Die Forderung, den Mindestlohn von aktuell 9,60 Euro auf 12 Euro zu erhöhen, zählte im Wahlkampf zu den Kernversprechen der SPD. Nach erfolgreichen Sondierungen mit den voraussichtlichen Koalitionspartnern zeichnet sich ab, dass die Partei ihre Wähler nicht enttäuschen muss. Im Zuge einer „einmaligen Anpassung“ wollen SPD, Grüne und FDP – so die Koalition denn zustande kommt – den gewünschten Mindestlohn erreichen. Während man ordnungspolitisch darüber debattieren kann, ob Politiker oder Tarifparteien die Gehälter festsetzen sollten, liefert der Inhalt der Forderung keinen Grund zur Sorge. Denn die Löhne in Deutschland werden in den kommenden Jahren ohnehin massiv steigen. Nicht nur im Niedriglohnsektor, sondern in allen Teilen der Wirtschaft.

Gabriel Felbermayr, scheidender Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, hält in den kommenden Jahren ein Lohnplus von durchschnittlich fünf Prozent für realistisch – pro Jahr¹.  In Branchen mit Fachkräftemangel könnten Arbeitnehmer sogar mit noch höheren Zuwächsen rechnen, erklärte Felbermayr kürzlich. Denn spätestens ab dem Jahr 2023 wird die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte wegen des demografischen Wandels sukzessive sinken. Unternehmen werden also so stark um Beschäftigte buhlen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Einen Vorgeschmack darauf bietet aktuell die Gastronomie. Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zufolge hat sich die Zahl der offenen Stellen im Gastgewerbe seit April 2021 praktisch verdoppelt. Restaurants und Kneipen finden kaum noch Personal. Auch LKW-Fahrer werden in Deutschland langsam knapp.

Inflation treibt Löhne

Die zuletzt stark gestiegene Teuerungsrate spricht ebenfalls für steigende Gehälter. Denn Inflation geht traditionell mit einem Lohnplus einher, Lohn-Preis-Spirale heißt das übliche Muster. Die Gehälter im öffentlichen Dienst sind in vielen EU-Staaten sogar direkt an das Preisniveau gekoppelt. In Deutschland wiederum haben die ersten Gewerkschaften bereits eine kräftige Anhebung der Löhne gefordert. Sie verweisen dabei auf die Teuerungsrate. 

Die Verbraucherpreise waren im Oktober nach Zahlen des Statistischen Bundesamts um rund 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen.² Die Inflationsrate erreichte damit den höchsten Stand seit 1993. Der Anstieg basiert zwar in Teilen auf Einmaleffekten infolge der Covid-Krise, die aktuelle Inflation dürfte den langfristigen Preistrend deshalb überzeichnen. Trotzdem ist klar: Das Leben wird gerade in vielen Bereichen teurer. 

Eine Anhebung des Mindestlohns dürfte sich stark auf das übergreifende Lohnniveau auswirken. Denn um das Gehaltsgefüge zu erhalten, werden Lohnerhöhungen bei anderen Beschäftigungsgruppen nicht auf sich warten lassen. Arbeitgebern sei gesagt, dass das nichts Schlechtes sein muss. Im Gegenteil. 

Eine Analyse des frisch gekürten Nobelpreisträgers David Card und des Ökonomen Alan Krueger zeigt, dass sehr niedrige Mindestlöhne für eine hohe Fluktuation sorgen, weil Arbeitnehmer ständig auf der Suche nach besser bezahlten Jobs sind.³ Arbeitgebern fällt es damit schwer, neue Leute zu finden. Ein höherer Mindestlohn dagegen macht Angestellte loyaler, Unternehmen können Stellen schneller besetzen, die Verweildauer steigt. So kann die Zahl der Beschäftigten langfristig sogar insgesamt steigen. Es profitieren also nicht nur die einzelnen Unternehmen, sondern die ganze Volkswirtschaft. Lediglich unangemessen hohe Mindestlöhne über dem allgemeinen Produktivitätsniveau würden schaden. Diese Schwelle dürfte bei 12 Euro aber noch nicht deutlich überschritten sein.

Fazit

Die Wirtschaft wird am gesetzlichen Mindestlohn von 12 Euro nicht zugrunde gehen. Auch einen massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit und Nachteile für den Investitionsstandort Deutschland müssen Unternehmen wie Anleger nicht fürchten. Im Gegenteil: In den kommenden Jahren ist wegen des Fachkräftemangels mit einer höheren Beschäftigungsquote zu rechnen. Und mit steigenden Löhnen sowieso.

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