Der „Korea Discount“ beschreibt, dass Anleger südkoreanische Aktien wegen mangelnden Vertrauens in die Unternehmensführung niedriger bewerten. Nun will das Land mit Reformen sein Image am Kapitalmarkt nachhaltig aufpolieren. Das Vorbild heißt Japan.

Südkorea zählt zu den am weitesten entwickelten Volkswirtschaften Asiens. Das Land ist exportstark, industriell breit aufgestellt und in Schlüsselbranchen wie Halbleitern, Elektronik und Automatisierung global wettbewerbsfähig. Dennoch werden Aktien auf dem südkoreanischen Markt seit vielen Jahren mit einem deutlichen Bewertungsabschlag gehandelt. Marktbeobachter sprechen in diesem Zusammenhang vom „Korea Discount“. Dieser entsteht jedoch nicht aufgrund von Zweifeln über die operative Stärke der Unternehmen, sondern ist vielmehr Ausdruck institutioneller Vorbehalte gegen die Unternehmensführung.1 

Derzeit verschieben sich die Maßstäbe, nach denen internationale Investorinnen und Investoren Asien bewerten. Neben kurzfristigen Wachstumsnarrativen rücken Tugenden wie Kapitaldisziplin, Corporate Governance und ein belastbarer institutioneller Rahmen in den Fokus. Japan dient dabei als Referenzpunkt.

In den vergangenen Jahren hat man dort versucht, strukturelle Bewertungsabschläge gezielt abzubauen. Die Tokioter Börse erhöhte den Druck auf gelistete Unternehmen, ihr Kapital effizienter einzusetzen, überschüssige Liquidität abzubauen und transparenter zu berichten.2 Investorenrechte wurden gestärkt und der Dialog zwischen Unternehmen und Kapitalmarktteilnehmern intensiviert. Tatsächlich entwickelte sich die Corporate Governance damit von einer Pflichtübung zu einem Hebel für die Wertschöpfung. 

Nun steht auch Südkorea an derselben Wegmarke. Die wirtschaftliche Dynamik ist weiterhin hoch, Schlüsselindustrien profitieren vom globalen KI-Boom und viele Unternehmen zählen operativ zur Weltspitze. Entscheidend ist nun die Frage, ob es auch gelingt, industrielle Stärke über institutionelle Reformen dauerhaft in höhere Kapitalmarktbewertungen zu übersetzen.

Südkoreas Reform: mehr Hürden, weniger Verbindlichkeit
Mit einem „Value-up“-Programm versucht die südkoreanische Regierung, genau das zu erreichen. Die Ziele ähneln denen der Japaner: Es geht um Kapitaldisziplin, höhere Ausschüttungen, eine stärkere Aktionärsorientierung und Transparenz.3 Der Unterschied liegt jedoch im Weg der Reformen. In Japan folgt man dem „Comply-or-explain“-Prinzip. Dabei müssen Unternehmen entweder Empfehlungen umsetzen oder Abweichungen erklären.2 Durch rechtliche Vorgaben der Tokioter Börse und verbindliche Listing-Anforderungen werden diese Empfehlungen konsequent durchgesetzt. Südkorea setzt bislang stärker auf Freiwilligkeit und Anreize.

Für Kapitalmarktteilnehmer ist das offensichtlich ein entscheidender Unterschied. Wenn in Japan Erwartungen klar formuliert und konsequent nachgehalten werden, entsteht Vertrauen. Bleiben sie hingegen wie in Südkorea bisher unverbindlich, überwiegt die Skepsis, und der Abschlag bleibt bestehen.

Hinzu kommen strukturelle Besonderheiten in der Unternehmens- und Eigentümerlandschaft. Mächtige Familienkonglomerate, die sogenannten Chaebols, prägen das wirtschaftliche Gefüge Südkoreas. Ein Steuerregime mit hohen Erbschaftsteuern begünstigt beim Generationswechsel niedrige Unternehmensbewertungen, während Dividenden vergleichsweise hoch besteuert werden.4 Dadurch entsteht ein Spannungsfeld: Während Reformprogramme auf höhere Bewertungen abzielen, profitieren die zentralen Eigentümergruppen von niedrigen Kursen. Solange sich das nicht ändert, erwarten Expertinnen und Experten auch kein Ende des Korea-Discounts. 

Am Kapitalmarkt wurde die Rally südkoreanischer Aktien im zweiten Halbjahr 2025 von einem abrupten Umschwung internationaler Kapitalflüsse getragen. Vor allem wenige Halbleiterwerte wie Samsung Electronics und SK Hynixprofitierten davon. Anfang 2026 blieb die Kursdynamik abermals auf wenige Schwergewichte aus den Bereichen Halbleiter, Automatisierung und Industrie fokussiert. Dabei überholte die Marktkapitalisierung südkoreanischer Aktien zuletzt die der deutschen Börse, was die gewachsene internationale Aufmerksamkeit unterstreicht.6 Der Boom der Top-Titel verdeckt jedoch, dass eine breite und strukturell getragene Neubewertung bislang ausgeblieben ist.

Fazit
Technologische Stärke allein reicht am Kapitalmarkt nicht aus. Der „Korea Discount“ zeigt, dass Investorinnen und Investoren eine verlässliche Unternehmensführung mindestens ebenso hoch gewichten wie zyklischen Rückenwind. Japan hat vorgemacht, wie Reformen Vertrauen schaffen können. Für Südkorea wird es entscheidend sein, ob es tatsächlich gelingt, die Interessenkonflikte zwischen Großaktionären und übrigen Anlegern abzubauen.

Multi Asset: Flexibilität ist Trumpf

Die Weltpolitik pendelt „vom Unvorstellbaren zum Unfassbaren“: Wie können Mul…


Tobias Krause

Tobias Krause

Product Strategist

USA: Chancen nutzen, Währungsrisiken kontrollieren

Wie sollten Anleger angesichts der jüngsten Dollarschwäche, der hohen Bewertu…


Joe Hanmer, Dolly Moolchandani Chainai, Max Dawe, Simon Feyersinger

Joe Hanmer, Dolly Moolchandani Chainai, Max Dawe, Simon Feyersinger

Fidelity International

Typische finanzielle Stolpersteine im Leben – und wie Sie ihnen aus…

Ganz gleich, wie jung oder alt man ist – es gibt eine Reihe typischer finanzi…


Fidelity

Fidelity

Research team