Im April erlebte der Goldpreis eine Achterbahnfahrt. Nachdem er zum Monatsbeginn ein historisches Rekordhoch erreicht hatte, kam es zwischenzeitlich zum Kurssturz. Der Schock hielt sich indes in Grenzen, denn das Edelmetall blieb so oder so eines der attraktivsten Investments des Anlagejahres, legte zuletzt eine deutlich stärkere Performance hin als der S&P 500. Bis Anfang Mai blickt Gold auf einen Wertzuwachs von rund 20 Prozent¹ in den letzten zwölf Monaten zurück.

In der Vergangenheit stieg der Wert des Goldes vor allem in Zeiten der Nervosität: Politische Unsicherheit, wirtschaftliche Schwäche, technische und gesellschaftliche Umbruchphasen erwiesen sich immer wieder als goldene Zeiten. Die spektakulärste Rally fand nach dem Ende des Bretton-Woods-Währungssystems statt. Bis dahin war der Goldpreis fest an den Wert des US-Dollars gekoppelt – Währungen anderer Länder konnten jederzeit gegen die Barren eingetauscht werden. Als US-Präsident Richard Nixon die Bindung im Jahr 1971 aufhob, schnellte der Preis pro Unze Gold von anfangs 35 US-Dollar auf 850 US-Dollar im Jahr 1980² in die Höhe und machte das Edelmetall endgültig zu einer eigenständigen Anlageklasse.

Weitere Sprünge gab es dann immer wieder nach handfesten Krisen. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase, der großen Finanzkrise im Jahr 2009 und während der Covid-Pandemie war Gold stets ein gefragter Rohstoff. Und das, obwohl Gold keine Gewinne, keine Zinsen und keine Dividenden abwirft. Gerade in Zeiten niedriger Realzinsen ist Gold damit zusätzlich attraktiv. Jetzt aber steigt der Goldpreis trotz steigender Realzinsen und setzt damit historische Zusammenhänge außer Kraft.

Notenbankpolitik, Inflation und Marktpsychologie

Analystinnen und Analysten sind sich derzeit uneinig, was diesmal Auslöser und Treiber der Rally am Goldmarkt sein könnte. Tatsächlich dürfte es sich um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren handeln.

Zunächst stockt das chinesische Devisen-Amt seit Ende 2022 seine Goldreserven massiv auf. Fast 300 Tonnen des Edelmetalls im Wert von etwa 14 Milliarden US-Dollar³ wurden seither aufgekauft. Auch die Zentralbanken anderer Schwellenländer folgen Chinas Vorbild und versuchen, Bestände an US-Staatsanleihen durch das Edelmetall zu ersetzen und so zu diversifizieren – denn die Dollar-Bonds machen aktuell fast 60 Prozent der weltweiten Devisenreserven aus. Nachdem die Kurse bereits emittierter Anleihen stark unter den Folgen der Zinserhöhungen gelitten haben, wollen vor allem Asiens Währungshüter künftig ihre Dollar-Risiken senken. Dazu könnte Gold einen Beitrag leisten. Und die gestiegene Nachfrage wirkt sich naturgemäß auf den Preis aus.

Auch die US-Notenbank Fed stützt die Goldrally. Die Inflation in den USA hält sich hartnäckiger als erwartet, was inzwischen auch Fed-Chef Jerome Powell einräumte⁴, der im April von mangelnden Fortschritten bei der Inflationsbekämpfung sprach. Als physischer Vermögenswert mit hoher Wertbeständigkeit gilt das Gold traditionell als Inflationsschutz par excellence. Für einen solchen Stabilitätsanker im Portfolio sind viele Kapitalmarktteilnehmerinnen und -teilnehmer offenbar bereit, auch höhere Preise zu zahlen und auf laufende Erträge zu verzichten. 

Ein weiterer Grund für die Preisentwicklung ist schließlich psychologischer Natur. Die Renditen von Goldinvestments ergeben sich ausschließlich aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage – also aus der Preisentwicklung. Eine plötzliche Verknappung des Edelmetalls erscheint zwar unwahrscheinlich, doch angesichts der jüngsten Goldpreishausse, die selbst den US-Leitaktienindex in den Schatten stellt⁵, wollen viele Anlegerinnen und Anleger nicht außen vor bleiben. Die Fear of missing out, kurz FOMO, also die Angst, etwas zu verpassen, befeuert den Nachfrageboom und treibt den Kurs in neue Höhen. 

Fazit

Gold hat sich schon immer als sicherer Hafen und Inflationsschutz hervorgetan. Als die Inflation noch zweistellig und die Rezession in aller Munde war, blieb der Nachfrageboom allerdings aus. Dieser scheint aktuell verzögert stattzufinden, sodass sich mit dieser Anlageklasse hohe Gewinne erzielen ließen. Die jüngste Rally am Goldmarkt zeigt, dass die Preisentwicklung des Edelmetalls stets für Überraschungen sorgen kann. Es bleibt damit vor allem als Beimischung und als Diversifikator interessant.

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