nicht mehr so eine starke regionale Rolle, aber auch mit einem gewissen Potenzial, in der Zukunft wieder zu eskalieren oder vielleicht sogar zu nuklearen Bewaffnung zu kommen. Man hat die Golfstaaten mit ihrer geopolitischen Diversifizierung und der Notwendigkeit, hier die Luftabwehr aufzubauen. Andererseits versuchen sie sich nach wie vor auch rauszuhalten. Sie haben sich ja nicht beteiligt bisher an den Waffengängen, obwohl sie angegriffen werden. Also sie versuchen hier fast schon ein doppeltes Spiel zu spielen oder sich da rauszuhalten, sind Israelis und Amerikanern zu überlassen.

Israel hat massive militärische Erfolge erzielt – die Dezimierung der Hisbollah, gegen die Iraner. Da hat man so ein bisschen das Gefühl, es kann vor Kraft kaum laufen. Und Netanjahu hat ja schon diese Vision eines kleinen, robusten Spartas mit ewigen blutigen Grenzen entworfen. Da fehlt aber jegliche politische Vision, wie man sich jetzt hier in der Region einrichten möchte, auch zum Ausgleich mit Nachbarstaaten kommen möchte und insbesondere mit den Palästinensern kommen möchte. Dieses Problem ist ja nach wie vor völlig ungelöst, sowohl im Gazastreifen als auch in der Westbank.

Carsten Roemheld: Vielen Dank, Herr Professor Woertz für Ihre Einordnungen und den Ausblick. Auch wenn nicht alle Fragen beantwortet werden konnten und vieles noch unklar ist, hoffe ich, dass wir unseren Zuhörerinnen und Zuhörern einige wichtige Punkte mitgeben konnten. Ich danke Ihnen noch einmal vielmals für dieses spannende Gespräch – ich hätte noch an vielen Stellen weiterfragen können, aber die Zeit ist leider begrenzt. Vielen Dank!

Eckart Woertz: Vielen Dank und alles Gute.

Carsten Roemheld: Danke auch an die Zuhörerinnen und Zuhörer! Bei Rückfragen wenden Sie sich gerne an mich oder meine Vertriebskollegen – wir führen die Debatte und die offenen Fragen gerne weiter. Das war's für heute. Bis zum nächsten Mal. Bis bald!

-

Prof. Dr. Eckart Woertz

Direktor des GIGA Instituts für Nahost-Studien und Professor für Zeitgeschichte und Politik des Nahen Ostens an der Universität Hamburg. Er arbeitet zur politischen Ökonomie des Nahen Ostens und Nordafrikas, zu Ernährungssicherheit und Energiefragen. Zuvor war er am Barcelona Centre for International Affairs, an der Sciences Po in Paris, der Princeton University und dem Gulf Research Center in Dubai tätig.

Das könnte Sie auch interessieren

-

Aktuelle Markteinschätzungen zum Nahost Konflikt

Die jüngsten Spannungen im Nahen Osten haben die Marktvolatilität deutlich erhöht und insbesondere die Energiepreise in Bewegung gebracht. Auf dieser Seite bündeln wir unsere aktuellen Einschätzungen. Ziel ist es, Orientierung zu bieten und die Auswirkungen auf Marktumfeld und Allokation einzuordnen.

Mehr erfahren

Wichtige Informationen

Diese Aufzeichnung darf ohne vorherige Erlaubnis weder reproduziert noch verbreitet werden. Für die in der vorliegenden Aufzeichnung gemachten Aussagen ist der jeweils benannte Gesprächspartner verantwortlich. Der Inhalt spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung von Fidelity International wider. Alle hier bereitgestellten Informationen dienen lediglich Informationszwecken sowie dem Zweck der Meinungsbildung. Eine Rechtsberatung findet nicht statt. Fidelity International übernimmt keine Gewähr für die Korrektheit, Aktualität, Vollständigkeit oder Qualität der bereitgestellten Informationen. Sichtweisen können sich jederzeit ohne Vorankündigung ändern. Fidelity International übernimmt keine Haftung für Schäden, die aus der Verwendung dieser Informationen herrühren. Diese Aufzeichnung stellt keine Handlungsgrundlage oder Anlageberatung dar. Die FIL Investment Services GmbH veröffentlicht ausschließlich produktbezogene Informationen, erteilt keine Anlageempfehlung / Anlageberatung und nimmt keine Kundenklassifizierung vor. Eine Anlageentscheidung sollte in jedem Fall auf Grundlage des Kundeninformationsdokuments „Basisinformationsblattes“ und des veröffentlichten Verkaufsprospekts, des letzten Geschäftsberichts und — sofern nachfolgend veröffentlicht — des jüngsten Halbjahresberichts getroffen werden. Diese Unterlagen sind die allein verbindliche Grundlage des Kaufs. Anleger in Deutschland können diese Unterlagen kostenlos bei der FIL Investment Services GmbH, Postfach 200237, 60606 Frankfurt am Main, oder über https://www.fidelity.de anfordern. Der Wert der Anteile kann schwanken und wird nicht garantiert. Sollten in der Aufzeichnung Unternehmen genannt werden, dienen diese nur der Illustration und sind nicht als Kaufs- oder Verkaufsempfehlung zu verstehen. Fidelity, Fidelity International, das Fidelity International Logo und das „F-Symbol“ sind Markenzeichen von FIL Limited. FIL steht für FIL Limited (FIL) und ihre jeweiligen Tochtergesellschaften.

Stand: März 2026, MK17460