Die Preise sind in Deutschland zuletzt stark gestiegen. Die Ursachen dafür sind vor allem in der Covid-19-Pandemie zu finden und dürften zeitlich begrenzt sein. Der Gaspreis könnte eine Ausnahme sein — und Vorbote eines Inflationsschubs.

Die Inflation ist nach Zahlen des Statistischen Bundesamts im August auf 3,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen. Ein Jahr zuvor betrug sie noch 0 Prozent und sank in den Folgemonaten sogar auf Negativwerte. Damit ist die Geldentwertung so hoch ausgefallen wie seit 28 Jahren nicht mehr. Für den Preisauftrieb sorgten vor allem stark steigende Energiepreise, auch Nahrungsmittel sind deutlich teurer geworden. Der hohe Anstieg basiert aber zumindest in Teilen auf Einmaleffekten infolge der Covid-19-Pandemie. Die Ursachen im Überblick:

Ursache 1: Die Mehrwertsteuersenkung wirkt nach

Um die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise zu mindern, hatte die Bundesregierung in der zweiten Hälfte 2020 die Mehrwertsteuersätze gesenkt. Mittlerweile sind die Steuersätze wieder auf dem Niveau vor der Pandemie. Heißt: In der zweiten Hälfte 2021 sind Waren gemessen an den Preisen der jeweiligen Vorjahresmonate automatisch teurer.

Ursache 2: Die Energiepreise steigen wieder nach dem Lockdown

Die Energiepreise waren während der Lockdowns aufgrund der niedrigeren Nachfrage stark gesunken. Auch in dem Fall bilden die Preise aus dem Ausnahmejahr 2020 nun die Bezugsgröße für die Berechnung der aktuellen Inflation. Entsprechend hoch fällt jetzt die Teuerung nach dem Wegfall eines Großteils der Restriktionen aus. Ohne die Preiserhöhungen bei Energie hätte die Inflation im Vergleich zum Vorjahresmonat bei 3,0 Prozent gelegen. 

Mit einem Plus von 12,6 Prozent sind die Energiepreise laut Statistischem Bundesamt deutlich stärker gestiegen als das übrige Preisniveau. Der stärkste Preistreiber gegenüber dem Vorjahr waren im August Mineralölprodukte: Heizöl wurde um satte 57,3 Prozent teurer. Der Preis für Benzin und Diesel stieg an der Tankstelle um 26,7 Prozent. Auch der Gaspreis hat kräftig angezogen. Vor allem hier ist derzeit nicht absehbar, ob es sich um einen vorübergehenden Effekt handelt oder ob Gas sich weiter verteuert. 

Ursache 3: Lieferengpässe dauern an

Die pandemiebedingten Einschränkungen haben nicht nur das private Leben betroffen, sondern auch die Produktion vieler Unternehmen. Das wirkt sich vielerorts auf die Lieferketten aus, die — einmal unterbrochen — bis heute nicht wieder voll im Takt sind. Vor allem in Asien läuft das Geschäft noch nicht wieder so routiniert wie vor der Krise. Hier müssen sich viele weiterverarbeitende Betriebe komplett neue Lieferanten suchen1. Nach wie vor gibt es auch Lieferengpässe, welche die Produktionskapazitäten verknappen. Knappheit aber sorgt bei unveränderter Nachfrage bekanntlich für steigende Preise. Der Produktionsstau dürfte sich früher oder später auflösen. Dann verliert die Inflation einen wesentlichen Treiber.

Ursache 4: Nachholeffekte beim Konsum

In einigen Branchen dürfte es erhebliche Nachholeffekte im Konsum geben. Dazu zählen insbesondere Tourismus und Gastronomie. Die Menschen kamen während Corona kaum aus dem Haus. Nun ist bei vielen der Wunsch groß, wieder mehr auszugehen und zu verreisen. Die Nachfrage sollte entsprechend steigen. Gleichzeitig dürfte es einigen Unternehmen schwerfallen, ihr Angebot wieder hochzufahren. So haben zum Beispiel Gastronomen Probleme, Arbeitskräfte zu finden, da sich viele ehemalige Mitarbeiter während der Lockdowns Jobs in anderen Branchen gesucht haben.  

Fazit:
Die aktuell ausgewiesene Inflation dürfte den langfristigen Preistrend insgesamt überzeichnen. Die Entwicklung des Gaspreises bereitet allerdings Sorgen. Denn sie könnte sich festsetzen und Vorbotin einer Phase stark steigender Energie- und Strompreise sein. Und selbstverständlich muss auch die Lohnentwicklung als struktureller Inflationstreiber genau im Auge behalten werden.

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